Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 23. (3.6.1886)
- Date
- 1886-06-03
- Page
- Seite 182 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 182 — Reichstag verstiegen, worin sie verlangen, daß die Thiere vor dem Schlachten betäubt werden sollen. Diese Petition ist. wie man erführt, nicht ganz ohne Erfolg geblieben; die Petitions-Commission des Reichstags hat (Vorsitzender Hoffmann dfr.)sie demReichskanzler zurBerücksich 1 igu ng überwiesen. Wenn wir nun auch nicht glauben, daß diese Agitation ein Einschreiten der Regierung gegen die Schechita im Allgemeinen veranlassen werde, so läßt sich doch mit ziemlicher Gewißheit annehmen, daß einzelne Vorgänge beim Schlachten scharfen Angriffen ausgesetzt sein werden. Sv wird z. B. sehr oft über die Art des Fessel ns der Thiere vor dem Schlachten geklagt und raisonnirt, und wenn wir den prinzipiellen Gegnern des eigentlichen „Schächtens" eineAnzahl jüd. und nichtjüd. Autoritäten, die dem „Schächten" von allen bisher bekannten Schlachtmethoden den Vorzug geben, entgegcnstellen können, so müssen wir schweigen, wenn uns die Art des Fesselns vorgehalten wird. Schreiber dieses ist seit einer Reihe von Jahren Schachet und hat immer die Empfindung gehabt, als ob auf diesem Gebiete Abhilfe geschafft werden müßte und auch könnte. Wohl existirt bereits eine „Legemaschine", die sogen. Zechnffche und ist bereits in Gemeinden z. B. in Lübeck eingeführt, allein der Rabbiner von Lübeck giebt selbst zu, daß dieselbe sich nicht bewährt. Umsomehr freut es mich mittheilen zu können, daß der Cultusbeamte Herr I. Kreslawski Hierselbst, aus Veranlassung unseres Rabb. Herrn Dr. Rippner, eine „Legemaschine" angefertigt hat, die geeignet zu sein scheint, die Raisonnements über Thierquälcrei beim Binden verschwinden zu lassen, denn die Construction besagter Maschine ist eine derartige, daß das Rind ohne gefesselt zu werden, hin gelegt — nicht hin geworfen! — werden kann. Eine nähere Beschreibung werde ich, wenn Sie, Herr Redacteur, es ertauben, in der nächsten Nummer der „Wochenschrift" geben.") Diese meine Zeilen sollen nur dazu dienen, den „Rabbinerverein", der die Angelegenheit in die Hand nehmen müßte, auf die neue Maschine aufmerksam zu machen. Ich bemerke nur noch, daß besagte Maschine feit Monaten bereits fertiggestellt ist, und daß dieselbe der hies. Fleischerinnung Vorgelegen hat, die sich über die neue Erfindung sehr günstig ausgesprochen haben soll. W. Hppekrt, 26. Mai. (Or.-Corr.) Es wird mir ein großer Beweis Ihrer Unparteilichkeit sein, wenn Sie. sehr geehrter Herr Red., meinem heutigen Schreiben seinem ganzen Inhalte nach Aufnahme gewähren, wenn cs auch nicht dem Standpunkte der „Wochenschrift" vollauf entspricht. Zuerst Neutrales. Sie haben bereits berichtet, daß in unserer Synagoge Orgelgottesdienst stattfindet. **) Der Raum und die Baulichkeiten ließen nicht die Aufstellung einer Orgel zu, sondern nur eines Harmoniums, das jetzt gegen 13 Jahre eingeführt ist. Es wird wegen lokaler Verhältnisse nur an den Feiertagen und bei besonderen Festlichkeiten gespielt und zwar von einem Juden und nur in Ermangelung eines solchen von einem Christen. Ich darf wohl voraussetzen, daß Sie mein Referat über das Orgelspiel an Sabbathen von einem Israeliten gelesen (Referate der Augsb. Synode 1871). Ob meine damaligen Gutachten in jüdischen Blättern widerlegt wurden, habe ich .nicht gelesen, auch nicht von Anderen gehört. Sollte jenes geschehen sein, so wäre es wohl ganz angemessen, ja eigentlich Pflicht der Redactionen gewesen, besonders wenn das Gutachten nicht blos objectiv kritisirt, sondern auch der Begutachter selber dabei angegriffen wird, diesen die betreffende Nummer zuzuschicken. Ich komme weiter unten auf dieses Thema zurück. Sie wünschen ferner zu wissen, an welchen Orten an Gymnasien re. jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird. Es wird für manchen Collegen nicht ohne Interesse sein, zu erfahren, daß wir hier in Oppeln gewissermaßen eine Ge¬ *) Wir bitten dringend darum, da der Centralausschuß demnächst zu einer Sitzung Zusammentritt, und auch über Mittel zur Abwendung der dem „Schächten" drohenden Gefahr berathen wird. (Red.) **) In Schlesien hat auch die Synagoge zu Leobschütz eine Orgel. schichte dieses Thema's hinter uns haben. Als ich im