Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 27. (1.7.1886)
- Date
- 1886-07-01
- Page
- Seite 213 (sequence 3)
- Language
- German
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— 213 — nicht für Rel igion. Mit dem Ctcck urc,dläute Rcligien, ist keine Rcligien. Was sind die Folgen des Strck-Rcgime's? Dos Kind bcsicht nnr vrgrin die Schule. es fehlt häufig nnd lebt mit dem Lehe er cuf gespannnm Fuße. Was bleibt dem Lehrer sclließlich iliig, als sich — on die Eltern um Mitwirkung des Hanfes zu Menden? Aber das Hans will teil der Religionsschnle nicht belästigt sein, und was ist eine schlimmere Belästigung für die Ellein, als ewige Klagen über das Peel alten der Kinder? Tie Eltern sind ganz unbrauchbare Bundesgenossen im Kampfe gegen die Kinder, Niel bessere Bi ndesaeuossen sind die Kinder im Kampfe gegen den Jnd ffercntismus der Eltern. Die Kinder müssen die Religionsschule so lieb gewinnen, daß sie für diese gegen ihre Eltern Partei nehmen. — Dozn ist freilich eine Reform der Ilntcriichts-Methode auch unerläßlich. Aber schon eine liebevolle Ticcsilin kann da viel wirken, und das Haus wird uns für nichts danlbarcr sein, als wenn wir, anstatt mit Klagen lößig zu sollen, mit unserer freilich nicht erheuchelten, sondern aufrichtigen Zufriedenheit mit den Kindern die Eltern erfreuen. „So sollt Ihr sprechen zum Hause Jacobs!" Humanität und Halacha. Von Dr. Kroner, Rabbiner in Brandenburg a. d. H. (Schluß.) Charakteristisch für unsere Fund-Halacha ist auch das Verbot Ch. Hamm. 266,4: eine bösartige Katze, welche die Kinder beschädigt, soll man dem Besitzer nicht zurückbringen, sondern Jeder, der sie findet, soll sie umbringen (denn Niemand darf gemeinschädliche Bestien erhalten, vir. ibid. 409 und 427, B. Komma 80 a). Charakteristisch ist ferner die Bestimmung CH. Hamm. 266,2: einem Israeliten, der gewisse Religivusgesetze aus Leidenschaft, Genußsucht (le-tiabon) Übertritt, soll man Verlorenes zurückbringen, reicht aber dem Israeliten, tzer Gesetze ostentativ zur Kränkung der Glaubensgenossen (le-hach'is) Übertritt! Bestimmungen dieser Art meint wohl Herr Wise, wenn er sagt, daß die Verfügungen der Halacha gegen jüdische Ketzer ebenso barbarisch seien, wie die anderer Kirchen gegen ihre Ketzer. Hiergegen ist zu bemerken, daß weder Theorie noch Ausführung jener Verfügungen — von geringzühligen Ausnahmen abgesehen — sich zu so hochgradiger Harte verstieg. wie das Anathema und die Praxis der Kirche gegen ihre Ketzer; daß die betreffenden Halachvt fast durchweg in Zeiten des heidnischen Judenhasses und des christlichen Zelotismus entstanden, wo die Juden solcher Bestimmungen ermangelnd, den Schein des religiösen Jndi ffercntismus hervorgerufen und Chiliul ha-Schem veranlaßt hätten, und wo Charakterschwäche, Religionsschacher, Angeberei, Karrieren- und Titclsucht die ihrer llcberzcugung treu gebliebenen Israeliten oft bedenklich gefährdeten, ja oft genug in namenloses Unglück stürzten. Die Motive der q». beiderseitigen Bestimmungen waren also denn doch sehr verschieden und wenn irgendwo, ist hier das geflügelte „Duo cum faciunt idem, non est idem“ so recht anwendbar. Ir mitten einer gebildeten, sagen wir lieber: duldsamen und gerechten nichtjüdischen Bevölkerung hätten sich ebensowenig die spätern Kodifikatoren wie die Talmudisten zu intoleranten Verfügungen hingeneigt. Erst unter Voraussetzung einer duldsamen und gerechten nichtjüdischen Bevölkerung dürfte im Sinne des Herrn Wise hier gesagt werden: Duo cum faciunt idem, est idem. Sv wird wohl jeder Unbefangene urtheilen. Hinsichtlich der alten Zeit sei hier in Erinnerung gebracht, wie friedlich sogar sromme und bedeutende Talmudlehrer mit Ketzern jeder Art verkehrten, wie eindringlich jene — falls sie ihres Lebens irgend sicher waren — in Bezug auf Ketzer lehrten: „Obwohl er gesündigt, ist er Israelit. Mit der Linken weise sie zurück, mit der Rechten bringe sie dir näher. Nur