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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-07-29 · N° 31. (29.7.1886) · p. Seite 255

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 31. (29.7.1886)
Date
1886-07-29
Page
Seite 255 (sequence 5)
Language
German
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studium treu und setzte es eifrig fort, so daß sein Vater ihm bald den Morenu-Titel verleihen konnte, der später von verschiedenen Rabbinern bestätigt wurde. Besonders betonte Herr Dr. Frank noch sein Freundschaftsverhältniß zu dem Verblichenen, daß er sich nicht allein öfters mit demselben über religiöse Themata unterhielt und dabei sein umfangreiches, tiefes Wissen bewundern mußte, sondern daß er sich auch oft bei dem mit großen Kenntnissen und reicher Erfahrung ausgestatteten ehrwürdigen Greise Rath holte. Aus Hr. Kessen 20. Juli. (Or.-C.) Wir scheinen jetzt dem Großherzogthum Mecklenburg mit seinen abweichenden Zuständen gleich zu stehen.. Auch von dort wird gemeldet, daß Juden von Staatsämtern fern gehalten worden, und die Volksvertretung dankt der Regierung hierfür. So weit ist es bei uns zwar noch nicht gekommen. Dagegen werden in Hessen ebenfalls die Juden von den Beamtencarrieren zurückgewiesen. Nur einzelne Lehrer sind ausnahmsweise au öffentlichen Volksschulen angestellt; eine jüdische Lehrerin ist dagegen jün st offieiell zurückgewiesen worden und jüdischen Gerichtsassessoren wurde ausdrücklich erklärt, daß sie als Juden nicht angestellt werden würden. Man weiß aus coiupetenter Quelle, daß es so stets Staats-Maxime gewesen; nur weiß man nicht, ob es so auf höhere Weisung, oder aus eigener Initiative des Ministeriums geschieht. Wie dem auch sei, die Juden haben ein verfassungsmäßiges Recht auf Anstellung; wie darf diesem gegenüber eine Regierung offen erklären: Juden können nicht angestellt werden? Es wäre Pflicht der betreffenden Gemeinden, bei der Landesvertretung und dem Reichstage eine bezügliche Interpellation zu veranlassen oder um Gewährung des voll n Rechtes aller Juden zu petitioniren. Es wäre aber auch Pflicht des D. I. G.-B., als der einzigen Centralvertretung, die wir für die Gemeinden Deutschlands besitzen, für das gekrankte Recht der Juden cinztnreteu. Eine solche That würde der Anerkennung des D. I. G.-B. weit förderlicher sein, als alle bisherigen Bestrebungen, welche eines greifbaren Zieles und Ersatzes noch entbehren. Allein der Ausschuß des Deutsch- Jsr. Gem.-Bundes verkennt immer mehr seine Hauptaufgabe und beschreitet, seitdem er seinen Sitz in Werkin hat, Gebiete, die dem Bunde fernab liegen. Wenn die Leitung nicht bald eine andere wird, geht der Gemeindebund, an dessen Gründung sich so stolze Hoffnungen geknüpft hatten, seiner Auflösung entgegen; die Orthodoxie, mit der er in den letzten Jahren geliebäugelt, hat ihm bereits den Absagebrief geschrieben, die „freie Vereinigung zur Wahrung vrthod. Interessen" hat dies offen durch ihr Organ verkündet. Akatow, W.-Pr., im Juli. (Or.-Corr.) Als hier die Tirauernachricht voll dem plötzlichen Ableben des Herrn Rabbiner Dr. Co hn in Berlin eintraf, glaubte ich, daß von Berlin aus dieses für so zahlreiche Kreise, namentlich aber für die hiesige Gemeinde, betrübenden Trauerfalles Erwähnung gethan würde. Da dieses bis jetzt jedoch nicht geschehen ist, so erlaube ich mir von hier aus, wo der Verblichene 13 Jahre lang gewirkt hat, einen kurzen Nekrolog des Verstorbenen zu gebe«. Nachdem sein Vater, der weitbekannte Rabbiner in Gollub, dessen Name noch jetzt mit Ehrfurcht genannt wird, im frühesten Mannesalter vom Tode dahingerissen wurde, hatte sich der Verwaiste mit wahrem Feuereifer dem Talmudstudium zugewandt und sich eine bedeutende Kenntniß erworben. In Berlin vollendete er seine Studien. Nicht lange nach Beendigung derselben trat er in unserer Gemeinde das RabbinatSamt au, das er mit treuer Hingebung zur Zufriedenheit der Gemeinde bekleidete. Ungern sah ihn die Gemeinde, die in fortwährendem Abnehmen begriffen war und einen Rabbiner nicht mehr halten kolmte, voit hier scheiden, wo er ein Wohlthäter der Armen, ein Fürsorger der Kranken gewesett war. Seit 15 Jahren weilte er in Berlin, wo ihn Jett 12 Jahren