Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 22. (27.5.1886)
- Date
- 1886-05-27
- Page
- Seite 177 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 177 - Merlin. Die Versammlungen der Christlich-Sozialen, schreibt die „Volksztg.", haben längst aufgehört, der Aufmerksamkeit gewürdigt zu werden; bisweilen kommt aber doch etwas vor, was als Anzeichen erwähnenswerth ist. So vorige Woche, als Stöcker über: „Die deutsche Jugend, die nationale Idee und das Judenthum" sprach. Als er geendet hatte, bestieg Herr Professor Wagner die Tribüne und begann: »Meines Erachtens ist es nicht nothwendig, bei jeder Gelegenheit das Judenthum in die Debatte zu ziehen, und so hätte es auch aus dem heutigen Thema wegbleiben können. Wir in Deutschland müssen uns hüten, das Judenthum zu sehr zum Prügelknaben zu machen. Wo das Judenthnm unberechtigt angegriffen wird, nehme ich es auch in Schutz." Von Herrn Wagner's Wohlwollen für die Juden hat man sonst nicht viel gemerkt, aber es muß stark sein, wenn es ihn sagar in Widerspruch mit Stöcker bringt. „Und scheint die Sonne noch so schön, einmal muß sie untergeh'n." Stöcker's Sonne ist aber entschieden im Untergange. Seine Berufung gegen das sreisprechende Urtheil des ihn seiner Zeit so sehr compromittirenden Redacteurs des Sieg euer Tagebl. ist verworfen. Merlin. Der „Staatsanzeiger" veröffentlicht die neuen Ernennungen zum Volkswirthschaftsrath. Die Körperschaft besteht aus 75 Mitgliedern und wird für eine fünfjährige Sitzungsperiode ernannt. Israelitischen Glaubens befinden sich darunter Commerzienrath Rosenbaum zu Breslau, Geheimer Commerzienrath Wilhelm Herz zu Berlin und Kaufmann Samuel Auerbach zu Posen. — Dem jüdischen Lehrer Nathan Posner zu Wollslein im Kreise Bomst, ist der Adler der Inhaber des königlichen Haus-Ordens von Hohenzollern verliehen worden. Aacharr i. Pom. Im Anschluß an die Mittheilung aus Königsberg O/Pr. vor der dortigen Schul-Deputation betreffs der am jüd. Religionsunterrichte nicht thellnehmenden Schülerinnen der höheren Töchterschule, erlaube ich mir folgendes aus meiner Praxis mitzutheilen. In den 11/2 Meile von hier entfernten Dörfern wohnen 2 jüd. Familien, deren Kinder die Dorfschulen besuchten. Im vorigen Jahre wurden die Eltern durch die Pfarrer von der Stettiner-Regierung aufgefordert, den Nachweis zu liefern, wo und wann ihre Kinder den jüd. Religions-Unterricht genießen. Der Eine, ein vermögender Mann, mußte seine beiden Kinder, von 10—12 Jahr alt, hier in Pension geben; der zweite schickt seine Kinder wöchentlich 2—3 Mal her. Die 4 Kinder besuchen jetzt regelmäßig meine von der Stettiner Regierung concessionirte Religions-Schule. Es scheint demnach, daß die Regierung jetzt auch auf den jüd. Religionsunterricht ihr Augenmerk richtet, was gewiß allenthalben zu wünschen wäre. Aurlh, 16. Mai. Heute wurde hier der Rentier Berolzheimer, 74 Jahre alt, begraben. Er war der erste jüdische Handelsrichter (seit 1863) und der erste jüdische „Landrath" (seit 1870) in Baiern. Stuttgart, 15. Mai. Heute Vorm, wurde in der hiesigen Synagoge der Festgottesdienst zum Gedächtn'iß der vor 25 Jahren stattgefundenen Einweihung derselben gehalten. Oberkirchenrath vr. Wassermann hielt die Festpredigt. In derselben stellte Redner eigen Vergleich an zwischen dem heutigen Tage und dem der Einweihung der Synagoge vor 25 Jahren, und zeigte den Wechsel in den Verhältnissen der Israel. Gemeinde in dieser Zeit. Hatte man bei der Errichtung der Synagoge geglaubt, damit dem Bedürfniß für lange Zeit Rechnung getragen zu haben, so zeigte sich bald, daß dem nicht so war, denn der Raum ward bald zu eng und der Ruf ertönte: „Schafft Raum, daß man sich niederlassen könne!" Die israel. Gemeinde ist in dieser Zeit zu einer der angesehensten in ganz Europa geworden und cS dürfte bemerkt werden, daß sie im großen Ganzen eine qläubia religiöse sei. Memel, 14. Mai. Heute Vormittag fand Hierselbst die feierliche Grundsteinlegung zum Bau einer Synagoge statt. Außer den Spitzen der Königlichen und