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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-06-10 · N° 24. (10.6.1886) · p. Seite 189

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 24. (10.6.1886)
Date
1886-06-10
Page
Seite 189 (sequence 3)
Language
German
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189 man vom Lauft dss Rhein, von der Ostsee nach St. Gotthart sich znriicktragen lassen könne — denn das heißt ja doch den religiösen Jndifferentismus unserer Zeit zu Gunsten unserer Religionsschule umgestalten wollen — lieber auf andern Wegen den Gipfel erstreben. Der Rhein hat seine Richtung von der Höhenbeschaffenheit seiner Ufer und seines Bettes: ohne die Beschaffenheit der Ufer und des Bettes zu ändern, in den der religiöse Jndifferelitismus seinen Zufluß und seine Richtung erhält, ist dieser nicht zum Stillstand zu bringen oder gar zuruck zu dirigiren. Umgekehrt führt bei uns vielleicht noch ein Weg aus der Schule in das Leben, aber nicht aus dem Leben in die Schule, wenigstens nicht in dem erwähnten Sinne. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muß der Prophet zum Berge gehen — es ist Unrecht vom Berge, ohne Zweifel, aber der Prophet kann es nicht ändern. Das Haus will der Schule nicht entgegenkommen, so muß die Schule dem Hause entgegenkommen: „So sollt ihr sprechen zum Hause Jacob's"? . Kerichle und Gorrrsponbenzerr. Deutschland. A. gjetfitt, 7. Juni. (Or.-Corr.) Aus Frei bürg in Baden haben wir in Ihrer Nr. 23 von 3. 6. c. mit großem Interesse den Aufruf zur Begründung eines Vereins zur För derung des Handwerks und der technischen Berufsarten unter den Israeliten des badischen Oberlandes gelesen und wünschen demselben eine recht gedeihliche Wirkung. Es wird auch in jenen Kreisen sich immer mehr die Erkenntniß Herausstellen, daß sich im Handwerk eine gesicherte Existenz begründen läßt, und der geschickte Handwerker sich sehr rasch eine geachtete Stellung zu erringen im Stande ist. Wir haben darin die besten Resultate von dem seit 1813 hier in Berlin wirkenden Verein zu verzeichnen, unter dessen Obhut bereits mehr als 2000 Lehrlinge gcst andcu haben und gegenwärtig über 80 stehen, deren Ausbildung nicht blos in der gewöhnlichen Hvndwerksarbeit, sondern auch in dem Besuch der Fortbüdungs- und Fachschulen besteht, und auch der mangelhafte Religionsunterricht nach geholfen wird. Dieser Verein controllirt nicht nur die Meister und die Lehrlinge, sondern, wo cs nöthig ist, auch deren Eltern und bemüht sich, erfolgreich im erziehlichen Sinne zu wirken und zu bessern. Reben diesem nur für Berlin bestimmten Verein existiren noch verschiedene in den Provinzen und andern deutschen Staaten und es wäre recht verdienstvoll, wenn in allen größeru Gemeinden solche Bestrebungen sich weiter entwickelten. — Von einer Centralisation kann und braucht dabei gar keine Rede zu sein, denn der Zweck läßt sich überall erreichen und die einfachen Mittel überall aufbringen. Wohl aber kann durch Aufmunterung von jüdischer Seite her etwas geschehen. So hat eine solche Aufmunterung der D.-J. G.-B. in sein Programm ausgenommen und seildcm werden denn auch von ihm Lehrlinge in den verschiedenen Provinzen mit Geldbeträgen unterstützt und wo es angeht auch die Uuterbringung in die Lehre vermittelt. Es beruht daher jene, in genannter Nr. dieser Zeitung aus Thieugen gemachte Mittheilung, daß die Beihilfe des D.-J. G.-B. einzig und allein darin besteht, daß das Büreau dem Petenten einige Lehrhcrren namhaft macht, es aber daun dem Suchenden überläßt, sich zu vergewissern. ob die in weiter Ferne wohnenden Meister in ihrer Person die nöthigen Garantien bieten für die Ausbildung des Knaben und ob es demselben möglich sein wird, den Sabbath- und den Speisegesctzen zu genügen — wohl nur auf eine nicht genaue Kenntlich der wirklichen Thütigkeit und Leistung des D.-J. G.-B., wie nicht minder auf eine Verschiebung der etter lichen Verpflichtung. (Wir bemerken, daß uns. Corrcsp. aus Thieugen die betreffende Bemerkung, wie uns schien, nach selbstgemachter Erfahrung beigefügt h.itte, doch ist selbstverständlich e i n Fall nicht maßgebend, um die auf diesem Gebiete gewiß ersprießliche Thütigkeit des D.