Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 25. (17.6.1886)
- Date
- 1886-06-17
- Page
- Seite 206 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 206 der Versammlung 10'/. Uhr. — Die zweite Sitzung begann Montag, den 14. Juni, früh 10 */2 Uhr, im Anschluß au die Generalversammlung der Mitglieder der Unterstützungskasse. Herr Dr. Samuelsohn giebt einen Bericht über den Stand des Vereins. Darnach betrug die Mitgliederzahl im verflossenen Jahre 127, von denen 2 starben und 1 ausschied; hingegen traten neu ein 3 Mitglieder, sodaß der gegenwärtige Bestand wieder 127 Mitglieder beträgt. Es folgt der Kassenbericht, demzufolge der Baarbestand der Kasse M. 96,24 betrügt; auf den Antrag der Revisoren hin wurde dem Schriftuud Kassenführer, Dr. Seligman n, von der Versammlung Decharge ertheilt. Zufolge eines den Abend zuvor von der Versammlung angenommenen Antrages des Vorsitzenden war die Tagesordnung dahin umgeändert worden, daß vor der Fortsetzung der Berathung über den Normallehrplan der Religionsschule mit 2 Lehrkräften Herr Dr. Badt zu einer schon vor 2 Jahren angeregten Angelegenheit das Wort erhielt. Die Angelegenheit betraf die Heranziehung der am Sonnabend Morgen verhinderten Kinder und auch Erwachsenen zum Gottesdienste. Der Vorschlag des Redners ging dahin, dem. Sonnabend-Nachmittaggottesdienst eine höhere Bedeutung durch Predigt zu verleihen, um denselben dadurch gleichsam zum Hauptgottesdienste zu erheben. An diesen Vorschlag knüpfte sich eine lebhafte, längere Debatte, in deren Verlauf Herr Dr. Brann einen Freitag-Abendgottesdienst mit Predigt vorschlug, und Herr Dr. Samuelsohn auf seinen im vergangenen Jahre gemachten Vorschlag zurückkam, durch gemeinsame Vorstellungen an die Schulverwaltung zu bewirken, daß alle 4 Wochen einmal an den Sabbathen der Neumondsverkündigung die Kinder während der Zeit des Frühgottesdienstes von der Schule dispensirt würden.*) Die Versammlung einigte sich dahin, an den in Berlin in Bälde tagenden „Ausschuß des deutschen Rabbinerverbandes" eine Resolution zu senden, wonach die angeregte Frage, sowie die drei vorgcschlagenen Mittel zur Hebung des Uebelstandes dem Rabbinerverband zur weiteren Berathung und Beschlußfassung anheimgegebcn werden sollten. — Wegen der vorgerückten Zeit wurde die Fortsetzung der am Vorabend begonnenen Diskussion des Normaflehrplanes auf die Tagesordnung des nächsten Jahres gesetzt. — Bei der Vorstandswahl wurde der diesjährige Vorstand durch Akklamation wieder gewühlt. — Unter dem Titel „freie Besprechungen" wurde auf Anregung des Herrn P etz a l - Zabrze die Resolution gefaßt, daß die Versammlung sich auf Grund gewisser Vorgänge hin veranlaßt sähe, zu erklären, daß der Unterricht im Hebräischen ein wesentlicher Theil des jüdischen Religionsunterrichtes sei, weil eine fruchtbare Theilnahme am jüdischen Gottesdienste ohne Kenntniß des Hebräischen unmöglich sei. — Auf Vorschlag des Herrn Dr. Samuelsohn wurde beschlossen, die Generalversammlung des nächsten Jahres allhier am 31. Mai und 1. Juni abzuhalten, weil die Pfingstfeiertage mit dem jüdischen Wochenfeste zusammenfallen. Schluß der Versammlung 1'/. Uhr. Anwesend waren nach der Präsenzliste 34 Mitglieder und 10 Gäste. Werkin. Dem uns zugegangenen Jahresbericht über das von Moritz und Sarah Reichenheim gestiftete Waisenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin pro 1885 (Direktor Dr Jntrosinski) entnehmen wir folgende Angaben: die Anstalt war im genannten Jahre von 75 Zöglingen, 45 Knaben und 30 Mädchen besucht, die einen Kostenaufwand von 51.162 Mk. 25 Pf. erforderten, so daß die Gesammt-Ausgabeu für jedes Kind 691,33 Mk. gegen 640.05 Mk. betrugen. Wir halten wegen der Höhe dieser Durchschnittsziffer an dem fest, was wir im letzten Jahre bereits gesagt haben, und müssen in diesem Punkte der Anschauung des Paderborner Waisenhauses, das auch unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse wesentlich billiger wirthschaftet, den Vorzug geben. *) Dies ist am schwersten zu erreiche»; wir halten den Freitag-Abend- und Sabbath-Minchagottesdienst abwech selnd — für recht ersprießlich. (Red.) An größereu der Anstalt zugewandten Geschenken des letzten Rechnungsjahres erwähnen wir der Eduard Lasker- Stiftuug von 625 Mk., deren Zinsen einen strebsamen Zögling des Waisenhauses zufließen sollen, gestiftet durch Eduard Lasters Bruder in Galveston. Ferner sind der Aussteuer- Stiftung für weibliche Zöglinge von Herrn Albert Ph. Meyer und Frau 1000 Mk. dem Fond für entlassene Zöglinge 500 Mk. von demselben rc. re. Von den Schülern besuchen 6 das Gymnasium. 