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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-06-10 · N° 24. (10.6.1886) · p. Seite 188

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 24. (10.6.1886)
Date
1886-06-10
Page
Seite 188 (sequence 2)
Language
German
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— 188 — Offenbarung und Erziehung, Schule und Haus. Von Dr. I. Goldschmidt-Weilburg. So sollst Du sprechen zum Hause Jacob's und reden zu den Kindern Israels. (2 B. M. 19,3.) I. „Offenbarung ist Erziehung und Erziehung ist Offenbarung" — dieses große Wort unseres großen Lessing ist unwidcrsprechlich wahr in dem Sinne, wie es Lefsing meinte, aber doch ungenau, wenn man den Maßstab einer strcngern pädagogischen Ausdrucksweise daran anlegt, was natürlich für Lessing, der in theologisch geschichtsphilosophischer und nicht in spezifisch pädagogischer Absicht schrieb, kein Vorwurf sein kann. — In der Wissenschaft der Pädagogik wird unterschieden zwischen Erziehung und Unterricht. Das eigentliche Wesen dieses Unterschiedes ist hier nicht der Ort darzulegen; es wird genügen, wenn wir sagen: die Erziehung geschieht mehr durch Beispiel, Gewöhnung und Uebung, der Unterricht mehr durch Zeigen und Lehren; obgleich im Geiste einer genauen psychologischen Pädagogik diese Unterscheidung nicht genügend, zum Theil auch unzutreffend ist. — Wenn aber Erziehung mehr durch Beispiel, Gewöhnung und Uebung sich vollzieht, so ist die Offenbarung an sich keine Erziehung, sondern ein Unterricht, denn die Offenbarung gab ja nur Lehren und Gesetze. Das Lessing'sche Wort muß also genau genommen dahin abgeändert werden: Offenbarung ist Unterricht und Unterricht ist Offenbarung. — Selbst nach der Lehre vom „erziehenden Unterrichte" ist diese Abänderung nöthig. Zwar ist der Stoff des „erziehenden Unterrichtes" nach Ziller und seiner Schule zum größten Theil identisch mit dem Stoff der Offenbarung, da die biblische Geschichte weitaus den größte Theil des im Unterrichte eigentlich erziehlichen „Gcsinnungsstoffes" ausmacht. Aber da das erzieherische Element des „erziehenden Unterrichts" nicht im Stoffe, sondern in der formellen Bearbeitung des Stoffes nach der sogen. Discussions-Methode zur Erzeugung „gleichschwebenden vielseitigen Interesses" besteht, so ist bei der rein Vortragenden (akroamatischen), ja eigentlich rhetorischen Form der göttlichen Offenbarung kein Zweifel, daß sie nur als Unterricht, nicht aber als Erziehung aufgcfaßt werden kann. — Die Offenbarung als Unterricht bedurfte demnach der Ergänzung durch Erziehung, ungefähr in der Weise, wie die Schule durch das Haus. Der Unterricht bereichert und bearbeitet das Wissen, die Erziehung kräftigt und bildet das Wollen, und bei der Wissenschaft, die uns darüber belehrt, was wir wollen sollen, ist daher der Unterricht ohne Erziehung fast werthlos, weil machtlos. Die Schule bedarf daher sehr der Mitwirkung des Hauses, wenn die Schüler nicht bloß wissensreiche, sondern auch tugendhafte Menschen werden sollen. Und das Bedürfniß dieser Mitwirkung erkennt die Offenbarung mit klaren Worten an in dem an die Spitze gestellten Verse: „So sollst Du sprechen zum Hause Jakobs uud reden zu den Kindern Israels", — und wenn unsere Weisen im Midrasch die Anmerkung machen: „Zum Hause ,Jacob's", das sind die Frauen" — elu hanuaschim — so ist damit nur bewiesen, daß sie die Frau als die Seele der häuslichen Erziehung betrachteten, was natürlich nicht zu verwechseln ist mit der Pestalozzi'schcn Ansicht, welcher in neuerer Zeit einer unserer Seminar-Dirigenten sich zuzuneigen schien, daß auch der Unterricht am besten in den Händen der Mütter aufgehoben sei. Ist dies im allgemeinen richtig, so gilt das noch viel mehr von der Religionsschule, von der jüdischen Religionsschule. Das gesellschaftliche und staatliche Leben ist ja noch immer für die allgemeine Moral ein höchst wichtiger