Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 35. (26.8.1886)
- Date
- 1886-08-26
- Page
- Seite 284 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 284 nahmen innigen Antheil an dieser nationalen Freude und Feier. Auch die Einheit der Wissenschaft wurde betont, deren Bertrcter von allen Seiten Deutschlands nicht nur, sondern der Welt zusammengekommen waren, die Vertreter weltlicher und theologischer Wissenschaften, eine wahre Universitas scientiarum; katholische und evangelische Theologen fühlten sich dort eins, denn beider Theologie und Facultät ist durch ihre Vertreter an der Universität vertreten. Wen erfüllt es da nicht mit Schmerz und Trauer, daß nicht die älteste Theologie, welche die Mutter aller ist, die jüdische, vertreten ist, daß diese in Deutschland seitens keiner Regierung, weder seitens der Reichsregierung, noch seitens einer Particular-Staats Vertretung gefunden hat? Uitb da will man von Judenherrschaft reden? Nicht einmal die Gesammtheit der Juden sorgt dafür, daß ein Lehrstuhl der jüdischen Theologie errichtet werde. Die bestehenden theologischen Seminare sind von einzelnen Juden aus Privatmitteln gegründet und werden dadurch erhalten. Trotz des vermeintlichen Zusammenhaltens sind wir Juden räumlich zerstreut und durchaus nicht geistig geeinigt. Religiöse Zerrissenheit und Parteiung bewirken innerhalb der Gemeinden Spaltung; autonomische Sondergelüste halten die Gemeinden auseinander: die Rabbiner, in denen allein noch Schaffenskraft und Fähigkeit ist, das Judenthum zu erhalten und zu fördern, werden von Beeinflussung und Mitwirkung fern gehalten: woher soll da nun den Juden Kraft und Fähigkeit zu herrschen, sei es nach Außen oder Innen, kommen? Den Juden war von jeher ein gewisser Freihcits- und Unabhängigkeitssinn eigen; sie übten weder Herrschaft aus, noch duldeten sie solche über sich, — „jeder that, was ihm beliebte." Selbst als sie einen Herrscher über sich gesetzt hatten, duldeten sie es nicht lange so, es trieb die Stämme bald wieder nach alter Weise auseinander. Noch heute dünkt sich unter den Juden der Aermste und Niedrigste dem Reichsten und Hochstehenden gleich; sie wählen zum Vorsteher ihrer Gemeinde lieber einen Fernstehenden, auch wenn er dem Judenthum schon fast den Rücken gewandt hat und die Synagoge gar nicht, oder nur selten besucht: sie dulden aber keine Herrschaft über sich und unter sich. Wie kann und soll cs nun da zur Judenherrschaft kommen? Es fehlt den Juden sogar ein einigender Mittelpunkt, eine autoritative Behörde für ihre inneren Angelegenheiten; es besteht keine solche, und es wird den Juden schwer, sich zur Bildung einer solchen zu entschließen. Sie wollen eben keinerlei Herrschaft üben und dulden; sie huldigen dem laisser aller, und wenn es zum Untergang führt. Die Alliance isr. univ., der deutsch-israel. Gemeindebund, und einige ähnliche Körperschaften haben es lediglich mit einzelnen, nicht gemeinsamen, äußeren Verwaltungsangelegenheiten zu thun, gemeinsame und innere religiöse Angelegenheiten sind prinzipiell ausgeschlossen. Welche Kraft einer so einheitlichen Organisation und Centralleitung innewohnt, beweist die katholische Kirche; auch die evangelische strebt jetzt aufs neue nach einer solchen. Warum wir Juden nicht? Wir haben sie nicht, um so gewisser gehört die „Judenherrschaft", welche es auch sei, dem Reich der Träume au. R.-A.. Eine Gefahr für das jüdische Gemeindeleben Deutschlands. i. Die Orthodoxie hat die Idee des freien Vereinslebens in ihren Dienst gestellt; die Nacht hat den Tag zu ihrem Sklaven gemacht. Die Orthodoxie hat sich concentrirt und constituirt. „Getrennt marschiren, vereint schlagen" — diese Parole hat sie mit wunderbarer Energie verfolgt und nun in die Wirklichkeit übersetzt. So lange die Stunde des — Losschlagens nicht gekommen schien, so lang war der getrennte Marsch der vortheilhaftere, schon wegen der Fourage: es ist eine alte Bettler-Erfahrung, daß zehn Klingelbeutel für 10 Zwecke mehr Erfolg haben, als ein Central-Klingelbeutel. Nun