5 das Realgymnasium. 48 die jüd. Gemeindcschule, 10 die Sophien-Mädchenschule, 2 Mädchen erlernen die Buchführung, 1 wird Kindergärtnerin, 1 Kinderpflegerin und 1 erlernt Wäschezurichten. — Herr Adolf Reichenheim (i. F. H: Reichcnheim und Sohn), dessen Namen durch einen Flügel der jüd. Alterversorgungsanstalt verewigt ist, ist anfangs dieser Woche unter großer Betheiligung zur Erde bestattet worden. Er hat viele Wohlthätiqkeitsinstitute mit Spenden bedacht. EL B. Schneidemühk. (Or.-Corr.) Da lese ich nun in der heute erhaltenen „Wochenschrift" die neueste Entdeckung eines Prager Wirthschaftsbeamten, wonach der Wein, welcher bei einer isr. Trauung benutzt wird, vorher mit veritablen Blute der Brautleute vermischt sein muß. Mitleidig lächelte ich über diese Albernheit mit dem Gedanken, daß unsere hiesigen christlichen Mitbürger solche Märchen sich nicht aufbinden lassen würden — im selben Moment aber erinnere ich mich eines Falls, der mir vor einigen Monaten hier begegnete und welcher mir gezeigt, wie Unverstand und Feindseligkeit ihre MaulwursSarbeit gegen uns fortsetzen. — Ein hiesiger, den ersten Bürgerkreisen angehörender Mann frägt mich im Laufe eines Gesprächs an, weshalb wir nicht dem Gebrauch ein Ende machen, nach welchen wir beim Herannahen des Todes eines Israeliten verpflichtet sind, dem Sterbenden durch Stöße, Bewegungen und großes Geschrei schneller in die Ewigkeit zu befördern, er hätte si h gewundert, daß die g e b i l d e t e n Juden solchen Unfug zuließeu; ich war über diese Auseinandersetzung ganz sprachlos, nachdem ich diesem Manne erklärte, daß unsere Religions- Vorschriften nicht einmal das Berühren eines Sterbenden als zulässig erachten, war er außer sich, daß ihm das von christlichen Freunden als wahr verbürgt worden. — So werden derartige Ammenmärchen weiter verbreitet und das Volk zuckt mitleidig über die Roheit der Semiten die Achsel. — In voriger Woche sandte der hiesige Vorstand an den deutschen Reichstag eine Petition ab, in welcher dem Verlangen der Thierschutz-Vereine, daß dem rituellen Schlachten eine Betäubung des Schlachtviehes vorangehen solle, entgegengetreten und Uebergang zur Tagesordnung beantragt wurde. Sonnabend fand hier wieder in der Synagoge die Einsegnung eines in der hiesigen Taubstummen-Anstalt erzogenen Knaben statt; es ist lobenswerth und nicht genug anzueckennen, mit welcher Mühe und Sorgfalt sich unser Hr. Rabbiner Brann dem Unterricht dieser unglücklichen Kinder unterzieht. Wahrhaft rührend war es mitanzuhören. wie der Knabe die jüdischen Gebete und das Glaubensbekenntniß frei vorgetragen oder vielmehr in verstiuvlichen Lauten gesprochen. L. Dresden. (Or.-Corr.) Dem Vermaltungsbericht der hies. Gemeinde pro 1885 entnehme ich folgende, auch weitere Kreise interessirende, Mittheilungen. Sie zählte 431 stimmberecht. Mitglieder, verzeichnet 40 Geburten, 9 Eheschließungen und 38 Todesfälle. Im Vorstands- und Repräsentanten- Colleg sind Veränderungen nicht eingetreten. Der Gemeinderalh, 3 Vorsteher und 9 Deputirte, hielt 10 Sitzungen ab. Es sind verschiedene wichtige Beschlüsse gefaßt, bauliche Veränderungen vorgenonrmen worden. Auch in dem verfl. Jahre erhielt die Gemeinde Spenden und Schenkungen. Die Religionsschule wird z. Z. von 134 Kindern besucht, eine deshalb verhültnißmäßig kleine Zahl, weil eine beträchtliche Anzahl Kinder theils Privatunterricht, theils in den Instituten selbst einen solchen in den. Religionswissenschaften erhalten. Als Lehrer wirken neben dem Dirigenten Herrn w"• ■i'-f iitlirrnri* * 11 T'-iaitf***'