die Sünde, aber nicht der Sünder soll vernichtet werden". Hinsichtlich aller Zeiten seien nur einige Aeußerungen eines der erleuchtetsten und edelsten Christen, des verewigten Diesterweg, ancesührt: Wenn die Israeliten zu Mosis und Josua's Zntcn intolerant waren, so lag das nicht im Princip ihrer Religion, sondern in den historischen Verhältnissen. Auch später war das Volk intolerant — nicht gegen Nicht- Judcn, sondern gegen Glaubensgenossen. Wer aber auch heutzutage, wo man mit Recht sagen kann, daß die Juden den Geist des Judcnthums erkannt und ergriffen haben, und nicht anders lehren, sie noch der Intoleranz, der Verfolgungssncht, der Benachtheiligung Anderer wegen ihres verschiedenen Glaubens beschuldigt, der muß von der Tagesgeschichte nichts wissen, oder ein Kerz voller Bosheit im Wnsen tragen. (Pädag. Jahrbuch für 1863.) Mit heftigerer Gluth hat wohl noch kein Halachist einen jüdischen Ketzer verdammt, als „christlich-gesittete" Professoren und ihre Gesinnungsverwandten beit christlichen Ketzer Diesterweg ob solcher Ansichten verurtheilt haben und immerfort ver urtheilen. Summa summarum: 1. Bibel, Talmud und Codices nennen Rea und Ach (Nächster und Bruder) jeden Menschen ohne Unterschied des- Glaubens, Stammes und Standes, der auch nur in mäßigem Umfange Menschlichkeit bekundet; gegenüber dem verthierten Menschen, dem Heuchler, sowohl dem scheinchristlich-m Streber wie dem namcnchristlichen Stellen- und Titel-Konvertiten. mißbrauchen sie jene edeln Epitheta ebensowenig, wie das N. T. und wie jeder herzenschrliche, naturwahre, nichtscheinheilige Mensch. (Man denke z. B. an Schiller's Worte: „Untergang der Lügenbrut!" in einem Lied „an die Freude", in dem der Dichter alle Welt liebend umfaßt.) Im Gegensatz zu jenen, Frevlern wird in Bibel, Talmud und Codices der bessere Jude mit „Rea" und „Ach", der s chlechte Jude dort ebenso wie der schlechte Nichtjuden, bezeichnet, z. B. der jüdische Betrüger mit Nammai. 2. Die wenigen Halachot, die mit der jüdischen Ethik in Widerspruch stehen, sind lediglich Vorsichtsmaßregeln. Nothgesctze u. dergl. 3. Solche Halachot, geschweige denn unduldsame Aussprüche inkompetenter Einzelner sind selbst nach den Halachisten gegenüber jedem der folgenden fünf Gebote der jüdischen — oder, was hier dasselbe: allgemein-menschlichen — Ethik ungültig: Heiligung des Gvttesnameus (Förderung der Hochschätzung der Religion) und Selbsthelligung, Verhütung der Entweihung dieses Namens (der Geringschätzung der Religion), Wahrung des „Friedens" (Schalom) mit Gott, sich selbst und dem Ncbenmenschen, Achtung vor dem — jenen Halachot cntgegenstehenden — Landesgesetz und Achtung vor der Würde aller rechtlichen Menschen, selbst solcher Heiden, in ungleich höherem Grade allerdings vor der Würde wirklicher (nicht scheinheiliger) Christen und Muhamedaner. Ceterum censeo: Wer die Prävalenz und die Erhabenheit jener ethischen fünf Gebote anerkennt und dies in seinem Thun und Lassen zeigt, ist wahrer Jude, resp. wahrer Christ, wahrer Mensch, gleichviel ob er der orthodoxen oder der reformistischen Richtung angehört; wer jene Gebote verletzt, dem Glaubensstolz und der Glaubeuswuth, der Schaustellung vermeintlicher, geschweige erheuchelter Frömmigkeit, dem Sonderinteresse, dem Neid, den niederen Leidenschaften überhaupt fröhnend, der besitzt keinerlei Religiosität, keinerlei höhere Gesittung, so sehr und so oft auch sein Mund von Judenthum, Christenthum, Menschenthum überströmt. Für die Schaustellung vermeintlicher oder gar erheuchelter Frömmigkeit, für albernen Fanatismus irgend welcher Art ist weder das Judenthum, noch das Christen thum verantwortlich zu machen. Wie oft die Bibel gegen solche Schaustellung, gegen solchen Fanatismus eifert, ist bekannt; weniger bekannt, wie unsanft der Geist des Talmuds beides anweht: Sota 3,4 z. B. läßt die närrischen Frommen und die scheinheiligen Pharisäer das Menschengeschlecht verderben.