Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 34. (19.8.1886)
- Date
- 1886-08-19
- Page
- Seite 280 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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benachbarten Stadt Mannheim war der Rector der Volksschule lange erkrankt; zu seinem Vertreter wurde der dortige israel. Hauptlehrer Kern, der nicht der dienstälteste Lehrer der Anstalt ist, auf Antrag des Oberbürgermeisters und mit Zustimmung der ganzen Geistlichkeit und des gesammten Lehrercollegiums (ca. 100 Lehrer) gewählt. Nachdem der Rector gestorben, behielt Herr Kern die Vertretung bis zur Neubesetzung und auch jetzt, wo solche bereits stattgefunden, ist Herr Kern nicht zu seiner früheren Stelle zurückgekehrt, sondern ist in seinem Amte als Vertreter und Mitarbeiter de» Rectors verblieben. Ist das nicht ein großer Kiddusch haschem? — Der „Liederkranz" Mannheim, ein aus lauter Israeliten bestehender Gesangverein, hat sich unter Leitung seines Dirigenten, Hofkapellmeister Langer, Componist von „Silvana", an dem in Fr ei bürg i. B. stattgehabten „Preissingen" beiheiligt und hat für vortreffliche Leistung auf dem Gebiete des Kunstgesunges den zweiten Preis davongetragen. — Amtsrichter Dr. Stein, Neffe von Rabbiner Dr. Stein in Worms, wurde von Eupen nach Mannheim versetzt. — Oesterreich-Ungarn. Trag, im August. (Or.-Corr.)' Ich saß wieder einmal unter den sogenannten „Draußigen" wie man hier Alle diejenigen nennt, die nicht das Glück haben, die so wenig gesunde Luft der Hauptstadt Böhmens einathmen zu dürfen; ich saß am Tische meines biederen Gastfreundes, eines mit irdischen Gütern, aber auch mit Kindern reich gesegneten, wahrhaft glaubenstreuen, jüdischen Familienvaters — die wackere Gattin desselben, eine jener immer seltener werdenden, mustergiltigen, jüdisch-frommen Hausfrauen, war eben aus der Hauptstadt angekommen, allwo sie den jüngsten Sohn die sogenannte Aufnahmsprüfung behufs Einschreibung in eine Classe des Gymnasiums hatte ablegen lassen. — „Denk Dir nur Papa!" jauchzte der Gymnasiast in spe, was ich für Glück hatte, aus allen Gegenständen wurde ich geprüft, nur in Religion nicht — aber auch gar nicht! — nun war doch all meine Angst, daß ich zu wenig aus diesem Gegenstände mit in's Gymnasium bringe, ganz unbegründet — ich wurde ohne Prüfung in Religionslehre doch ausgenommen." Hoch! Dernichtprüfende Religionsprofessor! Hoch! so riefen jetzt all die älteren Geschwister des in Religion Ungeprüften und die ganze muntere Tischgesellschaft belachte mehr oder weniger die luftige Erruption der jungen Gemüther; — nur der Hausherr als fürsorglicher Familienvater blieb ernst gestimmt, und schaute trübselig drein, ob dieses von der Jugend so heiter aufgeuommenen glücklichen Ereignisses, es wollte uns Beide wohl bedünken, daß es im Interesse der späteren religiösen Richtung des künftigen Studiosus läge, wenn ihm durch eine gerade der Religionslehre bei der Aufnahmsprüfung zu widmende besondere Aufmerksamkeit ein Avis gegeben würde, daß in Zukunft, so wie allen anderen Lehrgegenständen auch diesem die volle Beachtung, Fleiß und Hingebung entgegengebracht werden müsse. Rumänien. Ztnkarest, 29. Juli. Als Seitenstück zu meinem in Ihrem geschätzten Blatte vom 24. Juni Gebrachten, theile ich Ihnen das Nachfolgende mit: „Lujsta", das Organ des Herrn G. Panu, dessen Name an dieser Stelle schon erwähnt wurde, brachte ein Circular des rumänischen Justizministers, an die Gerichtspräsident« in der Moldau nebst einem Commentar des Herrn Panu, das ich Ihnen in getreuer Uebersetzung sende: „Herr Präsident! Gelegentlich der Motivirung seiner Interpellation im Senate hat Herr Senator Eduard G hergel, unter Anderem behauptet, daß fast bei allen Gerichtshöfen in der obern Moldau, so oft ein Prozeß zwischen einem Juden und einem Rumänen vorkommt, derselbe meistens zu Gunsten des Juden entschieden wird. Begierig, positive Auskunft über die Richtigkeit dieser Behauptung zu haben, beehre ich mich Ihnen hier eirr Formular beizulegen, und ersuche Sie, dem Ministerium irr möglichst kurzer Zeit und vor Beschluß dieses Richterjahres, die in dieser Tabelle enthaltenen Aufschlüsse zu befördern^ und zwar: 1. Wie viele Prozesse wurden von allen Abtheilungerr jenes Tribunals im Laufe jedes Jahres zwischen Juden einer- und Rumänen andererseits gerichtet? 