Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 28. (8.7.1886)
- Date
- 1886-07-08
- Page
- Seite 222 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9585330-9585573--6275-9585577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 222 — es häufig mit der Stellvertretung aus. Es kommt vor, daß Jemand in Jahren, ohne irgendwelche Fühlung mit der Verwaltung zu haben, zu einer Sitzung geladen wird, in welcher oft die wichtigsten Beschlüsse gefaßt werden, um dann wieder in den Hintergrund zu verschwinden. Im Absatz 3 des § 41 heißt es: „Die Tagesordnung der Repräsentantcnversammlung ist durch Anschlag an die Synagogenthür zur öffentlichen Kenntniß zu bringen". Die beiden Gemeindesynagogen fassen höchstens 2000 Mitglieder. 8000 Mitglieder sind, da für diese keine Ge» meindesynagogen vorhanden, ohne Kenntniß. Will man die Tagesordnung nicht in politischen Blättern veröffentlichen, könnte man sie doch auch in den Privatsynagogen, die Seitens der Gemeindeverwaltung subventionirt und die verpflichtet sind. Gemeinde - Verordnungen an der Synagogentbür zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.*) Auch daß der § 78, welcher lautet: „Spätestens 6 Monate nach Ablauf jedes Verwaltungsjahres hat der Gemeinde - Vorstand eine Uebersicht des Gcmeindehaushalts vom abgelaufenen Vermittelungsjahre, sowie eine Zusammenstellung der im Laufe dieser Zeit erfolgten Gemeinde-Beschlüsse den Gemeindemitgliedern mitzutheilen besonders was den zweiten Theil desselben anlangt, nicht zur Ausführung gebracht wird, hat schon manches Repräsentanten größte Verwunderung erregt. Aus Hkerschkesien, 1. Juli. (Or.-Corr.) Noch immer werden die Gemüther durch die Ausweisung in Athem gehalten. Es ist vor der Hand noch gar nicht das Ende dieser in die socialen und commerciellen Verhältnisse Oberschlesiens tief einschneidenden Maßregel abzusehen. Die Behörden sind mit schneidiger Rührigkeit bemüht, ihre amtlichen Aufträge so exakt wie inöglich zu vollziehen, und es bietet sich ihnen noch immer eine sehr reiche und traurige Nachlese. Während Gleiwitz die längste Zeit den Ausweisungs- Verfügungen gegenüber sich ganz passiv verhalten konnte, wird auch jetzt dort mit den Ausländern energisch aufgeräumt und Jeder, dessen Wiege in Polen oder Galizien gestanden, ist entweder schon im Besitze der Ausweisungsordre oder er hat sie doch mit aller Sicherheit in nächster Zeit zu erwarten. Es ist überflüssig, darauf hinzuweisen, daß viele unserer Glaubensgenossen den Zufall ihrer Geburt in der schmerzlichsten Weise büßen müssen. Sehr viele Existenzen, welche in solider, anständiger, rechtschaffener Weise sich und die Ihrigen zu ernähren vermochten, wurden und werden dem Ruine entgegengetrieben und müssen leider oft genug nicht nur zum Wander-, sondern sogar zum Bettelstäbe greifen, ob ihnen auch ihr Herz noch so sehr dabei blutet. Bei der kurzen Frist, welche den Gemaßregelten meist nur zu Gebote steht, ist es ihnen oft unmöglich, ihre Verhältnisse in Ruhe angemessen zu ordnen. Verlautet etwas von einer Ausweisung, finden sich sofort die Gläubiger ein mit dem Rufe: sauve qui peut! Die wie das Wild gehetzten Schuldner gerathcn von Verlegenheit in Verlegenheit, verlieren den Kopf, dann ihr Vermögen, melden Konkurs an oder suchen um jeden Preis Waaren und Grundstücke zu veräußern und das Endergebniß ist und bleibt ein endlos trauriges. Die preußischen Gemeinden an der polnisch - galizischen Grenze haben alle Hände voll zu thun, den unglücklichen, ausgewiesenen Glaubensgenossen mit Rath und That beizustehen. Sie laboriren nicht nur an den Ausgewiesenen in ihrem Gemeindesprengel, sondern auch an fremden Auswanderern, welche ein gleiches Geschick der russisch - polnischen oder galizischen Grenze zuführt. Am meisten exponirt sind Gemeinden, wie *) In dieser Beziehung hat man, wie wir jüngst in Berlin erfuhren, eigcnthümliche Erfahrungen gemacht. Der Gemeinde-Vorstand hatte auf Vorschlag der Fleisch-Commission den löblichen Beschluß gefaßt, tzur Erleichterung der entfernteren jüd. Familien in verschiedenen Stadtvierteln Geflügelschächter anzustellen. Natürlich mußte dies in den betr. Stadtvierteln bekannt gemacht werden; aber der jetzt orthodoxe Rabbiner der Synagoge an der