Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 28. (8.7.1886)
- Date
- 1886-07-08
- Page
- Seite 224 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9585330-9585573--6277-9585579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 224 — ÄM gemeinde lud die Konferenzbesucher zu eiuer gcmüthlichcn Abeudversammlung ein. Herr Blumenau sprach sodann über die vom israelitischen Gemeindebunde angeregte Jnspection des jüdischen Religionsunterrichts. Nach vielen xro und contra wurden, da es schon 7'/, Uhr geworden war, die Debatten auf den folgenden Morgen vertagt. (Schluß folgt.) Oefterreich-Ungarn. Nrag. Noch etwas Anderes habe ich hier sehr lobens- und nachahmenswerth gefunden. Die leidige Nachahmungssucht unserer jetzlzeitigen Glaubensgenossen, die schon so manche schöne jüdische Sitte zu beseitigen gesucht hat, um Minderwerthiges an deren Stelle zu setzell, hatte auch in Prag das Kränzespenden bei jüdischen Leichenbegängnissen üblich gemacht. Herr Oberrabbiner Dr. Hirsch das., nahm deshalb in einer Predigt Anlaß, auf die Jnnehaltung unserer einfachen Begräbuißvvrschriften, welche die Gleichheit zwischen Arm und Reich wenigstens an den Todten zur belehrenden Anschauung zu bringen bestimmt ist, hinzuweisen. Seitdem ist das Klänzespenden bei jüdischen Leichen in Prag in Abnahme gekommen, wohl aber figuriren seitdem in den Spendcnverzeichniffen der isr. Wohltyütigkeitsvereine dortselbst Posten von 5, 10 und 20 Gulden unter der Bezeichnung wie z. B.: „N. N. statt eines Kranzes auf den Sarg des Herrn M. 10 Gulden;" „Fräulein B. statt eines Kranzes auf den Sarg des Herrn M. 20 Gulden" rc. Dieses ist eine würdigere Ehrenbezeugung für einen Todten als Krünzespenden. Möchte diese Uebnng in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen die verdiente Nachahmung finden! Schweiz. Masel In der letzten Maiwoche ist hier als Privatgelehrter der Landsmann, Jugend- und Studiengenosse Berhold Auerbachs, M. Löwengard-Salem, gebürtig von Rexingen bei Horb, im 74. Lebensjahre zu Grabe getragen worden. Derselbe betrat die gleiche Bildungslaufbahn mit Berthold Auerbach, genoß den ersten rabbimschen Unterricht mit demselben bei Rabbiner Gabriel Adler in Mühringen und auf der Talmudschule in Hechiilgen. Am Gymnasium in Stuttgart trafen die beiden Jünglinge wieder zusainmen, um auf den Universitäten Tübingen und Heidelberg gemeinsam dem Studium der mosaischen Theologie obzuliegen. Ihre philosophischen Richtungen gingen auseinander. Löwengard- Salem bezog die Universität München, um ein Jünger Schellings zu werden und vertiefte sich in dessen philosophische Richtung. Nachdem er die beiden Staatsprüfungen in Tübingen und Stuttgart bestanden, wurde er Rabbiner in Berlichingen, Jebenhausen und Lehrensteinsfeld. Er schrieb einige Monographien im Sinne Schelling'scher Philosopheme und betheiligte sich durch einige Schriften am sog. Hamburger Tempelstreit für die Reform des jüdischen gottesdienstlichen Kultus. Später drängte ihn seine philosophische Richtung mehr und mehr in mystische Anschauungen, und der innere Konflikt zwischen Lehre und Leben veranlaßte ihn, aus dem praktischen Dienst der Synagoge auszutreten. 1859 nahm er seine Entlassung als Rabbiner in Lehrensteinsfeld und folgte einem Ruse nach Mainz an die Redaktion des „Israelit". Nur 2 Jahre hielt er es dort aus; er zog sich dann in's Privatleben zurück und lebte 20 Jahre hier als Privatgelehrter. Sein Leichenbegängniß bewies, in welch hoher Achtung er dort stand, wofür auch die Nachrufe an seinem Grabe beredtes Zeugniß ablegten. Rußland. Aus 'Noten, im Juni. (Or.