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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-08-05 · N° 32. (5.8.1886) · p. Seite 263

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 32. (5.8.1886)
Date
1886-08-05
Page
Seite 263 (sequence 5)
Language
German
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— 268 Wahlagitation viel energischer wie in früheren Jahren zu betreib»»» und nur solchen Kandidaten die Stimme zu geben, die für Vernichtung der Synagogen und Religiousschulen zu wirken sich verpflichten. Merlin. In der Annoncen - Expedition von Rudolf Mosse zu Frankfurt a. M., so theilt der Polizei Präsident daselbst sämmtlichen Behörden mit. hat ein unbekannter Schwindler unter dem Namen Fabrikant F. Mertens aus Deutz a Rh. am 15. April d. I. nachstehende Annonce zum Abdruck in dem Mainzer Israelit aufgegeben: „Die Lehrerstclle bei einer gr. isr. Gemeinde a. Rh. ist am 1. Juli d. I. neu zu besetzen. Gehalt pro». 2000 M. nebst freier Dienstwohnung. Günstige Prüfungs-Zeugnisse, welche am 1. Mai franko retour gesandt werden, sind im Original alsbald unter R D. Nr. 1305 an die Annoncen - Expedition von Rudolf Mosse in Frankfurt a. M. zu richten." An denselben ist dann unter der von ihm angegebenen Adresse, F. Mertens Pfälzer-Hof in Mannheim, ein umfangreiches Packet Offerten mit Original-Zeugnissen von uachbenanntcn, bis jetzt erinitteltfit 16 israelitischen Lchrern am 17. April d. I. abgegangcn: M. Strauß in Bvllwcilcr in Oberelsaß, A. Auerbach in Labischu» in Posen, I. Schönbach in Holzminden. R. Rosenheimer in Buhl in Baden, Max Cohn in Miloslaw, Jos. Kahn in Mainz, M. Kahn in Rimbach im Odenwald, S. Pfeiffer in Schcnnngcn, Plaut in Bergbvlzhausen bei Bielefeld. S. Massenbacher in Wittenberg a. M., Popper in in Wcißcnfcls, A. Heimbergcr in Reitlingen in Baden, M. Frank in Bilbel in Oberhessen, Scheuer in Saarwcllingen, W. Lomnitz in Stade, W. Frank in schotten in Oberhessen. Das Polizei-Präsidium hat eine Recherche nach diesen Original - Zengiiissen angeordnet. Wiederum dient dieser Fall zur Warnung,Original-Zeugnisse niemals auf Grund einer bloßen Zeitungs-Annonce Unbekannten anzuverlrauen. Äus MiekefeU» erhalten wir nunmehr den gedruckten Bericht über die am 13. und 14. Juni 1886 in Bochum abgehaltenc Konferenz des „Vereins israelttischer Elementar- Lehrer Westfalens und der Rheinprovinz". Wir tragen aus demselben als Ergänzung zu unserem in Nr. 29 und 30 unter „Bochum" gebrachten Spezialbericht die bemerkenswerthe Ansprache des Herrn Oberbürgermeister Bollmann- Bochum nach. Derselbe bat um Entschuldigung, daß er einer Reise wegen am zweiten Tage erscheine und hieß als Vorsitzender der städtischen Schulverwaltung die Konferenz in den Mauern der Stadt Bochum herzlich willkommen. Im Laufe feiner Rede führte derselbe etwa Folgendes aus: Er freue sich, eine Versammlung isr. Lehrer hier begrüßen zu köniten. Er sei erschienen, damit man riicht etwa sein Ausbleiben dahin deute, als ob er der Richtung huldige, die leider heute in alle Schichte»! unserer Gesellschaft eingcdrungen sei. Zu seluem Bebauet n hätten sich auch m der Stadt Bochum jene Bestrebungen bemerklich gemacht, die man mit dem Namen „Antisemitismus" bezeichne. Sowohl er persönlich als auch die Stadtverwaltung, welche er vertrete, wisse sich frei von jedem Vorurtheil gegen die jüd. Mitbürger, und dieselbe habe erst jüngst durch die Oeffentlichkeits-Erklärung der jüd. Schule und Uebernahme derselben auf den städtischen Etat den Beweis für die Thatsache erbracht. Erhob ganz besonders hervor, daß er jene Bestrebungen tief bedaure. Es wäre Aufgabe der jüd. Lehrer, in der Schule die Liebe zu ihrer väterlichen Religion und zu ihren altehrwürdigen Institutionen zu lehren, in die Herzen t er Kinder den Geist echter Gottesfurcht und Frömmigkeit zn pflanzen, wahrhafte Humanität und ganz besonders die Liebe zum deutschen Baterlande zu pflegen. Dann würden die Bestrebungen ihrer Feinde zwecklos sei»r, und er hofft, die Zeit werde nicht mehr fern sein, in welcher die Gegner der Juden diese Bestrebungen gänzlich einstellen. Auch die Juden seien echte und gute Bürger des deutschen Vaterlandes und hätten auch ein'Recht darauf, als solche zu gelten. Schließlich