Potsdamerbrücke gestattete den Anschlag an seiner Synagogenthür nicht, und so mußte in jenem Viertel die Einrichtung unterbleiben. (Red.) Beut Heu, Königs Hütte. Kattowitz.Myslowitz, aber auch anderen oberschlesischen Gemeinden sind in arge Mitleidenschaft gezogen. Dabei hält es ungemein schwer, gehörig auf der Hut zu sein und scharfe Controlle zu üben. Gewissenlosen und abgefeimten Betrügern ist weder das Glück noch das Unglück heilig und so wird auch dieses Massenelend von Unbefugten zu ihrem Vorthcile ausgebeutet. Die reichen Hilfsmittel unserer opferwilligen Gemeinden sind längst erschöpft und noch immer fehlt cs an allen Ecken und Enden. Schwer heimgesucht ist namentlich die Gemeinde Kattowitz, welche hart an der russisch-polnischen und galizischen Grenze gelegen, den ganzen Ansturm der zahlreichen Ausgewiesenen auszuhalten hat. Gleichwohl kann man es bei uns nicht über sich gewinnen, die eigene Noth den Fernstehenden auszuposaunen und die Lärmtrommel des öffentlichen Bettels in Form der stabil gewordenen öffentlichen Aufrufe zu rühren.*) Wir wollen diese Reserve nicht kritisiren. Ihre Motive ehren wir unbedingt und wir müssen sie sogar auf das Dictat unseres persönlichen Gefühles hin billigen. Wir haben es hier erlebt; daß nicht nur Erwachsene, sondern auch Schulkinder, welche auf Wunsch ihrer Eltern preußische Schulen besuchen und deutsche Erziehung erhalten sollten, trotz aller Remonstrationen aus dem preußischen Staatsgebiete ausgewiesen wurden. Bisweilen müssen hier auch Ausländer, die weder Polen noch Galizianer sind, das Geschick der Ausweisung über sich ergehen lassen. In einer oberschlesischen Stadt sind z. B. jüngst zwei Ungarn israelitischen Glaubens von der Ausweisung betroffen worden, obgleich, wie man allgemein hört, man ihnen weder in politischer noch in sozialer Beziehung etwas Unangeilehincs nachsagen kann und sie sich als solide, friedfertige, harmlose, fleißige und tüchtige Handwerker der Sympathie ihrer Mitbürger — der christlichen, wie der jüdischen — zu erfreuen hatten. Das Gnadengesuch des Kantors B r od er in Königshüttc ist berücksichtigt worden. Er verbleibt weiter in seinem. Amte. Auch dem Kantor und^Schächter Wein st ei ü in Kattowitz. dem einc Auswcisungsverfügung schon vor längerer Zeit zugegangen war, ist, wie wir hören, der Aufenthalt in Preußen und die Wahrnehmung seines Amtes in Kattowitz, von Seiten der hohen Behörde gestattet worden. Aus der sächs. Lausitz. (Or.-Corr.) Bekanntlich dürfen erst seit Constituirung des norddeutschen Bundes Inden hier wohnen und ist' das sächsische Bürgerrecht nur schwer zu erlangen. Es sind daher nur sehr wenige hier wohnende Juden sächsische Bürger. Die meisten kommen aus dem Preußischen hierher, einige wenige aus dem nahen Böhmen. In Folge der regen Industrie Sachsens findet man auch auf Dörfern Juden als Fabrikanten oder Kaufleute versprengt, die meisten Juden wohnen jedoch in Zittau. Die Stadt an und für sich ist die volkreichste der sächs. Lausitz; sie ist der Sitz einer lebhaften Gewerbsthätigkeit und eines ausgedehnten Handels. Bis ihr Dresden den Rang abgelaufen hat, war die Commune die reichste Sachsens. Außer vielen anderen Einrichtungen sind besonders die hies. Schulen musterhaft. Es giebt daselbst außer Gymnus. noch Realgymn. und Gewerbeschule. Mit der Obertertia und Üntersecunda des Realg. parallel läuft eine Handelsschule. Schüler, welche den zweijährigen Cursus derselben mit Erfolg besucht, erhalten durch das Abgangszeugniß die Berechtigung zum „Einjährigen" ohne besondere Prüfung. Alle diese Verhältnisse haben eine Anziehungskraft aus Juden geübt. Seit ^Jahren exlstirt dahjer eine jüdische. Religionsgemeind«', die schon Cvrporationsrechte angestrebt und da sie diese nicht erlangt, in Form einer eingetragenen Genossenschaft sich constituirt hat. Trotz des Wochenmarktes *) Wir hatten auf Befragen auf die so reichen Sammlungen des Hr. Dr. Salvendi hingewiesen, der so viele Tausende, ja schon Hundertausende, nach seinem Belieben den verschiedenen Bettel-Kassen in Palästina cinsendet, .während im Lande soviel Elend herrscht! Das muß anders werden, und wenn auch so Viele — meist aus Eigennutz — über solche Mißstünde schweigen, wir werden rcHen! (Red.)