Jahre 1853 hierher kam, hatte bereits mein Amtsvorgäuger, Rabb. Dr. Salomon Cohn, (jetzt in Berlin) einige Jahre vorher Religionsunterricht ertheilt und auch mit censirt. U ngefähr 1856 kam ein Ministerial-Reskript (Raumer), der jüdische Religionsunterricht solle den Schülern in ihren Gymnasialzeuguissen nichtcensirt, sowie auch in den Programmen nicht erwähnt werden. Auf Anregung des sel. Dr. Hirschfeld in Gleiwitz wurden wir drei Rabbiner, Dr. Hirsch'eld. der sel. Rabbiner S. Löwe in Ritibor und ich, vorstellig bei demselben Minister, richteten aber nichts aus. Wir wiederholten, aber nur Dr. H. und ich, unsere Bitte beim Eintritt der neuen Aera unter Bethmau-Hollweg, wurden wiederum abschlägig beschieden. Darauf wandte sich der Unterzeichnete allein — Dr. H. war inzwischen erfranft — beschwerdeführend an die Kammer. Die Unterrichtskommission empfahl Uebergang zur Tagesordnung und gab dafür 8, sage acht, Motive an.*) Der Jnstanzengang wurde innegehalten, es kam inzwischen das Ministerium Mühler an die Regieruug. Ich petiüonirte bei demselben, während zugleich das Abgeordnetenhaus tagte; wiederum abschlägige Antwort. Ich wandte mich an die Kammer, widerlegte die refnsirende Motiven des Ministers; die Unterrichtskommission (Vorsitzender Dr. Georg v. Bunsen), wie aus dem damaligen stenographischen Bericht zu ersehen, räumte dem Minister gegenüber mir volles Recht ein, sprach ihr volles Einverständniß aus, zur Verhandlung im Plenum konnte die Angelegenheit nicht mehr gelungen, weil durch die verspätete Antwort des Ministers die Kammer inzwischen geschlossen wurde, ich sollte meine Petition bei der nächsten Session wiederholen. Unter dem Ministerium Falk wiederholte ich meine Gesuche und erhielt,, durch die Zuschrift des Provinzial-Schulcollegiums zu Breslau den Bescheid, ich dürfte von jetzt ab meine Censuren in die Gymnasial-Zeugnisse schreiben, aber nicht oben, wo die Rubrik lautet: Religion, sondern ganz unten auf den leeren Raum, nachdem bereits Director und Ordinarius ihren Namen unterschrieben, unter ausdrücklicher Nennung meines Namens, woraus erhellen solle, daß das Gymnasium die Sache nicht vertrete, da ja der Director bezüglich der jüdischen Religion nichts bestätigen können, er sei darin incompetent. Ich befolgte für das erstere diese Aenderung, nahnl ein Zeugniß, in welchem ein Ordinarius die Rubrik Religion (anstatt des fehlenden Prädicatcs wegen den Raunt leer zu lassen) ganz und recht fett durchgestrichen hatte und schloß sie in meinem erneuten Gesuche an Falk mit ein, mich zugleich folgendermaßen darüber aussprechend: „Excellenz! auch ein K. Prov. Schulcollegium ist nicht immer unfehlbar, ich halte mich vielmehr überzeugt, daß Excellenz von genannter Behörde nur mißverstanden sei. Oben das Wort Religion durchgestrichen, kommt es unten entstellt, weil verstellt, wieder zum Vorschein, ähnelt das nicht einigermaßen dem gelben Fleck, dem spitzen Hut des Mittelalters? Kann ein solches Verfahren und Gebühren zur gegenseitigen Werlhschätzuna der Schüler beitragen?" (vsrdo tenus). Und siehe, es lief auch in der Thal der Bescheid ein, ich könne geradeso zensireii, wie der christliche Lehrer, *) Wie ich durch ein Mitglied der damaligen Unterrichts- Kommission erfuhr, war der eigentliche Beweggrund zur Ablehnung der Petition durchaus kein gehässiger, engherziger, sondern, einen freien Standpunkt einnehmend, erschien es ihr vielmehr wünschenswerth, wenn auch der christliche Religionsunterricht nicht censirt würde, überhaupt nicht obligatorisch wäre. Sie hielt unsere religiösen Verhältnisse dem Staate gegenüber für opportuner, als die christlichen. — (Zur Abweisung jüd. Forderungen um Parität kehrt man gar oft den Spieß auch um, holt die Gründe aus dem Wörterbuch des fortgeschrittensten Liberalismus her, weist den Juden gegenüber auf das Schlagwort: „Trennung der Kirche vom Staat!" hin. Wir kennen das, und erleben es eben jetzt hier, daß ein Stadtschnlrath, der zur Fortschrittspartei gehört, sich offen gegen jede Honorirung für den von jüd. Lehrern an den städt. höheren Schulen ertheilten jüd. Religionsunterricht aus der Communalkasse erklärt. Rur der cvangel. Religionsunterricht werden aus dem Stadtseckel bezahlt; Juden, Katholiken, Dissidenten mögen ihren Religionsunterricht selbst zahlen — heißt cs da. Red.) i