wünscht er, daß überall der jüd. Schule die ihr zustehende -Stellung auch eingeräumt werde, und unseren Beralhungen wünscht er den besteir Erfolg. Anhaltender Applaus lohnte diese herrliche Rede, welche auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Der Vorsitzende sprach zum Schluß seinen Dank u. A. dein Herrn Oberbürgermeister für ferne außerordentlich wohlthuenden Worte, die in den Herzen der jüd. Lehrer einen sympathischen Anklang gefunden haben, und spricht die Hoffnung aus, es möge bald an der Zelt sein, daß solch huinane Gesinnungen nicht mehr als Ged »nkeu einzelner Ehrenmänner, sondern als die aller unserer Mitbürger Geltung geioinnen. Hstrowo. Wir haben in einer früheren Nr. über d»e Schritte berichtet, welche Frau H. Springer von hiergegen die Ausweisung rcsp. n>n eine längere Aufenthaltsgenehmigung behufs Verwerthnng ihrer beideil Grundstücke gethan hat, u»ld cs war in diesem Bericht eines Ältestes erwähnt, welches der Vikar Prinz Radziwill der Aermsten ausgestellt hatte. Da dasselbe über die Verhältnisse der Ausgewicsencn eine zuverlässige Auskunft gicbt, bringen wir es hier zum Abdruck: „Auf genaue Erkundigung »», die ich hier am Orte persönlich eingezogcn habe, theile ich hierdurch auf Wunsch mit, daß Frau H Springer, mosaischer Religion, d.rcn Ehemann a.s russischer Unterthan von der Ausweisung betroffen ist und das preußische Gebiet bereits verlassen hat. eine geborene Seide. borg, hier in Ostrowo geboren gst, und daß sie zwei Grundstücke in der jüdischen Straße besitzt, deren MiethSwerth auf 900 M. geschätzt wird. Eine erneute auch auf Frau Springer ausgedehnte Ausweisung würde sie in ihren Vermögensverhältuiffen bedeutend schädigen, und da .hr allerseits ein gutes Zcugniß als einer fleißigen und arbeitsamen Frau ansgestellt wird, möchte ich dltrch diese Darlegung ihrer Verhältnisse gern die Schritte unterstützen, »velche sie gegenwärtig in Berlin bei den hohen königlichen Behörden unterni»,tmt, um eine Aufhebung der Ausweisung für sich und ihren Sohn herbeizuführen. Ostrowo, 4. Mai 1886. Edmund Prinz Radziwill, Vikar". — Der Bescheid des Ministers des Innern lautete: „In Bescheidung auf die von dem Mitgliede des Reichstags, Herrn Or. v. Jagdzcwski mir überreichten Vorstellung vom 5. d. Mts. eröffne ich Ihnen bei Rückgabe der Anlagen, daß ich »rach Prüfung der obwaltenden Verhältnisse mich nicht veranlaßt finde, die Ihnen zum Verlassen des preußischen Staatsgebiets zn wiederholten Male» und zuletzt bis zum 1. April er. gewährte Frist noch weiterhin zu verlängern. Der Minister des Innern re" — Ehe noch Frau Sp. diesen Bescheid erhielt, den sie in Berlin abwartert wollte, wurde sie daselbst a»n 28. Juni in der Wohnung ihrer Schwester von zwei Kriminalschutzleuten festgenommen. Sie erzählt nun über ihre Erlebnisse u. A. Folgendes: „Ich wurde nach dem nächsten Polizeirevier und dann »rach venr Molkenmarkt gebracht, wo mir eröffnet wurde, vaß meine Verhaftung auf Veranlaffuug des Lairdraths Meyer in Ostrowo geschehe. Nachdem ich Vj2 Tag tut Arrestlokale zugebracht, wo mir nur ein Stück trockenes Brod verabreicht wurde, da man sich weigerte, mir für »nein Geld koschere Kost zu besorgen, wurde ich per Transporteur nach Frankfurt geschafft, »vo ich wieder ins Arrestlokal gebracht ward. Am Mittwoch ging es nach Posen weiter, dort wieder Aufenthalt iin Arrestlokal bis Donnerstag, und an diesenr Tage langte ich in Ostrowo an. Auf dem bärtigen Bahnhofe nahmen mich zwei Polizeisergeanten und zwei Gendarinen in Empfang, die mich nach der Polizeiwache transportirten, als ob ich irgend ein Verbrechen begangen hätte. Ich bat, daß »nan mich aus meiner Wohnung etwas Wüsche holen lasse, es wurde mir nichts gewährt. Auch meiner Schwester wurde nicht gestattet, »nir Nahrungsmittel zu verabreichen und einige Worte mit mir zu wechseln. So mußte ich im offenen Wagen in Begleitung von Pvlizeibealnten im heftigsten Regenguß ohne jeden Schutz nach Kalisch fahren, wo ich zuvörderst wiederum verhaftet wurde". Die Briefschreiberin theilt nun ihre Erlösung und Vereinigung mit ihrem Ehemann mit, sowie daß sie darauf schwer erkrankt sei. Nach ihrn Wiederherstellung reiste sie

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