2. Wie viele solcher Prozesse waren civile, commerzielle„ und wie viele correctionelle? 3. Wie viele solcher Prozesse wurden zu Gunsten der Juden, sei es als Kläger, oder als Angeklagte, und wie viele derselben zu Gunsten der Rumänen entschieden? 4. Wie viele derselben sind von den Tribunalen als Appellationen gegen Urtheile der Schiedsrichter und wie viele in erster Instanz verhandelt worden? Ich erwarte von Ihnen, Herr Präsident, die Beantwortung dieser Anfragen mit aller Genauigkeit nach dem Registern und Aktenstücken kontrolirt und bewährt. Genehmigen Sie u. s. w. Der Minister u. s. w.*) E. Statesco". Dieses Cirkular ist, wie Jedermann auf den ersten Fall, sieht, eine der schwersten Beleidigungen für das Richterwesen eines ganzen Landthciles, der Moldau. Doch sehen wir uns dasselbe etwas näher an, so wird uns klar, wessen das verhätschelte Genie der liberal-nationalen Partei fähig ist.. Ein Senator, bekannt durch die Leidenschaft, die er in seinem Beurtheilungen zur Schau trägt, so oft von Juden die Redr ist, bringt eine der schwersten Anklagen vor die Oeffentlichkeit^ namentlich die, daß in einigen Tribunalen sich die Richter mit Geld bestechen lassen, um den Juden gegen in Rumänen Recht zu geben. Diese Anklage entfuhr dem Herrn Senator nur gelegentlich, ohne jeden Beweis. Denn von Jemand unterbrochen und befragt, womit er beweise, Wasser behauptet, erklärte Herr Gergel, daß er die Daten und Beweise nicht bei sich habe. Wir wiederholen cs, die Anklage gegen einen Theil des Richterstandes im Lande blieb im Munde des Herrn Senators eine leichtsinnig hingeworfene Aeußerung. Was thut nun der Justiz-Minister in dieser Beziehung? Er ist begierig, positive Auskunft und Bestätigung dieser leichtfertigen Behauptung zu haben." Er geht davon aus, daß> das, was Herr Senator Gergel nur so hingeworfen, reine Wahrheit enthält. Der Herr Minister scheut sich nicht, den Richtern in einem Cirkular zu sagen, er zweifle an ihrer Ehrhaftigkeit; er fordert von ihnen statistische Daten, damit er sich vollständig überzeuge, inwieweit die Richter in der Moldau Schelme seien. Soweit ist das Cirkular bloß, für den Richterstand beleidigend; der Minister sagt den Richtern offen, er halte sie für fähig, die Gerechtigkeit für. Geld preiszugeben. Welche Aufschlüsse verlangt der Minister, von den Präsidenten der Tribunale, um eine vollständige Ueberzeugung zu haben? Der Herr Minister verlangt, man solle ihm ein Verzeichniß aller zwischen Juden und Rumänen stattgehabten Prozesse mittheilen, wie viele derselben zu Gunsten der Juden und wie viele zu Gunsten der Rumänen entschieden worden sind. Man muß nicht den geringsten Begriff haben von der Art und Weise, wie maw eine Sache aufdeckt, um zu glauben, daß solche oberflächliche Auskunft im Stande sei, das Besprochene zu beweisen oder. *) Wie es diesem Herrn Minister jüngst erging, erfahren wir aus dem „Neuen WienerTagcbl." Demselben wird aus B u k a r e st v. 10. August. geschrieben: Ein Konflikt zwischen dem Justizminister Statescu und dem Senator Gradisteanu — cs handelte sich um eme Beschimpfung, auf offener Straße — hat ein Nachspiel gesunden, welches peinlichstes Aufsehen erregt. Gradisteanu richtete an den Jnstizminister ein Schrewen, worin er einen öffentlichen Widerruf forderte und welches mit den Worten schloß: „Ich schicke Dir ein Paar Ohrfeigen und hoffe, daß Du. mich der Pflicht i'berhcben wirst, sie Dir wirklich zu appliziren . Da der Justizminister keine Antwort gab, führte Gradisteanu am nächsten Lage seine Drohung wirklich aus. (Es ist wohl überflüßig zu sagen, daß. Gr. kein Jude ist.)