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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-06-10 · N° 24. (10.6.1886) · p. Seite 190

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 24. (10.6.1886)
Date
1886-06-10
Page
Seite 190 (sequence 4)
Language
German
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190 — passenden Worte aus Jes. 26,19. sich anlehnte statt. Zum Schluß trugen die Zöglinge wieder einen Choral vor. — Zu Abends waren die Gäste zu einer Erfrischung zum gen. Herrn Director eingeladen; um 8 Uhr versammelten sich die Festtheilnehmer im Forsthause zur gegenseitigen Begrüßung. Die Hauptfeier fand heute statt. Sie wurde durch einen Festgottesdienst in der geschmückten Synagoge eingeleitet,^ bei welchem der Landesrabbiner Herr Or.Rül f aus Braunschweig die sehr erhebende und stimniungsvolle Gedächtnißrede auf die Stifter der Anstalt hielt. Der Gedankengang derselben war ungefähr folgender: „Es waren Männer gar verschiedenen Berufes, deren wir heute zu gedenken haben, aber Eines gab es, was sie, wie auch die frommen Frauen, welche der Anstalt ihre Zuneigung und Unterstützung zuwandten, einte und verband, der Wunsch, den sie alle mit dem Sänger der Psalmen im Herzen hegten: „Sende Dein Licht und Deine Treue, sie sollen mich geleiten, mich bringen nach Deinem heiligen Berge und zu Deinen Wohnungen". (Psalm 43,3). Licht zu verbreiten und Treue zu wahren war das Gemeinsame, Verbindende an ihnen allen". Redner entwickelte nun, wie das Licht beschaffen war, welches sie in ihren Mitmenschen entzünden wollten. Wenige Monde nach dem Heimgange des Weltweisen, dem Alldeutschland in diesem Jahre den Tribut seiner Anerkennung gezollt, sei die Anstalt ins Leben getreten. Ob der Stifter eine Stätte schaffen wollte, an welcher der jenem Weisen innewohnende Geist der Aufklärung und doch so inniger Frömmigkeit fortleben und fortwirken sollte? Wenn dieser Gedanke vielleicht noch nicht in dem Stifter lebte, so habe doch die Vorsehung es gefügt, daß die Anstalt eine Pflanz- und Erziehungsstätte im Mendelsohn'schen Geiste geworden ist. In unserem Lande sei damals solcher Geist heimisch gewesen durch seinen Fürsten, der schon in seiner Jugend mit Vorliebe den Verkehr jenes Weltweisen suchte und in hiesiger Stadt, durch den Freund jenes Weisen, der hier seine Dichtung geschaffen, von der aus das Licht der Humanität bis in die fernste Zukunft strahlen wird. Maßgebend für die Entwickelung der Schule sei aber besonders ihre Bestimmung als Talmudschule gewesen. Es mußte so im Sinne und Geiste einer der maßgebendsten Persönlichkeiten des Talmuds gelehrt werden, des Hillel, der als Kern und Stern aller Religion das berühmte Schriftwort hingestellt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". Solchen Geist, der derselbe ist, der auch aus den Schriften Mendelssohns athmet, erhielten pietütsvoll die Nachkommen des Stifters in der Anstalt, und in diesem Geiste, in welchem der erste Director der Schule, Philipp Samson, das Wort an seine Schüler richtete, lehrten die späteren Leiter ver Anstalt. Diese dem Ahn und Stifter von Allen, die der Samsonschule je ihre Kräfte geliehen, gewahrte Treue sei aber um so werthvoller und preiswürdiger, als sie sich decke mit der Treue zu der angestammten Religion, der Väter Glauben. Dieser Treue habe auch die Schule vornehmlich ihre großen Erfolge zu verdanken. Licht und Treue, sagt der heilige Sänger, geleiten uns nach Gottes heiligem Berge, zu des Herrn Wohnung. Sie lassen uns das Heiligthum Gottes in unserer Brust finden, sie werden auch, wenn die irdische Hülle gefallen, unsere Seelen in ihre Heimath, des Herrn Wohnung, geleiten. An die schönen und schwungvollen Worte des Redners schloß sich der Choral: „Wie sie so sanft ruh'n" an, worauf der Herr Landesrabbiner nach Verlesung der Namen sämmtlicher Stifter und Wohlthäter der Anstalt für diese, wie für die verewigten Direktoren und Lehrer ein Seelengebet und das Kaddisch sprach. Nach einer kurzen Frühstückspause begab man sich um 11 Uhr nach der reich decorirten Aula der Anstalt, woselbst sich eine zahlreiche Versammlung eingefunden hatte — unter denselben viele ehemalige Schüler der Samsonschule zum Theil aus weiter Ferne, 80jährige Greise, die in den Jahren 1815—20 die Anstalt besucht, und Jünglinge, die sie vor wenigen Jahren erst verlassen hatten. — In der vordersten Reihe erblickte man die zur Feier erschienenen Mitglieder der Behörden: Kreisdirector Vogler, Consistorial-Vicepräsident Abt Stausebach, Stadtdirector Baumgarten u. A.