Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 30. (22.7.1886)
- Date
- 1886-07-22
- Page
- Seite 248 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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248 — '■ -im.: Heringen und Kolonialwaaren, wird lediglich durch die hier lebenden kleinen russisch-jüdischen Kommissionäre ermöglicht. Ferner kommen in Betracht die zahlreichen, in den hiesigen Geschäften angcstellten russisch-jüdischen Korrespondenten, gleichfalls unserem Handel sehr nützliche Personen, da die Kenntniß der russischen Sprache in Deutschland wenig verbreitet ist; die russisch-jüdischen sogenannten Hausmakler der Flachs-, Hanf- und Lumpenbranche, eine Eigenthümlichkeit dieser Geschäftszweige und eine für dieselben kaum entbehrliche Institution; die in den Flachs- und Hanfgeschäften ihrer besonderen Fertigkeit in der Bearbeitung des Flachses und Hanfes wegen angestellten russischen Bracker; die russischen Rubelmakler und noch so manche anderen russisch-jüdischen kleinen Händler und Gewerbetreibende. Der Einzelne derselben mag vielleicht als wenig bedeutsam für den hiesigen Handel erscheinen, aber das Zusammenwirken aller dieser Personen erzielt bedeutende Resultate. Ein Theil derjenigen russisch-jüdischen Händler, die bis zum 1. April 1886 befristet waren, hat diesen Termin, der ständigen Unsicherheit und Ungewißheit über sein ferneres Schicksal müde, nicht abgewartet und ist freiwillig gegangen. Die in sonstigen Jahren nur zeitweilig kommenden russischen Kommissionäre sind zum Theil ausgeblieben, weil sie befürcheteu, daß ihnen eine genügende Frist zur Abwickelung ihrer Geschäfte nicht gewährt werden würde. . . . Auf der Hand liegt es, daß die russisch-jüdischen Händler einen Platz zu meiden und zu verlassen suchen, in welchem sie ihres Bleibens nicht gewiß sind. Die Ungewißheit muß zuweilen davon abhalten, mit ihnen Geschäfte abzuschließen, noch häufiger sie selbst hindern, neue Geschäfte einzugehen. Schweiz. Zürich. Zürich nimmt von Jahr zu Jahr an Einwohnerzahl zu, so daß es mit seinen 10 Vorstädten jetzt ca. 80,000 Einwohner hat. Auch für unsere Glaubensgenossen ist es ein starker Anziehungspunkt geworden; die Gemeinde zählt bereits 115 Familien. Außerdem werden wohl noch 100 israel. Familien hier wohnen > die der Gemeinde nicht beigetreten sind. Seit ca. 5 Jahren ist Herr Samson Bernheim Gemeinde-Präsident und waltet derselbe mit eben so viel Eifer, als Langmuth und Versöhnlichkeit seines schwierigen Amtes. Jüngst erst haben sich ein Mediziner, Or. Bloch, und ein Jurist, Or. Guggenheim, hier ansässig gemacht, Auch unsere beiden Hochschulen, zunächst das Polytechnikum, besitzen unter den Docenten Israeliten; erst ganz kürzlich gefeute sich zu einigen bereits habilitirten, wie Prof. Or. Wolf, Prof. Or. Goldschmidt, Herr Or. Stein aus Berlin als Privat-Doccnt; Letzerer hat die Kanzel mit dem Katheder vertauscht. So hebt sich das hiesige Gemeindewesen nicht nur quantitativ, sondern es nimmt auch au Intelligenz und wissenschaftlicher Bildung zu. Möge es progressiv so weiter gehen, damit die materiellen Opfer für den Einzelnen geringer werden. Unser Gottesdienst findet noch fast in althergebrachter Weise statt, nur daß Freitag Abend das Lied „L’cho-daudi“ von einem aus Damell und Herren bestehenden Chor mit Harmonium-Begleitung gesungen wird, und am Sabbath ebenso das Aus- und Einheben der Thora mit M u s i k und Gesang begleitet wird. Die Agnalion gegen den Gottesdienst mit Musikbegleltung, die von auswärts importirt wurde, fand Januar d. I. ihr Ende, indem die General-Versammlung mit allen gegen 4 Summeu die Beibehaltung des Harmonlunls und Chores beschloß. Unsere Religionsschule gedeiht und entwickelt sich immer mehr; sie besitzt jetzt 88 Schüler m 5 Klassen, die den Unterricht in allen Fächern genießen. Der Präsident des Schul- Borstandes (hier Schulpflege genannt) ist Herr Ullmann, Maschinen- Fabrikant, der der Sache seine ganze Kraft und freie Zeit widmet. Die Anfänger hatten schon nach einjährigem Schulbesuch eilte