städtischen Behörden, vertreten durch Herrn Landrath Cranz und Herrn Oberbürgermeister König, waren in offizieller Eigenschaft erschienen Herr Consul Gerl ach als Vorsteher der Kaufmannschaft. Herr Stadtrath Fünfstück und Herr Polizeiinspector Riechert. Selbstverständlich waren die Vertreter und Mitglieder der Synagogengemeinde anwesend. Herr Rabbiner Dr. Rülf verlieh der Feier durch seine Festrede (Text: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden") die ihr gebührende würdevolle Form. — Nach einem Schlnßgebet und nach der rituellen Fürbitte für das Kaiserlich Königliche Haus, verlas Herr vr. Rülf den Inhalt der Rolle, welche in einer Metallkapsel dem Grundstein einverleibt wurde. Es erfolgten die üblichen drei Hammerschläge von den gen. Spitzen der Behörden, Vertretern der Gemeinde, Rabbiner und Leitern des Baues. ^aris. Der „Figaro" hatte die Vermuthung geäußert, das von Judenhaß strotzende Buch (1a France juive) des klerikalen Journalisten Drumont, in welchem er die Confiscation des Vermögens und der Güter aller Israeliten verlangt, um damit die katholischen Gesellenvereine zu subventioniren, könne nicht ohne Zustimmung des Erzbischofs von Paris und seiner Umgebung veröffentlicht worden sein. Der „Gaulois" versicherte aber, das weder der Cardinal Guilbert, noch sein Generalvikar Abbe d'Hulst noch irgendwie Jemand aus der erzbischöflichen Umgebung davon Kenntnis gehabt habe. D. muß auch als Mitarbeiter am erzbischöflichen „1e Monde“ seine Entlassung nehmen. Aaris. Die fakultative Leicheuverbreunung ist hier gegen das Votum des Senats zum Gesetz erhoben. Jeder Sterbende hat demnach das Recht, die Art seines Begräbnisses festzusetzen und zwischen Begräbniß und Verbrennung die Wahl zu treffen. Damaskus. — Mehrere Israeliten sind zu Mitgliedern der Behörden ernannt worden: Herr Merr Lisbona, Ehrenpräsident des Comites der Allianse, zum Rath im Vilajet. Herr Halfon zum Mitgliede des Appellationsgerichts, Herr Liniado zum Mitgliede des Handelsgerichts und Herr Jsaac Aves zur Stadtverwaltung. Jerusalem. Pfeffer — ein pikantes Gewürz. Am letzten Pesachfeste mußte sich mancher den Genuß dieses Gewürzes versagen, und zwar, weil Pfeffer für „Chamez" erklärt wurde. Wie wir hören wäre einem Rabbiner in Deutschland aus Bonyhard in Ungarn Pfeffer, der bekanntlich in Indien wächst, eingeschickt worden, welcher aus Mehl- Teig hergestellt zu sein schien. Wegen dieses einem deutschen Rabbiner zweifelhaft erschienenen Bonyharder Pfeffers haben unsere Chachams allen Pfeffer Indiens für Peßach außer Function gesetzt! (Solche Weisheit gehörte auch weniger in das Land, dessen Luft sogar der Weisheit förderlich sein soll, awira machkim, als vielmehr dahin, wo — der Pfeffer wächst.) — _ Mittheilungen aus dem II. O. B. B. Luxemburg. In der hiesigen Freimaurer - Loge hat der Herr Rabbiner vr. Blumenstein einen interessanten Vortrag gehalten: „Die Stellung des Judenthnms zur Freimaurerloge", worin er die 3 Fragen eingehend behandelt, ob Judenthum und Maurerthum sich ausschließende oder nicht vielmehr sich deckende Institutionen sind, welche Beziehungen der Talmud zu der vorliegenden Frage habe und welche Stellung das Judenthum den offiziellen christlichen Bekenntnißschriften gegenüber einnimmt. Der sehr ansprechende Vortrag wurde von einem hiesigen clerical-antisemitischcn Blatte in gehässiger Weise entstellt und der Redner natürlich verunglimpft, weil er nachwies, daß das Christenthum nicht als Bedingung für die Aufnahme in den Freimaurerorden festzuhaltcn sei. (Wir werden bei den nahen Beziehungen des Gegenstandes zu unserem Orden, die Blumenstein'sche Rede unseren Lesern auszüglich mittheilcn.) New - B»rk. Am 25. d. Mts. tagt hier das Executiv-Comite und wird u. A. auch einen Freibrief für das „gelobte Land" bewilligen. Memphis (Tenness.) Die hier tagende Districts-Großloge Nr. VII. hat in einem längeren Kabeltelegramm (von 54 Worten) die Districts- Großloge Nr. VIII für Deutschland als ihre jüngste Schwester auf'S herzlichste be grüßt.