Erziehungs-Faktor, der manche Scharte auswetzt, dje durch die Familie vernachlässigt oder gar entstanden ist. Wer aber soll die Scharten auswetzen, die in der jüdischen Erziehung zurückgeblieben oder gar veranlaßt sind? — Hier hat das Haus eine noch viel größere Verantwortlichkeit, wenn in der Moral ein Comparativ zulässig ist. — Möge das Offenbarungsfest dem jüdischen Hause seine hohe Ausgabe offenbaren: das wäre dann wahrhaft ein — „Offenbarungs-Fest". Aber auch für die jüdische Religionsschule wäre ein „Offenbarungsfest" wünschenswert!): daß ihr die Nothwendigkeit, mit den Thatsachen und den wirklichen Verhältnissen zu rechnen, offenbar werde. — Die Mitwirkung des Hauses ist für keine Schule von größerer Wichtigkeit als für unsere Religionsschule. Kann aber unsre Religionsschule darauf rechnen, daß dieser Aufruf an das Haus Beherzigung finden werde? Kann die jüd. Religionsschule auf die Mitwirkung des Hauses rechnen oder nicht? — Das ist eine Frage, die sich jeder jüd. Religionslehrer vorlegen muß. — Wer unsere Zeitverhältnisse kennt, wird ohne Bedenken mit einem kräftigen „Nein"! auf diese Frage antworten. In den bei weitem meisten Fällen steht das jüd. Hans nicht nur der jüd. Religionsschule nicht zur Seite, sondern feindlich gegenüber. Das heißt ein jüdisches Haus wäre schon als solches eine Stütze der Religionsschule; das Haus brauchte nur ein wahrhaft jüdisches zu sein, und der Religionsschule bliebe nichts zu wünscheil übrig. Da aber 90% unserer Häuser nichts weniger als jüdische sind, — so ist es klar, daß jede Hoffnung unserer Schule auf Mitwirkung des Hauses leere Thorheit wäre. Das muß unfern Religionslehrcrn — worunter ich natürlich auch die Rabbi uer verstehe, so weit sie solche sind — offenbar werden: unsere Religionsschule kann nach der Lage der Dinge ganz und gar nicht auf die Unterstützung des Hauses rechnen. Was diese „Offenbarung" für einen Zweck hat? — Sie soll das Streben veranlassen, die Schule vom Hanse unabhängig zu machen, unsere Religionßschnlc aus eigne Füße zu stellen, und Mittel und Wege zu finden, wie sie ohne Mitwirkung des Hauses ihr Ziel erreichen könne! — Leicht gesagt, aber ... die Ausführung? „Das ist unmöglich, wir kön nen nicht leisten, was wir leisten müßten, weil die Eltern uns nicht beistehen, ja sogar das Kind in seiner Gleichgiltigkeit, wo nicht Abneigung, gegen unfern Religionsunterricht noch unterstützen" -so höre ich viele Lehrer nicht nur im Geiste, sondern ich höre sie bei meinen Schulinspektionen auch in der Wirklichkeit mit meinen leiblichen Ohren so sprechen. Wo etwas fehlt, namentlich in den hebräischen Fächern, da ist das Haus schuld. „Ohne das Haus können wir nichts machen! Die Kinder werden zu Hause nicht zum „Orcn", Benschen" u. s. w. angehalten, und da kann ich nichts machen" — das habe ich oft hören müssen. Und meine Antwort darauf war folgende: „Wenn das so ist, dann m. H. wollen wir unfern — — Gemeinden die Verträge zurückgeben und die Schule schließen! Denn die Verhältnisse sind einmal so. und sie werden sich wegen des Bedürfnisses unserer Schule nicht ändern. Wir müssen mit diesen Verhältnissen und iii diesen Verhältnissen die Ausgaben unserer Schule lösen, oder-wir können sie nicht lösen!" — Ich glaube, das wäre eine höchst heilsame Offenbarung für alle Männer der Religionsschule. In allen Berathungen zur Hebung des Religionsschulwesens nehmen die Thesen: wie der Jndifferentismus des Hauses gegen die Schule beseitigt werden könne, einen hervorragenden Platz ein. Sehr begreiflich: ss ist immer angenehm einen Sündenbock in Reserve zu haben! Es ist abör eine alte Wahrheit: qui s’excuse s’accuse! Und diese Wahrheit sollen wir für unsere Religionsschule anerkennen, wir müssen den Sündenbock entbehrlich machen und keiner Entschuldigung bedürfen. Anstatt die Zeit und die Arbeit darüber zu vertrödeln, wie

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