Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-06-17 · N° 25. (17.6.1886) · p. Seite 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 25. (17.6.1886)
Date
1886-06-17
Page
Seite 200 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585549--6253-9585555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

verlassen. Gudel ist bekanntlich in Kowno geboren, er ist weder polnischer Herkunft, noch der polnischen Sprache im Geringsten mächtig; seit 1877 wohnt er in Danzig und ist mit einer geborenen Danzigerin verheiratbet. welche nun, obwohl krank und in wenigen Wochen der Entbindung entgegcnsehend, mit ihren drei kleinen Kindern ihre Heimath und ihr Baterland verlassen muß, um jenseits des Ozeans eine neue Heimath zu suchen. Daß der über die Familie Gudel hereingebrechcne Konkurs und Vermögensverfall eine Folge der Auswcisungsordre gewesen ist, hat die gerichtliche Verhandlung ergeben. Die Bittgesuche des nunmehr definitiv Ausgewiesenen um Naturalisation, sowie auch ein Immediatgesuch sind abschläglich beschieden, letzteres durch folgendes Schreiben des Ministers v. Puttkamer: „In Be» scheidung auf die aus dem kgl. Kabinet zur Verfügung an mich abgegebene Jmmediat-Vorstellung vom 27. Januar d. I. eröffne ich Ihnen, daß ich nach Prüfung der obwaltenden Verhältnisse mich nicht veranlaßt finde, die gegen Sie verfügte Ausweisung aus dem preußischen Staatsgebiet rückgängig zu machen. Ebensowenig kann Ihrem Naturalisationsgesuch Folge gegeben werden." (Dzg Ztg.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 8. Juni. (Or.-Corr.) Um dem hier herrschenden Studenten-Elend zu steuern, hat sich auf Anregung der Frau Jda Barber in Wien ein Damen-Comitö gebildet, dem es gelungen, im letzten Winter mehr als 100 Studirende als Lehrer in Familien zu placiren, wohl eben so vielen Freitische in guten Häusern zu versorgen. Anläßlich der Oster- und Pfingst-Feiertage sind dem Comito reichlich Geldbeiträge eingesandt worden, die es wiederum ermöglicht haben, circa 1000 Freitische an arme Studirende zu vertheilen. Das größere Publikum hat kaum eine Idee, mit welchen Entbehrungen die mittellos nach einer großen Stadt kommenden jungen Leute, die sich in ibren Hoffnungen, Stipendien zu erhalten, getäuscht sehen, zu kämpfen haben. Gut organisirte Damen-Comitss, die nach dem Muster der in Wien gebildeten Vorgehen, könnten in allen Universitätsstädten segensreich wirken. Für einen armen Studenten ist wohl noch in Jedem gut jüdischen Hause ein Platz am Mittagstisch frei. — Das in allen größeren Städten grassirende Stundentenelend wäre mit einem Schlage aus der Welt geschafft, wenn unsere Frauen den Bedürftigen Freitische geben wollten; ein- oder zweimal wöchentlich einen armen Studenten beköstigen, bedingt keine Mehrausgabe für die Familie, und wenn selbst, so macht sich diese reichlich bezahlt, indem die Kinder des Hauses ihren Sinn für Humanität bilden lernen. Der Wiener Verein ist jetzt behördlich concessionirt worden und wird fortsahren segensreich zu wirken; dem Vor stände gehören zumeist israelitische Damen an; Präsidentin des Vereins ist Frau Jda Barber in Wien. Mrag, im Juni. Vielfach, und zu gar oft wiederholten Malen ist die Frage aufgeworfen worden, wie es kommt, daß gerade jetzt, in der allgemein als „erleuchtet" bezeichneten Zeit, in der Sonne der Neuzeit, die giftige Natter „Antisemitismus" ausgcbrütet werden konnte? Man wolle doch nur von der „allgemeinen Bildung" und der „alle Welt beleckenden Cultur" den Mund nicht gar so voll nehmen; — während Viele, um im Trüben zu fischen, auf die Dummheit der Massen speculiren und sich stellen, als glaubten sie selbst all jene Ammen-Märchen, die eine längst vergangene Zeit dem Judenthume allgedichtet, indeß sie gar wvhl wlssen, daß es die crasse Lüge sei, die sie sich dienstbar machen müßten, um zu reüssiren, sind Andere wirklich von einer sancta simplicitas, die uns nachgerade in Staunen versetzt ob der Blasen, die die gegenwärtige Zeitströmung an .die Oberfläche