-J. G.-B. zu be- oder gar zu verurtheilen. Red.) Kaiserslautern, den 4. Jnni. (Or.-Corr.) Die Correspondenz aus G log au in der jüngsten Nr. Ihrer gesch. ,,Wochenschrift" erinnert mich an die Geschichte, die in jüngster Zeit das „rituelle Schächten" überall durchmachen zu müssen scheint und an das Mittel, den Gegnern desselben, die von so merkwürdigem Zartgefühl gegen die Thiere erfüllt sind, den jüdisch-religiösen Standpunkt ad. oculos zu demonstriren. Auch in hiesiger Stadt hat sich vor einigen Jahren, veranlaßt durch einen im „wtssensch.-litterarischen Verein" vom Bez.-Thierarzt Bauwerker gehaltenen Vortrag über das „rituelle Schächten", der natürlich „auf Drängen der— Freunde" veröffentlicht wurde, eine Agitation gegen die Schechita erhoben. In den thierärztlichen Vereinen, in denen genannter Herr, der beständig die Annahme von sich wies, daß die Abschaffung der Schechita etwa mit dem Antisemitismus zllsammenhänge — man mußte dabei an das qui s’excuse s'accuse denken, — wurde die Sache scharf und eingehend ventilirt und sogar als unzeitgemäße Tierquälerei zur Resolution erhoben. Ich habe in einer kleinen Schrift: „Das titueÜe Schachten im Lichte der Wahrheit" kurz aber scharf die Haltlosigkeit der Gründe von Quälerei rc. beim Schächten, auseinandergesetzt. Jndeß gegen das Nicht-überzeugt-werden-wollen kämpft man ja vergebens an. Alle Reden und Vvrstellttngen jedoch haben in maßgebenden Kreisen bis jetzt keinen weiteren Erfolg gehabt. als hier, wie auch fast in der ganzen Pfalz, das Äuffangen des Blutes, wodurch dasselbe von dem sich entleerenden Mageninhalt afstcirt werden soll und wogegen ja auch unser Ritus nichts einzuwenden haben kann, zu inhibiren und dann die Vorbereitungen zur Schechita. d. h. das Fesseln und Werfen des Viehes zu vereinfachen oder besser zu moderuisircn.*) Um letzteren Zw ck zu erreichen, hat der oben genannte Reformator des Schächtens in dem jüngst hier eröffneten neuen Schlachthause einen „Stock" eingeführt, der im Stande sein soll, auf sanfte Weise das Thier zum Fallen zu bringen. Bemerken mnß ich, daß derselbe die Anschaffung einer solchen Neuerung aus den Mitteln der Cultuskasse bestritten sehen wollte. Er wandte sich mit einer solchen Vorstellung an die Stadtverwaltung, die eine gutachtliche Aeußcrung über die rituelle Nothwendigkeit der in Rede stehenden Institution einholte. Aber auch die Stadt sträubte sich zuerst gegen die Anschaffung. Erst später wurde die Anschaffung auf Rechnung der Stadt genehmigt. Somit, denke ich, wird hier, wie in der ganzen Pfalz, dieses Thema eine Zeit lang wohl nicht mehr auf der Tagesordnutlg der thierärztlichen Vereine figuriren. Im Interesse der Sache jedoch möchte ich mir erlauben darauf aufmerksam zu machen, daß es Sache der Schochtim sein müßte, den Metzgern, zu deren Handwerk allerdings die Feinfühligkeit nicht gerade gehört, ein behutsameres Werfen des Viehes anzuempfehlen. Denn es ist nicht zu läugnen, daß das mosaische Gesetz durch das Schächten und, wir dürfen hinzufügen, auch durch die Vorbereitungen hierzu, jede Thierquälerei vermieden wissen will. L. Wokfenküllek, 4. Januar. Die hundertjährige Jubelfeier der hiesigen Samsonschule ist gestern und heute in einer wahrhaft schönen, erhebenden und herzerquickenden Weise begangen worden. Gestern Nachmittag fand eine ernste Vorfeier auf dem jüd. Friedhofe statt, wohin Lehrer und Schüler nebst den bereits eingetroffenen Gästen um 2 Uhr sich begeben hatten. Nach einem von den Zöglingen der Anstalt gesungenen Choral fand daselbst die Bekränzung der Gräber des Stifters Philipp S ams o n, und des Inspektors Eh ren berg und seiner Gattin unter eindrucksvoller Ansprache des Directors Or. Rosenstock, die an die sehr *) Ich füge hinzu, um zu zeigen, wie weit der moderne Zartsinu und die Rücksichtnahme heut zu Tage geht, daß Hr. B. Svpha's oder Strohmatratzen zum Zweck des Hinwerfens des Viehes vor dem Schächten eingesührt sehen wollte?! L.

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