Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 34. (19.8.1886)
- Date
- 1886-08-19
- Page
- Seite 276 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 276 — heutige Weltanschauung nicht wirklich eine neue Vortragsweise und Formulirung verlangt, um dem alten Inhalt, die gebührende Stellung zu verschaffen, „der alte Wein nicht in neue Krüge" gefüllt werden muß-das alles sind Dinge, für welche im Kreise der Rabbiner und Prediger so viel wie gar kein Interesse vorhanden ist! „Wir haben das alles ja schwarz auf weiß! Wozu viel Forschung?" — Ist das aber nicht „religiöser Jndifferentismus", wie er aufs Beste ist? Wofür soll der Lehrer der Religion mehr Interesse haben, als für die Lehren seiner Religion, für die philosophische Entwicklung derselben den herrschenden Weltanschauungen gemäß? — „Mode-Philosophie!" — Gut, die Mode beweist aber, daß die Menschen auf sich etwas halten! Schließlich ist ja doch alles, und der Mensch selber dem Princip der Mode-Abwechslung unterworfen, der Wechsel bedeutet ja eben Leben, und je weiter entfernt vom Leben abwärts^ desto weniger bemerkbarer Wechsel der Formen: was bedeutet also der Mangel einer jüdischen Theologie? — „Religiösen Jndifferentismus!" — Noch unverantwortlicher ist der Stillstand in dem Theile der Theologie, der sich mit der Unsterblichkeit der Seele beschäftigt. Auf dem Gebiete des Seelenlebens hat unsere Zeit Fortschritte gemacht, die man nie für möglich gehalten hätte, während man früher das no8oe ts ixsuru als das schwierigste, dunkelste Gebiet betrachtete, hat die heutige Psychologie durch Herbart und Beneke eine Klarheit in das Leben der Seele gebracht, wie sie auf dem Gebiete der sinnlichen Erscheinungen niemals erreichbar sein kann. Und diese Klarheit ist am wenigsten eine solche, die die Religion zu fürchten hat. Mit den Resultaten der empirischen Psychologie eines Beneke ist der Materialismus die absolute Gedankenlosigkeit. Aber wo ist die Gründlichkeit für die Behandlung der Unsterblichkeitslehre gepaart mit der Herzenswärme, wie wir sie l. B. noch im Phädon finden? Für diese Dinge fehlt das Interesse. Alles Interesse conzentriert sich auf die Erforschung und Darstellung der jüdischen Geschichte, das gerchichtswissenschaftliche Streben ist der Därnon, dem jeder Rabbiner oder Prediger ein kleineres oder größeres Opfer zu bringen sich verpflichtet fühlt; das wahre, echte, auf das Leben der Gegenwart und das eigene Herz sich beziehende religiöse Interessedie frische, unmittelbare, organische Gestaltung der religiösen Seelenthütigkeit von innen heraus — das fehlt im Judenthume. Im Kreise derjenigen, welche den praktischen religiösen Jndifferentismus im Judenthume unserer Zeit am lebhaftesten beklagen, dominirt der nicht minder starke affective und intellectuelle religiöse Jndifferentismus, und wer weiß, ob dieser nicht ein Vater des ersteren ist? — In aller Kürze sei hier zum Schluß auch noch darauf hingewiesen, daß nach dem Urtheil eines Prof. Lazarus die „jüdische Ethik" zum Stillstand gekommen ist. Sollte man dies bei der philosophischen Bildung unserer Rabbiner und Prediger für möglich halten? — Es fehlt uns eine Theologie, die den Namen einer Theologie verdient, aus Jndifferentismus für spezifischreligiöse Forschungen aus Jndifferentismus gegen das eigentlich religiöse Element der Religion! Unsre Todtenbestattrmg Die Bestattung der Todten ist ein Gebiet, welches meistens noch ganz von der orthodoxen Tradition beherrscht wird; theils aus Furcht, theils aus Aberglaube halten die Meisten sich fern und überlassen alles den Frommgläubigen, denen alle überlieferte Formen heilig und unantastbar sind. Die Vorsteher kennen die Sache als eine noli me tangere und lassen aus Gleichgültigkeit oder Nachgiebigkeit Alles in unveränderter Form; die Rabbiner sind, wie gewöhnlich, ohne Mitwirkung und Einfluß. In den seltensten Fällen werden sie zu Rathe gezogen, und eventuell haben sie nur nach dem Buchstaben und der herkömmlichen Sitte zu entscheiden. Sie