Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 27. (1.7.1886)
- Date
- 1886-07-01
- Page
- Seite 212 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr ist, für seine Kinder zu riskiren, und das Judenthum in seinem Herzen ist alles, nur — kein Judenthum. Bei den Einen ist es — Asche, bei den Andern, blauer Dunst. „Das Judenthum ist tobt, es lebe das Judenthum!" Das war der Huldigungsruf aller der großen Charaktere, welche die Vorsehung an die zahlreichen Wendepunkte der geschichtlichen Entwicklung des Judenthums gestellt hatte. Unsere Festigkeit ist von den Jahrzehnte hindurch fallenden Tropfen der wässerigen Partei Händel ausgehöhlt, durchlöchert — wir sehen „den Dornbusch brennen", sehen ihn verbrennen, und unsere ganze Moses-Weisheit besteht vorläufig noch in nichts mehrmals die — Asche zu sammeln und zu erhalten. „Asche" — soll dafür der Jude unserer Zeit sich in einen Konflikt mit dem Tyrannen: „Leben" einlassen? Das ist nicht zu erwarten. Dieser „Tyrannenfurcht" muß Jeder und Alles Rechnung tragen, die auf den Juden unserer Zeit rechnen. Nun aH "1 Kri ift Ja ein guter alter Grundsatz unserer Halacha. So muß denn auch unsere, durch das freie Interesse der Bekenner des Judenthums sich erhaltende Religionsschule sich in diese Nothwendigkeit schicken und nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen wollen. — Nach diesem Exposö wollen wir die Forderung des jüdischen Hauses an die Schule, und an uns, formuliren. Sie lautet: „Stört mich in meinem Herren-Dienste nicht!" Das jüdische Haus spricht zur Religionsschule-. Unterrichte, erzieye meine Kinder in Religion, im Judenthum, dafür bist du da; thu deine Pflicht, wie du willst,- so viel Du willst, aber: störe mich nicht! Ich stehe in eines strengen Tyrannen Dienst, des Tyrannen: „Leben!" Und in der Rücksicht auf diese Forderung ,so das ist meine Ansicht, unsere Religionsschnle dem Hause entgegenkommen. Unsere Religionsschule soll sich von jeder Erwartung auf die Mitwirkung des Hauses emancipiren, und in jeder Hinsicht sich hüten, dem Hause lästig zu fallen. Was ich im Einzelnen darunter verstehe? 1. Wir müssen mit der Zeit der Schüler unserer Religionsschule ungeheuer sparsam verfahren. Die Schüler unserer Religionsschule sind immer auch Schüler der bürgerlichen Schule, meist sogar des Gymnasiums, der Realschule, der höher« Töchterschule. Diese Schulen nehmen die volle Arbeitskraft ihrer Schüler in Anspruch, einerseits durch Unterricht in der Schule, andererseits durch häusliche Aufgaben. Diese Schulen der bürgerlichen Gesellschaft haben die Autorität des Tyrannen: „Leben" auf ihrer Seite. Jede Stunde, die die Religionsschule in Anspruch nimmt, ist ein Abbruch an der dem Schüler für sein körperliches Wohl zugemessenen freien Zeit. Wir werden natürlich nicht anstehen, von dieser Zeit so viel in Anspruch zu nehmen, als unbedingt zur Erfüllung der Aufgaben der Religionsfchule nöthig ist, aber wir werden ebenso gewissenhaft uns hüten, dieser Zeit unnöthig etwas abzubrechen. Was da über das unbedingt nothwendige Maaß hinausgeht, muß uns nothwendig in Conflict mit dem Hause bringen. Der bei uns zu lange zurückbehaltene Schüler wird natürlich zu Hause Vater und Mutter bei Anfertigung der häuslichen Aufgaben für die bürgerliche Schule mit seinen Klagen belästigen, und — das Haus will nicht belästigt sein. Diese These richtet sich ganz besonders gegen diejenigen Lehrer, welche während der ganzen Unterrichtszeit der Religionsfchule die Schüler aller Klassen und Abtheilungen in der Schule behalten, oder „beschäftigen", wie sie es nennen. Mir kam ein Fall vor, daß ein Lehrer 12 Stunden wöchentlich Relig.