Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-06-17 · N° 25. (17.6.1886) · p. Seite 204

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 25. (17.6.1886)
Date
1886-06-17
Page
Seite 204 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585549--6255-9585557
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 204 — cs scheinen möchte. Es wird sicherlich in der Schulfrage das religiöse Moment mehr in den Vordergrund gestellt werden, und das muß auch dem jüdischen Religionsunterrichte zu Gute kommen, wenn die richtigen Gesichtspunkte in geeigneter Weise und am geeigneten Orte vorgebracht werden. Will man den confessionellen Charakter der Volksschule wahren, so müssen auch den bestehenden jüdischen Volksschulen die Gewähr der Dauerhaftigkeit durch die Oeffentlichkeitserklärung verliehen werden, und legt man ein größeres Gewicht auf den Religionsunterricht der Schüler, so muß ein solcher auch den jüdischen Schülern zu Theil werden. Das sind echt konservative Konsequenzen, denen sich kein ehrlicher Konservativer Mann wird erwehren können und wollen. Die den Unterricht betreffenden Bestimmungen des für die altpreußischen Provinzen geltenden Gesetzes vom 23. Juli 1847 bedürfen nur einiger Abänderungen, um zu dem gewünschten Resultate, wenigstens für die Volksschulen, zu gelangen; ja eine etwas wohlwollende Handhabung dieser Bestimmungen würde schon den schlimmsten Uebelständen abhclfen. Daß hierin bisher zu wenig geschehen ist, lag nicht zum geringsten Theil an uns Juden selbst; vor All.'m haben die Gemeindevorstünde, theils aus Jndifferentismus, aus Liebe zum Schlendrian, theils aus dein Bestreben, das Heft in Händen zu behalten, oft aber anch aus thörichter Furcht, als illiberal und zu konfessionell verschrieen zu werden, es vielfach unterlassen, die oft günstig liegende Gelegenheit zu benutzen. Dies muß endlich einmal anders werden; wir Juden müssen uns selbst regen und für unsere Lebensinteressen sorgen. Der alte aufmunternde Spruch: Hit?'?5? r\V „es isteineZeit zu wirken, thätig zu sein für das Göttliche" gilt, wie für alle Zeiten, ganz besonders für die jetzige. Gerade jetzt ist eine innere Sammlung und Kräftigung auf dem Boden des Judenthums mehr als jemals geboten. Von selbst fallen uns aber die Früchte nicht in den Schovß, auch auf diesem Gebiete heißt es: „Hilf Dir selbst und Gott wird Dir helfen." Humanität und Halacha. Bon Dr. Kroner, Rabbiner in Brandenburg a. d. H. (Fortsetzung statt Schluß.) Dieses Moralgesetz, das neben jenem Rechtsgesetz als prävalent auftritt, verlangt die Rückgabe des Fundes: 1. überall, auch an den sittlich entarteten Heiden, zwecks Heiligung des Gottesnamens (Kiddusch ha-Schem). Es ist oft die Frage erörtert worden, was auf hebräisch sittlich, moralisch, ethisch heißt. Nach meinem Dafürhalten ist kadosch der einzige Begriff, dem jene Ausdrücke sich am meisten nähern, aber noch lange nicht gleichkommen. Das griechische Ethos, von setze oder eftw — suesco bin gewohnt, die festgesetzte Gewohnheit, das lateinische mos, verwandt mit modus, die Mode, sowie das deutsche Sitte, ahd. situ, gleichen Stammes mit dem griechischen Ethos, sind keineswegs einerlei mit kadosch, von ka-dasch, das in seiner organischen Wurzel mit cha-dasch und dascha neu, glänzend, rein fein identisch, weshalb kadosch und tahor synonym. Kadosch bezeichnet demnach in ethischer Beziehung das ewigneue, ewigschöne, ewigreine Sittliche, das einzige wahrhaft sittliche Gut, dessen Ur- und Vorbtld allein Gott ist. Diesem Ideal unentwegt nachzustreben, ist jüdische Sittlichkeit, die in der Menschenwelt zur Anerkennung. Verherrlichung und Bethätigung zu bringen, der Jude kein Opfer scheuen darf, selbst kein Martyrium — gleich jenen Tausenden frommer Ahnen, die „ins Feuer und ins Wasser gegangen, auf daß der Gottesname geheiligt werde." Ein Leben mit Verleugnang ihres sittlichen Ideals erschien ihnen eben nicht mehr lebenswerth, ein Sterben mit Hochhaltung dieses Ideals erschien ihnen dagegen todbesiegend, lebenbringend. Von den vielen bezüglichen Stellen der h. Schrift sei nur hingewiesen auf 3. M. 19,2: Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich. der Ewige, euer Gott; auf Jechesk 20,41 : Ich will durch euch vor den Augen der Völker geheiligt (als das höchste sittliche Ideal, als das theuerste sittliche Gut verehrt werden; sowie auf 1. Sam. 2,2: Keiner ist heilig wie der Ewige. (Nach Matth. 