Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 30. (22.7.1886)
- Date
- 1886-07-22
- Page
- Seite 249 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 249 Wilna am Orte der Katastrophe an und erließ persönlich die nöthigen Verfügungen. um die sofortige Verhaftung der Schuldigen zu veranlassen. Vermischte und neueste Nachrichten. Werkln. In Bezug auf Vorgänge antisemitischer Richtung richtete der Direktor der Kunstakademie. Anton von Werner, in der V-rsammlung der Lehrer und Schüler der Kunstakademie eine ernste Verwarnung gegen die Betreffenden und erklärte, daß im Falle der Wiederholung derartiger Vorkommnisse dieselben von der Anstalt, die mit solchen Dingen nichts zu thun habe, verwiesen werden würden. Werkt«. Der Kronprinz hat wieder einen Beweis für die Verachtung geliefert, die er für den Antisemitismus hegt. Bei der jüngst stattgehabteu Enthüllung des Denkmals in Berlin unterhielt sich der Kronprinz lange mit dem Hof- Prediger Or. Kögel, den daneben stehenden Or. Stöcker würdigte Se. Königliche Hoheit keines Wortes, keines Blickes. Werkt«, 12. Jul>. Das „Kleine Journal" von heute bringt folgende unglaublich klingende Mittheilung: Der Inhaber eines Locales in einer der Straßen der innern Stadt, in welchem nur ruhige Gesellschaft verkehrt, wurde in letzter Zeit mit unheimlicher Regelmäßigkeit mit polizeilichen Strafverfügungen bedacht, weil er nach 11 Uhr Abends — das Local hat um diese Zeit Sperrstunde — noch Gäste in dem Restaurant geduldet habe. Auch fanden sich gegen die Sperrstunde sehr häufig jene Herren ein, in welchen der erfahrene Berliner sofort Beamte tn Civil erkennt. Der Restaurant- Inhaber, dem früher nie Aehnliches passirt war, da er mit peinlicher Sorgfalt Alles vermied, was die Aufmerksamkeit der Polizei auf sei» Local, welches als eines der besten und vornehmsten seiner Branche bekannt ist, lenken konnte, erkundigte sich endlich persönlich nach dieser auffallenden polizeilichen Observation. Da erfuhr er denn, daß jeder Strafverfügung eine Denunciation voraufgegangen war, die von — dem Bewohner der über dem Restaurant gelegenen Etage erfolgte. Der Denunciant ist nun ein Glaubensgenosse des Restaurant-Inhabers, er b kleidet sogar, durch das Vertraueil seiner israelitischen Mitbürger dazu berufen, ein Ehrenamt, er gehört dem Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde an! Wernöurg. Eine stille, aber desto erhebendere Trauerfeier fand am vergangenen Sonntag auf dem hiesigen israel. Friedhofe statt. Die ganze Gemeinde schaarte sich um das herrliche Denkmal, welches sie „ihrem unvergeßlichen Lehrer und Führer", dem verstorbenen LandesrabbinerOr.Herxheime r gesetzt, um die Weihe desselben in feierlichster Weise zu vollziehen. Mit beredten Worten schilderte der Rabbiner Herr Or. Flaschner den Lebenslauf seines bedeutenden Vorgängers, der sich durch feine fruchtbringenden Geistesprodukte eii» bleibendes Denkmal nicht nur im Herzen der hiesigen Ge» einde, sondern aller derer errichtet hat, welche ans seinen Werken Belehrung und Erbauung schöpften. Mit entsprechenden Gesängen wurde dieser feierliche Att der Pietät erngeleitet und geschlossen. Weiße. Für die jüngst ausgeschriebene neucreirte Rabbiner- und Predigerstelle hierselbst ist Herr vr Ellguther (vom Beeslauer Rabbinerseminar) gewählt worden. Kallowitz. „Stöcker ist wohl hier Kreisschulinspektor". So hatten die hier erscheinenden „Oberschlesischen Nachrichten" am Schluffe eines Artikels bemerkt, der über angebliche antisemitische Vorkommnisse in einer dortigen Schule berichtete. Der Kretsschulinspektor fühlte sich dadurch beleidigt. Die Strafkammer nahm an, die Zeitung habe in der Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt. Auf erhobene Revision aber hat das Reichsgericht erkannt, daß die Wahrnehmung eines berechtigten Interesses nur hätte in Frage kommen dürfen, wenn bie „Oberschlesischen