-Corr.) Offiziellen Mittheilungen zufolge ist die Vertreibung der Juden aus dem Rayon je 50 Werst von den Grenzen aus zahlreichen Städten und Dörfern, wo die Juden sich nach dem „Jgnatiew'schen denkwürdigen Mon" angesiedelt hatten, abermals in vollem Gange. Auch werden, gemäß eines uralten Ukases, die ausländischen Juden aus dem^Grenzrayon ausgewiesen und über die Grenze geschickt, schließlich bringen die neu erlassenen tieferschütternden Maßregeln, die von dem Residenzchef General v. Grosser allen seinen Unterbeanten zur strengsten Befolgung derselben obligatorisch gemacht worden sind, welche Aufenthalt, Handel und Gewerbe. Studium rc. unserer Glaubensgenossen in Petersburg betreffen, jeden Tag tief betrübende Neuigkeiten. Den neuen jüd. Kaufleuten, sogar I. Gilde, wird jetzt nur ausnahmsweise das Recht hier ertheilt, einen jüd. Kommis zu halten; I. Gilde- Scheine werden den Juden nur mit großer Schwierigkeit ausgestellt; Gildcscheine II. Klasse werden ohne Grundangabe keinem Juden mehr gegeben; den jüd. vaterländischen Studenten wird die Aufnahme in die hiesigen mittleren und höheren Lehranstalten in mehreren Fällen ohne Grund verweigert. Noch größere Schwierigkeiten werden den Handwerkern und Gewerbetreibenden gemacht; sie werden einfach gar nicht mehr oder nur höchst selten von der Polizei bestätigt, und alte werden wieder von den „Polizei-Agenten", die darüber zu wachen haben, daß die jüd. Professionisten sich mit ihrem Fache befassen, ans das Fürchterlichste bedrängt und ausgesogen. Demnach werden zahlreiche jüd. Familien aus ver Residenz tagtäglich auSgewiesen, obwohl sie dem richtig ausgelegten Gesetz.' nach das volle Recht besitzen, sich tit der heiligen Residenz niederlassen zu dürfen und Gewerbe zu betreiben. Auch die sog. jüdischen Winkeladvokaten werden von hier auSgewiesen. (Siehe das folgende „Aus Rußland".) Indem ich Ihnen hiermit ein kleines Bild der gegenwärtigen Lage der russischen Jndenheit im Allgemeinen und in der Residenz insbesondere wiedergcbe, füge ich noch die Bemerkung hinzu, daß sämmtliche durch die erwähnten Verfügungen so schwer Betroffenen unzählige Male beim Ministerium oder sogar beim dirigirenden Senat Beschwerde führten, von diesen auch schon mehrere Male günstige Entscheidungen erhielten, allein das half unseren bedrängten Glaubensgenossen in der Residenz blutwenig. -8.-6.,-kr. Aus Rußland. Laut Verfügung des Justizministers sollen die bei den Untersuchungsrichtern in Eigenschaft von Schreibern und Sekretären angestellten Juden spätestens binnen 2 Monaten entlassen werden. Auch sollen in Zukunft Israeliten zu derartigen Beschäftigungen nicht mehr zugezogen werden. Die panslavistischen Blätter erklären diese neue antijüdische Maßregel als eine Folge angeblich vorgefallener Beseitigungen von Gerichtsakten und sonstiger seitens der Juden verübten Betrügereien. In Wahrheit handelt es sich nur darum, die Juden selbst von diesen bescheidenen Posten zu verdrängen; es ist iit den letzten Jahren auch nicht ein einziger Prozeß vorgekommen, in welchem jüdische Schreiber wegen der ihnen imputirten Vergehen an geklagt waren. Der „Kijewlanin" und die ihm verwandten Blätter verlangen sogar die Entfernung der jüdischen Sekretäre bei den Friedens¬ und Handelsgerichten. Vermischte mb neueste Nachrichten. GK MeitVurg. Das Binden und Niederwerfen der Ochsen beim rituellen Schlachten wird gegen die Schechita so sehr in's Feld geführt. Herr Dr. Lewysohn theilt im „Hamclitz" einen Fall mit, wo ein nicht gebundener Ochse den Metzger mit den Hörnern in die Höhe schleuderte, und zwar so unglücklich, daß derselbe in einen Kessel kochendes Wasser fiel und unter schrecklichen Qualen seinen Tod fand. — Ist „Menschenschutz" nicht doch wichtiger als „Thierschutz"? Merlin, 5. Juli. Die Wittwe des großen Compon isten Giacomo Meyerbeer ist vorige Woche in Wiesbaden gestorben und gestern hier auf dem alten jüd. Friedhofe an der Schönhäuser Allee an der Seite ihres vor 2 2 Jahren ihr vorangegaugenen Gatten beerdigt worden. Der Trauerfeier in der Wohnung ihrer Tochter, der Frau Professor Richter, wohnten neben den nächsten Leidtragenden, den Familien v. Korff, v. Andrian - Werburg und Richter, auch der. italienische Botschafter de Launay, die Professoren von Helmholtz, Leyden und Gneist, ferner Staatsminister Delbrück, Professor