-Unterricht ertheilte, und zwar in 3 Abtheilungen, und alle Kinder der 3 Abteilungen 12 Stunden lang wöchentlich in der Schule behielt. Man denke 12 Stunden wöchentlich Abbruch von der Zeit der Erholung! Wenn dieser Lehrer bei dieser Quälerei der Schüler nichts für seine Bequemlichkeit profitirte, da er auch nach meiner Remedur nicht mehr als 12 Stunden zu unterrichteu braucht, so machen es andere Lehrer desgleichen zu ihrer Bequemlichkeit. Die für 2—3 Klassen erforderliche Unterrichtszeit ist ihnen zu lang, sie wollen nicht länger als 6—7 Stunden wöchentlich unterrichten, und um nicht die Klagen der Ettern wegen zu kurzer Schulzeit ihrer Kinder heraufzubeschwören, behalten sie eben die Kinder die ganzen 6—7 Stunden in der Schule. Natürlich kann bei solchem Durcheinander nichts geleistet werden, aber die Eltern können nicht klagen, ihre Kinder seien zu wenig in der jüdischen Schule. Die Lehrer mit solcher Praxis sind es am meisten, welche über den Mangel aller Mitwirkung des Hauses klagen. - Aber sie sollen lieber sich anklagen, und bedenken welch einen hohen Preis mit jeder Stunde Zeit der Schüler für den Unterricht zahlt, und daß demnach auch der Unterricht diesen Preis werth sein müsse, wenn sie nicht des größten Vergehens gegen die Kinder sich schuldig machen wollen. — 2. Die Religionsschule muß cs möglichst vermeiden, den Schülern häusliche Aufgaben zu geben. — Fast ohne Ausnahme hört man' die Lehrer über die häuslichen Arbeiten für die Religionsschule klagen, und natürlich: wer ist da schuld? Wer anders als die Eltern. Daß die Aufgaben für das Gymnasium pünktlich und aufmerksam gemacht werden, dafür sorgen die „Herrn Eltern"; aber für die Religionsschule? Darum kümmern sie sich nicht! So lauten die Jeremiaden unserer Lehrer und sie haben Recht. Ader — ist das zu ändern? Ist Aussicht vorhanden, daß dies in absehbarer Zeit sich ändern werde? Keineswegs! Dann aber bleibt uns, wenn wir „Saal- Pädagogen" sein wollen, nichts übrig, als die häuslichen Arbeiten für die Rel.-Schnle womöglich ganz über Bord zu werfen. Lieber eine Stunde länger Unterricht und keine häuslichen Arbeiten! Diese sind eine Quelle unaufhörlicher Verdrießlichkeit» zwischen Lehrer r und Schülern, wodurch es nie zu jener Innigkeit kommen kann, welche doch für die Religionsschule von der größten Wichtigkeit ist. Die Mangelhaftigkeit, mit welcher fast durchgängig die häuslichen Arbeiten für die Relig.-Schule gemacht werden, läßt um so weniger Bedenklichkeiten gegen unsere Forderung, dieselben zu beseitigen, sich regen. Ich befolge diese Praxis schon seit 1'/, Jahren in meiner Schule und stehe mich viel besser dabei, als früher. 3. Die Rel.-Schule muß dem Hause entgegeukommeu mit dem Geiste der Liebe, welcher in ihr das Szepter der Disciplin schwingen muß. — Der jüd. Religionslehrer muß mehr als irgend ein Lehrer die Schüler durch Liebe für seine Person und die Schule zu fesseln bestrebt sein. Die Strafmittel der Disciplin; Stock, Nachsitzen rc. widerstreiten absolut den Aufgaben der Religionsschule. Diese.hat das Leben und die ganze Zeitrichtung gegen sich; das einzige, was sie in der Hand hat, ist das Herz der Kinder: soll sie dies mit eigener Hand gegen sich wenden? — Dabei bedenke man, welche schwere Aufgabe den Schülern unserer Religionsschule gestellt ist. Die ganze Woche sind sie an die Schulbank gefesselt, die einzigen Tage, die ihnen frei bleiben: Sonntag und Mittwoch Nachmittag wird von unserer Schule mit Beschlag belegt. Alle Mitschüler ergehen sich in frischer Luft, ergötzen sich am Spiel, unsere Kinder müssen die Schulbank drücken. Ist es da nicht natürlich, daß es diese Forderung mit schwerem Herzen erfüllt? Verlangt diese nicht eine Opferwilligkeit, die bei Erwachsenen nur selten anzutreffen sein dürfte? Wir müssen da dem Kinde zu Hilfe kommen, ihm das Opfer erleichtern durch Liebe. Und wenn das Kind dem Drange der Natur gehorchend, es in dem einen oder dem andern versieht — soll da der Stock die Hilfe sein, die wir der Willenskraft des Kindes leisten? Man glaube nur nicht, daß die Festigkeit der Disciplin durch diese Verbannung des Stockes und anderer Strafmittel aus der Schule leidet. Der rechte Lehrer bedarf des Stockes nicht, und wer ohne Stock nicht auskommt, der — wir müssen das harte Wort aussprechen — gehört nicht in di: Religionsschule. Ec kann der beste Lehrer noch für jeden andern Gegenstand sein, aber