Nachrichten" jüdischen Interessen gewidmet wären. Der witzelnde Ton dagegen spreche für die beleidigende Absicht. Infolgedessen wurde das freisprechende Urtheil der ersten Instanz aufgehoben und die Suche an die erste Instanz zurückoerwiesen. In Hstrowo hat nach dem „Orendownik" die Polizeiverwaltung vor den Schulferien den in Russisch-Polen heimathberechtigten jüd. Schülern des dortigen Gymnasiums eröffnet, daß sie nur bis Michaelis d. I. die Anstalt besuchen dürften. Kranz bei Königsberg i. Pr. Eine Anzahl russischjüdischer Schächter, Köchinnen u. s. w., die sich seit Jahren zur Zeit der Badesaison hier einfinden, um ihren zur Kur weilenden Landsleuten und Glaubensgenossen Dienste zu leisteil. ist von dort ausgewiesen worden und hat den Ort verlassen. Da viele von den strenggläubigen Badegästen diese Dienerschaft nicht entbehren wollen, so dürften nach der „Königsb. Hart. Ztg." auch sie sich fortbegeben. Die an maßgebender Stelle gegen die Ausweisungen gemachten Vorstellungen blieben im Hinblick auf die Anordnungen des Ministers des Innern erfolglos. In Mecklenburg - Stketitz scheint, im Widerspruch mit dem Reichsgesetz vom 3. Juli 1869, der Ausschluß der Juden vom Richteramt noch stattzufinden. Eine in Neubrandenburg am 7. Juli tagende mecklenburg-strelitzsche kirchliche Konferenz hat ausdrücklich der Mecklenburg-strelitzschen Regierung ihren Dank dafür ausgesprochen, daß bisher noch kein Jude zum Richteramt befördert worden sei. — Die erwähnte Thalsache scheint danach nicht auf Zufall, sondern auf einem absichtlichen Zuwiderhandeln der strelitzschen Regierung zu beruhen. Nach der Reichsverfassung hat der Bundesrath über Mängel, welche bei der Ausführung der Reichsgesetze hcrvortreten, Beschluß zu fassen. Eisenach. Der Verein der isr. Kultusbeamten Mitteldeutschlands will doch noch in diesem Jahre hier eine Conferenz abhalten, und zwar am 23. und 24. August, für viele Mitglieder die denkbar ungünstigste Zeit. Müuchen-Kkadvach Der jüdische Kantor Abrahams, polnisch-russischer Nationalität, ist in den letzten Tagen von hier ausgewiesen worden. Gegen den Lebenswandel des Betreffenden liegt nicht das mindeste vor; derselbe wird als ein harmlos-ruhiger Mann geschildert. Stuttgart, 12. Juli. Die diesjährige freiwillige Conferenz der israelitischen Lehrer Württembergs und des israel. Lehrerunterstützungsvereins findet den 15. und 16. August d. I. im Hotel Degginger hier statt. Wo« der öair. Grenze, 10. Juli. Vorgestern schlug der Blitz in die Synagoge in Wiesenbronn und traf drei Männer, wovon einer lebensgefährlich verletzt wurde, während die zwei andern sich wieder erholt haben. — Gestern Nacht ist Frau Rosenblatt von Würzburg, welche bei der Eisenbahnkatastrophe am Faulenbcrg verletzt wurde, von ihren Leiden durch den Tod erlöst worden — das 18. Opfer. Müustermaifets, 9. Juli. (Or.-Corr.) Heute wurde hier unter Theilnahme der hiesigen Bevölkerung, die ihre Häuser beflaggt, die neue Synagoge eingeweiht. Den Einweihungsact vollzog der zu diesem Zwecke berufene Rabbiner Or. Blumen sie in aus Luxemburg. München. Der erste Israelit ist in das Professorenkollegium der Universität durch die Ernennung des Privatdozenten Or. Pringshecm zum ordentlichen Professor gekommen, während bekanntlich an anderen Universitäten, besonders in einzelnen Fächern, die konfessionelle Gleichberechtigung fast zur Gleichheit in der Zahl geworden ist. Waris. Der Municipal hatte beschlossen, gewisse Bücher, welche sich unterstehen, von-Gott zu sprechen, in den Pariser Schule>i nicht zuzulaffen. Dieser Beschluß ist vom Präsidenten der Republik annullirt worden. Zwei oder drei Heißsporne stellten darauf, um doch mit den Ketten zu raffeln, den Antrag, das Dekret des Präsidenten zu annulliren. Der Antrag wurde zwar nicht angenommen, doch zeigt er, wie gut es tft, daß — gewisse Bäume nicht in den Himmel wachsen.