19,17 spricht Christus selber: Warum nennst du mich gut, Niemand ist gut, als Einer. G ott.) Dieser stl Gott wnrzelnden und gipfelnden ethischen Lebensauffassung nur völlig entsprechend erscheint es, wenn uns die Halacha zu erkennen giebt: Die verlorene Sache eines hinsichtlich deiner Habe gesetz- und zügellosen Heiden zu behalten, ist vom no t h g esetz l i ch en Standpunkte wohl erlaubt, aber nicht vom sittlichen Standpunkte! In der Halacha heißt es: Wenn man jedoch die verlorene Sache dem Heiden (wohlgemerkt: den en tarteten Heiden') zurückbringt, um den Namen Gottes zu heiligen (lekaddesch es ha-Schem), damit man Israel, preise (kede schejefaaru es Jisrael) und wisse, daß sie Männer des Glaubens, der Treue, der Wahrheit (baale emuna) sind — d. h. da, wo der Heide noch irgend einer bessern Regung fähig ist und man „das Heilige nicht den Hunden vorwirft" *) — so ist das löblich, rühmenswerth. Daß hier weder persönlicher noch nationaler Ruhm gemeint ist, zeigen unwiderleglich Stellen wie Jes. 55,5: Welikdosch Jisrael ki fearach, sowie 4. jM. 20,12: Jaan lo heemantem bi lehakdischeni. Müssen gewisse Professoren diesen 'Beweisstellen gegenüber nicht erröthen? — Das jüdische Moralgesetz verlangt die Rückgabe des Fundes: 2. überall zwecks Verhütung der Entweihung des GorteSnamens (Chillul ha-Schem). Diese Entweihung, das Gegentheil der vorher besprochenen Heiligung, ist eben so strafbar, wenn sic heimlich, wie wenn sie öffentlich verübt wird. Die jüdischen Weisen lehren Abot 4,4 : Wer den Gottesnamen im Stillen und Verborgenen entweiht." der hat es öffentlich und vor der Welt zu büßen; gleichviel ob vorsätzlich und geflissentlich, oder nicht; wo eine Entweihung des Göttlichen stattfindet, da ist Alles gleich. — Schämen sich dieser Lehre gegenüber nicht gewisse Professoren, ihre Vor- und Nachtreter, welche „dem christlichen Publikum einzureden suchten", die Entweihung des Gottesnamens sei den Juden nur dann verboten, wenn es „einen Eclat gebe?" *) Ich würde z. B. Herrn Wise nicht rathen, gewissen namenchristlichen. modcrnheidnischeu Bestien in Menschengestalt einen Fund zurückzubrinqen. Wenn er unsere Auffassung zu pessimistisch finden sollte, so lese er u. A. die unwiderlegtc und unwiderlegliche Broschüre „Radn Porumbar und seine Gcäuelthaten in der Papierfabrik zu Bacau in Rumänien" (Seiner, Leipzigs und frage sich, ob solche Bestien, wie sie dort geschildert sind, anders als in der von dem verewigten Staatsraltz Prof. Dr. Schleiden empfohlenen Weise zu bessern sind, und ob er solche Bestien Brüder nennen kann; ich meinerseits danke für diese Brüderschaft. Schleiden — der doch so zu sagen auch ein wenig elbisch fühlte, dachte und Handelke — schrieb schon vor Jrhreu über Rumänien: „Es ist mir immer recht lächerlich vorgekommen, wenn ich sah, das; inan Persern, Türken und vielen andern als civiiisirten Völkern begegnet, blos iveil sic Pantalou und Frack angezogen haben. Den Rumänen z. B. gehören nicht diplomatische Noten, Verfassung und Geschworenengerichte, sondern die Schule und der Stock, bis sie gelernt haben, sich als Gebildete oder doch bildungsfähige Menschen zu betragen. Nicht blos Vernunft anläge, sondern Bernunftg cb r a u ch ist der einzige entscheidende Charakter des Menschen; wo und so lange der fehlt, hat mandie Geschöpfe als T hie re zu betrachten, die der Dressur bedürfen." (Schleiden, Die Rose, Geschichte und Symbolik in ethnographischer und kulturhistorischer Beziehung, S. 224.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.