wirft. Da führt mich ein Geschäftsgang jüngst — nicht etwa in einem weltvergessenen, in der Cultur zurückgebliebenem Dorfe, sondern im „goldenen Prag" (zlata Praga), wo doch der Bildungsstoff schon in der Luft liegen sollte — mit einem veritabeln, noch im Amte stehenden k. k. Wirthschaftsbeamten zusammen^, wir saßen so recht gemüthlich im Gespräche vertieft nebeneinander, wir hatten eben von einer stattgefundenen jüdischen Trauung gesprochen, da faßle der gute Mann plötzlich meine Hand und sprach mit einer gewissen Wärme: „Aber bei Ihrem Einflüsse auf Ihre Glaubensgenossen sollten Sie als aufgeklärter Mann doch dahin wirken, daß solche abergläubische Bräuche wie der, daß man den Brautleuten bei. der Trauung in den Finger sticht, von demselben je einen Tropfen Blut in den Weinbecher fallen läßt, den die Brautleute dann trinken müssen,-endlich einmal abgeschafft würde" — — Vergebens betheuerte ich anfangs lachend, später sogar in eifrige Extase gerathcnd, daß so etwas im Judenthume niemals geschehen — der Mann ließ sichs» nicht ausreden — er habe es, — sagte er — mit seinen eigenen Augen bei einer jüdischen Trauung gesehen — —! Wie ist diesem Manne nun wieder einmal dieser Floh ins Ohr gesprungen? ja! ist denn nichts zu absurd, als daß. inan es vom Juden nicht glauben könnte,? — An dem Leichenbegängniß des vom Blitz getödteten jüdischen Soldaten betheiligten sich viele hohe militärische Würdenträger. Herr Rabbiner Or. Kisch hielt eine angemessene Leichenrede. — — Aus Reichen berg erfahre ich, daß dort die den Tempelbau betreffende Gemeindeangelegenheit durch christliche Groß-Industrielle sehr gefördert wird, ein Beweis, daß doch noch nicht alle Gemeinden von der Pest des Judenhasses iuficirt sind. Pravdecky. Vermischte und neueste Nachrichten. Merlin, 18. Juni. Gestern und vorgestern tagte hier im Sitzungssaale der jüd. Gemeinde (Oranienburgerstr. 30, neue Synagoge) der Central-Ausschuß des deutschen Rabbiner- Verbandes (die HH. Rabb. DDr. J os l-Breslau als Bor - sitzender, Landau-Dresden, Un ger leid er-Berlin, Bamberg er-Königsberg. Rah Iller-Magdeburg, Vogelstein- Stettin, Werner-Danzig. — Die HH. Landrabbiner Guttmann-Hildeshcim, Bezirksrabbiner Schwarz-Karlsruhe waren durch Amtsgeschäfte zu erscheinen behindert) zur Berathung einer größeren Anzahl wichtiger Gegenstände, worunter als wichtigster: die einzuleitenden Schritte zur Abwendung der unserein rcligionsgcsetzlich gebotenen Schlachten, drohenden Gefahr. Auch über einen in diesem Jahre noch« zu berufenden Rabbinerverbandstag wurde berathen. (Näherer Bericht folgt in der nächsten Nr.) Merlin. Gerüchtweise hört man, daß Or. Schweninger nur jüd. rituell geschlachtetes und rite befundenes Fleisch in seinem Sanatorium zuläßt. Ist dies Gerücht begründet? Gewißheit hierüber wäre besonders jetzt erwünscht. Der Reichskanzler, dem die Schweninger-Kur so gut bekommen, dürfte, wenn obiges Gerücht auf Wahrheit beruht, eine günstige Instanz für die Schechita-Frage sein. Magdeburg. Die kürzlich gebrachte Notiz, daß auf Anordnung des sächsischen Kriegsmmistcriums Israeliten von allen Armeelieferungen auszuschließen seien, soll neueren Nachrichten zufolge auf die Thatsache zurückzuführen sein, daß kürzlich ein jüdischer Geschäftsmann, der sich zu Lieferungen für die iin Herbste d. I. im Vogtlande stattfindenden Manöver erboten hatte, nicht für „vertrauenswürdig" erachtet und deshalb mit seiner Offerte zurückgewiesen wurde. Dresden. Mitte Juni. Bezugnehmend auf die Prager Correfpondenz in Nr. 12 der „Wochenschrift" muß ich bemerken, daß hier ein betrüchtl. Theil der Trauungsceremonien feit neuerer Zeit nicht im Gotteshause stattgefundcn. Meines Wissens litt indeß die Würde des feierlichen Aktes nicht int Mindesten darunter. Natürlich ist man ja schon ui der Wahl der Lokalitäten mit Recht sehr vorsichtig, damit der würdige Ober-Rabbiner einen Grnnd zum Anstoß nicht finden kann. Die Motive sind zum Theil nur in den Konen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.