werden nicht gefragt, um zu belehren, sondern um zu antworten, und dabei ist oft das Sefer Chajim noch mächtiger, als der Schulchan Aruch; bei abweichendem Entscheide opponirt jede alte Frau, die es in ihrer Jugend anders gesehen haben will, oder stirbt die ganze Chewra und quittirt die Dienst- und Hülfeleistung, welche überall gratis erwiesen wird. In einer solchen Chewra steht alles nach alter, überlieferter Tradition fest, obwohl nicht nach überall übereinstimmendem Herkommen; man hat den Rabbiner nicht zu fragen, jeder will es besser wissen, als er. Man sucht ihn seitens der Familie nur auf, um dem Todten eine Denkrede zu halten, die Bestattung ist der Brüderschaft überlassen. Selbst in großen Städten ist es, wie wir noch kürzlich Gelegenheit hatten zu erfahren, nicht anders, und unser Auge gewahrte da noch manches Anstößige. Nur die Männer und Flauen der Chewrza waren thätig; weder ein Vorstandsmitglied, noch ein Rabbiner waren anwesend, und es sind deren mehrere in der Gemeindeangestellt. — Der Sarg war nach alt-frommer Weise von den Männern der Brüderschaft selbst gezimmert und genagelt; selbst der Deckel wurde mit Nägeln und lauten Hammerschlägen befestigt, ein geräuschloses Schließen mit Schrauben wurde nicht beliebt und als nicht üblich zurückgewiesen. Der Sarg war unförmlich, überhoch und überlang, an einen Zuschnitt in verjüngter Form nicht zu denken. So wurde der Sarg überschwer, und da Traghenkel nicht angebracht waren, konnte derselbe auf der hohen, steilen und schmalen Treppe nur mühsam transportirt werden. Er lief sogar Gefahr, den Händen der Träger zu entrutschen, weil nicht mehrere Träger auf der Treppe nebeneinander Raum hatten; da drängten sich zur Verhütung des Unfalls noch einige Träger dazwischen welche dann an dem ungehobelten Holze Hände und Kleider zerrissen und an den Farben der Wand diese beschmutzten, aber auch, in diesem Aufzuge die Leiche begleiteten, obgleich der Leichenconduct sonst ein pompöser, von vielen Wagen begleitet, war. Der Blumenschmuck war offiziell ausgeschlossen uud wurde extra, gleichsam heimlich auf's Grab befördert. Schwarz getüncht war natürlich der Sarg nicht, obwohl ein schwarzes Tuch ihn bedeckte. Die Form des Sarges nach Berliner Muster mit erhöhtem und nach den Seiten sogar vorspringendem Deckel ist eine christliche Form und entschieden zu verwerfen; der Durchschnitt zeigt das christliche Kreuz, das Kopf- und Fußende erinnert deutlich an die Form der Cruzifixe. indem sogar die übliche Ueberdachung nicht fehlt. Es ist dies wohl eine sclaoische Nachahmung der christlichen oder jüdischen Schreiner, welche sich des Zwecks dieser Form und ihrer einzelnen Theile nicht bewußt sind. Zu erwähnen ist dieser Gegenstand auch darum, weil die Form dieser Berliner Särge in anderen Gemeinden blinde Nachahmung gefunden hat. Der Deckel muß demnach flach gehalten werden. Auch die Polirung und farbige (nicht schwarze) Tünchung des Holzes, wie luxuriöse Prunkhenkel, die wir oft an diesen Särgen bemerkten, verwerfen wir, als dem Grundsätze der Einfachheit und Gleichheit widersprechend. Aus gleichem Grunde sind auch luxuriöse Todten - kleider und monumentale Grabste ine auszuschließen. Die Alten haben, um dem Luxus zu wehren, für Todtenkleidung den wohlfeilsten Stoff angeordnet. Dieser war damals Leinen, denn Baumwolle kannten sie noch nicht. Fälschlich glaubt man jetzt, auf Gewohnheit und Ueberlieferung sich berufend, daß es nothwendig Leinen sein müsse, daß dieses gesetzlich vorgeschrieben sei. Aber dagegen eifern wir nicht so sehr, wie gegen den Luxus, der wiederum mit der Wahl der feinsten und theuersten Leinensorten und mit der theuersten und reichsten Spitzeuverzierung der Todtenkleider getrieben wird. — Als Grabsteine, zur Anbringung der Inschrift, wurden ehemals die Schlußsteine der Grabgewölbe benutzt. Die einfache, halbrunde Form dieser Schlußsteine blieb denn auch später noch üblich, als Grabgewölbe nicht mehr im allgemeinen Gebrauch waren, um Denksteine neben die