Fertigkeit im Lesen des Hebräischen^ erlangt. Aus der biblischen Geschichte wußten sie die Schöpfungstage, die 10 Gebote, die Namen der Feste; außerdem einige Lehren der Sittlichkeit und Menschenliebe. — Die Zöglinge der nächsthöhern Klasse lasen sehr gut nach den Accenten, überschten geläufig aus der Fibel und erzählten zusammenhängend biblische Geschichte. Außerdem konnten sie schon die einfachsten grammatischen Formen bilden. Die Knaben und Mädchen der 3. Klasse zeigten ordentliche Fertigkeit im Lesen, waren sehr gut bewandert in der bibl. Geschichte bis zum Tode Moses*) und wußten die wesentliche Bedeutung aller Feste, wie alle sittlich religiösen Gebote der Thora anzugeben. Die Konjugation des Zeitwortes durch die 3 Hauptzeiten war allen geläufig. Die Schüler der obersten (4.) Kl. Knaben und Mädchen von 13—14 Jahren, zeigten, daß sie mit der Gebet-Ordnung für das ganze Jahr wohl vertraut sind, daß die Bibelkunde ihnen nicht fremd. In der Pflichtenlehre, namentlich dem Abschnitte, der von den Pflichten gegen die Nebenmenschen handelt, waren sie gut bewandert. Sie konnten die Hauptgebete geläufig übersetzen und die Knaben im Pentateuch die durchgenommenen Pensa auch grammatikalisch analysiren. Der Armen-Verein hat in diesem Jahre ca. 1600 Fr. an Durchreisende und hiesige Unbemittelte verabfolgt. Der Verein ist ein freiwilliger, indem Jeder demselben beitreten kann. Leider gehören demselben kaum die Hälfte der Gemeinde-Mitglieder an, was im Interesse des Kassen-Zustandes zu beklagen ist. Der Beerdigungs-Verein hat sich neu organisirt und ist der neugewählte Vorstand bemüht, seine Aufgabe voll und ganz zu lösen. Der Frauen - Verein mit der Tendenz der Unterstützung von Kranken und Wöchnerinnen, zählt ca. 90 Frauen als Mitglieder. Außer diesen in jeder jüdischen Gemeinde bestehenden Wohlthätigkeits-Vereinen ist seit der Vollendung der Synagoge noch ein Verein in's Leben getreten, dessen Aufgabe es ist, die Mitglieder gesellig zu vereinen, sowie namentlich Stimmbegabte für den Synagogenchor heranzubilden. Letzteres erzielt er durch die jeden Sonntag Abend stattfindenden Uebungen, ersteres, Pflege der Geselligkeit, durch Bälle an Purim, Simchas Tauroh. Chanuka, sowie Soiräen im Laufe des Jahres. Charakteristisch ist, daß dieser Verein doppelt so viel Mitglieder zählt, als der Armen-Berein, nämlich 110. Nußland. Wikna. Eine arge Judenhetze hat im Städtchen Dolhinow^ stattgefunden. Das alte Märchen vom Christenblut, welches die Juden zu rituelle., Zwecken gebrauchen sollen^ war auch hier die unmittelbare Ursache der Verfolgungen. Ein 12jähriger Bauernknabe war nämlich eines Tages spurlos verschwullden und wurde erst eine Woche darauf im benachbarten Walde, an einem Baume hängend, todt aufgefunden. Den Körper des Knaben bedeckten unzählige Beulen und Wunden. Die sofort eingelettete gericht.iche Untersuchung nach dem Urheber des Verbrechens blieb erfolglos. Da fielen einige Uebeldenkende auf den Gedanken, die Juden hätten den Mord verübt. Dies genügte, um die auS Anlaß des katholischen Feiertags zahlreich herbeigeströmten Bauern zu.n Entschluß zu bringen, die Juden zu überfallen. Eine mehrere tausend Köpfe zählende Menge warf sich am Hellen lichten Tage in uirsinniger Zecftörungswuth una plündernd und raubend auf die jüdischen Lrden und Häuser. Die fliehenden Juden wurden erbarmungslos mit H>eben und Stockschlägen triktirt, so daß viele auf den Straßen infolge der erhaltenen Wunden liegen blieben. Etwa 23 Israeliten erlitten derartige schwere Verletzungen, baß deren Heilung fraglich ist, während die Zahl der leicht Verwundeten sich an Hundert beläuft. Von einer Vertheldigung konnte bei dem plötzlichen Ueberfall und der geringen Polizeiinacht keine Rede sem. Zwei Tage darauf langte der Gouverneur aus *) Das ist für Kinder von 12—13 Jahren doch ein etwas zu geringes Maaß von bibl. Geschichte. Wann sollen die Schüler dann den übrigen noch sehr großen Theil der biblischen, wann das Hauptsächlichste aus der n a ch biblischen Zeit bis zur Neuzeit lernen? (Red.-