fortwährende Krankheiten heimsuchten und wo er den Becher des Leidens bis zur Neige leeren mußte, um jetzt, wo sein Lebensabend vielleicht eine andere glücklichere Wendung genommen hätte (sein einziger Sohn, Herr Dr. Arthur Cohn, ist ungefähr seit einem Jahre Rabbiner in Basel) durch einen sanften Tod vom irdischen Leben abberufen zu werden. Worte des Schmerzes sprach der Sohn an der Bahre seines verstorbenen Vaters im Trauerhause, wo sich zahlreiche Freunde und Verehrer des Verblichenen eingefunden hatten. Ein stattlicher Zug folgte der Leiche nach dem Friedhofe, wo Herr Rabb. Dr. I. Hildesheimer die Trauerrede hielt. Möge den trauernden Hinterbliebenen der Sohn zum Tröste dienen! L. Ans dem Hlassauifchen. (Or.-Corr.) Der greise Rabbiner Dr. Hochstaedten hat zum 15. Juni sein Amt als Orts- und Bezirksrabbiner mit Rücksicht auf sent Alter niedergelegt. Ungefähr 50 Jahre hat er sein Amt verwaltet, und ist ihm die Organisation der jüdischen Cultus-Angelegenheiteu im frühereit Herzogthum Nassau zu Dank^ verpflichtet worden. Das Organisations-Reglement vom Jahre 1842 ist sein Werk. Auch ist es bekannt, daß Herr Dr. Hochstaedter sich durch Gründung und langjährige Leitung des vor einigen Jahren von Ems nach Cassel verlegten Lehrer- Seminars große Verdienste um Schule uitb Lehrerwelt erworben hat. Schott vor einigen Jahren hatte er unter Nachsuchung einer mäßigen Pension sein Amt niederlegen wollen. Au dem Widerspruche sämintlicher Wiesbadener Mitglieder des Nassauischen Synagogen-Rathes, zu den auch der damalige Rabbiner Süßkind gehörte, scheiterte die Geliehmigung der Pension. Wiesbaden ist freilich in der Lage, eilte eigene Pensions-Kasse zu besitzen, und hat ja auch bald darauf Herrn Rabbiner Süßkind mit 4500 Mk. pensionirt. Die Genehmiguug der Pension des Herr Dr. Hochstaedter seitens der Königlichen Regierung wäre aber ein auch für den Deutschen Rabbiner-Stand im Allgemeinen lverthvolles Präcedenz gewesen, und es ist gewiß ztt bedauern, daß diese al lgemeinen Gesichtspunkte damals von lokalen Interessen zurückgedrängt wurden. — Nun ist Herr Dr. Hochstaedter ohne Pension abgegangen. Er ist ja glücklicherweise in der Lage, der von ihm mehr um des Prinzipes willen beanspruchten ntäßigen Pension entbehren zu können. Möge es ihm vergönttt sein, noch recht lange seinen Lebensabend in frischer Gesundheit des Körpers und Geistes genießen zu könneti. — Fost. (Or.-Corr.) Am 2. Juli verschied hier plötzlich im Alter von 72 Jahren Herr S. M. Böhm. Daß sein Leben für die größere israelitische Gesammtheit Oberschlesiens eine hohe Bedeutung hatte, zeigte in klarster Weise sein Tod. Aus der Nähe und Ferne waren am 4. Juli nach vielen Hunderten zählende Glaubensgenossen nach unserem winzigen Städtchen zusammengeströmt, um dem hochgeschätzten Todten die letzte Ehre zu erweisen. Er hielt nicht nur unser Gemeindeweselt nach Maßgabe seiner hohen Intelligenz, seiner großeit Gewissenhaftigkeit, seiner. ungeheuchelten israelitischen Frömmigkeit seit vielen Jahren zusammen, er war auch unfern religiösen Glaubensgenoffen in den Nachbarkreisen Beuthen, Tarnowitz, Lublinitz, Rosenberg als ZTPSB hoch geschätzt. Eine besondere Freude war es ihm, neugeborene Knaben in beit Bund Abraham's aufzuuehmen. Er war in den erwähnten Kreisen seit mehreren Jahrzehnten einer der geschicktesten, bewährtesten, gesuchtesten dem seine r iche praktische Erfahrung und seine nicht gewöhnlichen, auf die Operation sich beziehenden chirurgischen Kenntnisse auf's Trefflichste zu Statten kamen. Er hat wohl über 1000 Knaben durch die Beschneidung in den Bund unserer Väter eingeführt und er hat es stets verstanden, diesem religiösen Acte durch sein würdiges Auftreten und durch angemessene, kleine Ansprachen die rechte Weihe zu geben. Er scheute w.der Anstrengungen, noch persönliche und materielle Opfer, um dieses religiöse Gebot nach Gebühr vollziehen zu lassen. Sein Geschäft — eilte schwunghaft betriebene Bäckerei und eine beträchtliche Ackerwirthschaft — ließ er sehr oft Tagelang iin Stiche, Sabbath- und Festtagsfreude im Kreise seiner von ihm zärtlich geliebten Frau und Kinder gönnte er sich nicht, wenn die.

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