*) — Gleich nach 11 Uhr begann der Festact mit einem von Frl. Emma Rosenstock, auf dem Flügel vorgetragenen Präludium von Mendelssohn-Bartholdy, worauf Geh. Sanitütsrath Or. Herm. Cohen (Hannover) das Podium betrat und im Namen der Verwaltung des Samson'schen Legatenfonds die Festgesellschaft herzlich begrüßte. In einer kurzen Ansprache hob Redner die Bedeutung der Jubelfeier gebührend hervor. Werde schon im Leben des Einzelnen eine 25 jährige, eine 50 jährige Jubelfeier mit Freude und Erhebung begangen, um wie viel mehr habe man Anlaß, sich eines Festes zu freuen, das dem nunmehr 100jährigen Bestehen einer Unterrichts-Anstalt gelte, deren gute Bestrebungen und Leistungen, deren schöne Erfolge vor Aller Augen lägen. Zwei fromme Brüder, Herz und Philipp Samson, legten vor hundert Jahren den Grund zu dem Werke, das sich im Laufe der Zeit so trefflich weiter entwickelt hat. Zu diesem schönen Gelingen trug namentlich der Umstand bei, daß die Schule das Glück hatte, treffliche Leiter und Lehrkräfte, die zum Theil in der Anstalt selbst ihre Ausbildung empfangen hatten, zu besitzen. Redner gedenkt namentlich des hervorragenden Wirkens der beiden Ehrenberg (Jnspector Samuel Meyer E. 1807 bis 1846 und dessen Sohnes Director Or. Philipp E. 1846—1871), sowie des würdigen Nachfolgers derselben, des jetzigen Directors Or. Rosen stock, deren Thätigkeit und Fürsorge in erster Reihe es zu danken sei, daß die Anstalt es zu dem gebracht hat, was sic heute darstelle. Bedeutende Männer, wie z. B. Zunz, Jost, seien aus ihr hervorgegangen; dessen erinnere man sich heute mit besonderer Freude. Möge der Baum weiter reiche Früchte tragen für alle Zeit, möge der Segen des Himmels auf dem Werke ruhen, das man dem gnädigen Schutze des Allmächtigen anbefehlen wolle. Nach dieser wirkungsvollen Ansprache wurde von dem Schüler-Sängerchor der Psalm 8: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name", vorgetragen. Sodann nahm Director Or. Rosen stock das Wort, Namens der Anstalt Allen herzlichen Dank aussprechend, die gekommen seien, an deren Jubelfeste theilzunehmen. Eine Skizze der geistvollen Festrede, sowie den Bericht über den Verlauf des übrigen Theiles der Feier werden wir in der nächsten Nr. bringen. Für heute nur noch einige Daten zur Geschichte der Samsonschule Der Herr Director Or. Rosenstock, hat zur hundertjährigen Jubelfeier derselben eine Festschrift verfaßt, der wir die nachstehenden Mittheilungen entnehmen: Der Stammvater der Samson'schen Familie, Gumpel Moses Fulda, geboren zu Wolfenbüttel 1733, vermachte ein Kapital zu einer milden Stiftung für Familienmitglieder, welches durch Legate seiner Nachkommen allmälig vergrößert wurde und heute den Samson'schen Legatenfonds bildet. Herz Samson (gest. 1796) stiftete eine Talmudschule mit Privatsynagoge zu Braunschweig. Philipp Samson (gest. 1805) eröflnete am 4. Juni 1786 in Wolfenbüttel eine talmudische Lehranstalt für arme Knaben und verband sie mit seiner im Jahre 1781 daselbst erbauten Privatsynagoge. Nach dem Tode des sel. Herz Samson (1796) stifteten dessen Gattin und Kinder mit einem neuen bedeutenden Kapitale ein zweites Lehrhaus zu Wolfenbüttel, so daß fortan hier beide Stiftungen nebeneinander bis 1807 bestanden und durch fortgesetzte Schenkungen seitens der Familienmitglieder in ihren Mitteln sich erweiterten. Es bestanden vor dem Jahre 1807 drei talmudische Lehranstalten: diejenige von Samson Gumpel in Braunschweig, Philipp Samson und *) Wir bedauerten, daß wir der ehrenvollen Einladung der Administration wegen des Rüsttagcs zum Sabbath nicht hatten Folge geben können; wir sandten der Anstalt unsere Glückwünsche durch den Telegraphen. (Red.)

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