scheint aber die Stunde des Losschlagens gekommen. Der Kulminationspunkt der orthodoxen Propaganda in der Defensive ist überschritten, man geht zur Offensive über; ja diese ist ihr gewissermaßen von den Verhältnissen vorgeschrieben. Das beengende Gefühl des Stillstandes, die Todesahnung des Nichtvvrwärtschreitens OyC *VD1Ö 8*711), hat sich den Führern der Orthodoxie ausgedrängt: die alten erprobten Führer, deren Namen nach einigen Klang aus der guten alten gläubigen Zeit in die neue herübergerettet haben, sind bis auf einige wenige zusammengeschrumpft, und diese sind in das Greisenalter eingetreten oder aa der Grenze desselben angelangt, ohne Nachkommen, die sich zur Führer- Rolle qualificiren. Die Orthodoxie steuert einer Zeit mit Riesenschritten entgegen, wo sie nicht mehr über Namen verfügen, die ein Programm bedeuten, und eine Richtung, die ohne Autoritäts-Vergötterung nichts ist, was ist sie ohne Autoritäten? Man sehe sich einmal um in der Orthodoxie: wer soll in die Bresche treten, wenn die wenigen noch übrigen Ecksteine herausgerissen sind? Wer ist an die Stelle der bisher dahingegangenen Koryphäen der aufrichtigen und ehrlichen Orthodoxie, z. B. Bamberg er-Würzburg, Ettlinger-Altona, Auerbach sen.-Halberstadt rc. getreten? Niemand! Die Epigonen der Orthodoxie sind schon vermöge ihrer beschränkten talmudischen Gelehrsamkeit nicht im Stande sich als Autoritäten auszuspielen.. Noch mehr aber hat das unehrliche, egoistische ja oft gewinnsüchtige Gcbahren einzelner derselben — dem Einen ist es um die Propaganda seines Blattes, seiner Druckerei, um Kalender-Inserate u. dergl. zu thun, dem Andern um Propaganda für seine Anstalt, Versorgung seiner Familienglieder, dem Dritten um „uncontrollirbare" Sammlungen für Lrss disroel, einem Vierten um Unterbringung von Bekannten und Verwandten in einträgliche Aemter durch jesuitische Verleumdung andersgesinnter College» — ihre Autorität selbst im eigenen Lager stark erschüttert und untergrüben. Die Denkenden unter den Anhängern selbst, sehen ein, wie und wozu sie ausgebeutet werden. Ja, die Orthodoxie weiß sehr wohl, daß sie an einer Autoritäten-Schwindsucht leidet, was ja ganz natürlich ist, da die moderne Zeit keine Anlagen zur Productivität an orthodoxen Autoritäten besitzt. — Die Orthodoxie weiß aber auch, daß so, wie ihr die Productivität an den zu ihren Lebeusbedingungen gehörenden Autoritäten abgeht, sie, gerade durch den Aufschwung ihrer in der Defensive geschaffenen Institutionen, eine sehr bedeutende Consumentin ist. Die Quellen ihrer Consumtion fließen nicht mit derselbe progressiven Reichlichkeit, als die Progression ihres Consumes es verlangt: — Vor dem Schreckgespenst ihres Rückganges bleibt der bisher defensiv decentralistischen Orthodoxie nichts übrig, als zur zcntralisirten Offensive überzugehen, und die erste Frucht dieser veränderten Strategik ist „die freie (?) Vereinigung für die orthodoxen Interessen." In dieser organisirten Orthodoxie mit ihrer zentralisirten Offensive, erblicken wir eine große. Gefahr für das jüdische Gemeinde leben, und also auch für das Judenthum in seiner geschichtlichen Entwickelung. Den Nachweis für diese schwerwiegende Behauptung werden wir in einem besonderen Artikel an der Hand der nunmehr veröffentlichten Statuten der sogen, „freien Vereinigung" führen. Wir können jedoch nicht umhin, schon jetzt den Vorständen und Rabbinern ein „Caveant“ zuzurufen: alle von jener Seite zugehenden Circuläre, schriftliche oder mündliche Aufforderungen, wenn dieselben auch in noch so süßlicher Sprache abgcfaßt sind, von noch so aalglatteli Versicherungen friedlichen Zusammengehens zu g emeinsamen Zwecken überströmen, «nverückstchtigt zu lassen. Der Fall „Erfurt" hat denjenigen, die die Augen nicht verschließen wollen, zur Genüge gezeigt, wessen die Orthodoxie unserer Tage fähig ist und was ihren Führern ein Wort, briefliche Freundschaftsversicherungen, ja selbst Docu mente werth sind, wenn es gilt Jesuitenstückchen in majorem dei gloriam auszuführen.