Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 22. (27.5.1886)
- Date
- 1886-05-27
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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172 — ober sagen wir besser, auf die Klarheit, an. Wir möchten bei dieser Gelegenheit die jüdischen Lehrer-Seminare insbesondere vor Experimenten warnen, die mit fremden Dingen, wie z. B. der Handfertigkeitsunterricht ist. gemacht werden. Treiben wir das, was unbedingt nöthig ist; cs wird die ganze Zeit und Kraft vollauf in Anspruch nehmen. Ueberlassen wir das Weitere der eigenen, freien Fortbildung, zu der wir die Anregung im Seminare geben. Gediegenes, gründliches Wissen nach sicherem Plane, in der gehörigen Umgrenzung. -- nur das ist geistbildend, erhöht die Begeisterung und Willenskraft und stellt den Lehrer sicher auf den ihm angewiesenen Boden. Unbedingt nöthig ist auch eine Einigung betreffs dessen, was in nichtjüdischen Seminaren den jüdischen Seminaristen als Religionsunterricht geboten werden soll von dem für den jüdischen Religionsunterricht beauftragten Lehrer. Daß dieser Unterricht hier leider oft in den ungeeignetsten Händen sich befindet, ist tief zu beklageu; läßt sich leider aber nur schwer ändern. Wenn diese Lehrer der Lehrer nur wirkliche Liebe zur Sache, Aufopferungsfähigkeit, Erkenntniß van der Bedeutung ihrer schönen Aufgabe haben, so könnte ihnen das Leben in dem pädagogisch geleiteten Seminare mit der Zeit schon den Weg zeigen, auf dem sie zu wandeln haben. Da Die Pädagogik und Methodik selbstverständlich schon Unterrichts- Gegenstand im Seminare — dessen Hauptfach — ist. so könnte sich der jüdische Religionslehrer hier nur anschließen, überall auf jenen Unterricht zurückweiscn. Die einfachen Lehren unserer heil. Religion muß der Zögling des Seminars schon bei seinem Eintritte kennen! Wie er sie an das Kind zu bringen hat. ist Sache des Seminarunterrichts. Das ewige Herumtummeln auf einem Schülerkatechismus auch noch im Seminare, ebenso wie das Hinaufschrauben der einfachen Lehrsätze des Judenthums zur s. g. Religionsphilosophie, dieses Umdeuten und Deuteln, auf das ^theologisch gebildete Lehrer im Seminare oft so stolz sind, ist an und für sich vom Uebel. Hier, wie im jüdischen .Seminare, bleibt tüchtige Bibclkenntniß, Kenntniß einzelner leichter hervorragender Religionsschriften späteren Datums, soweit die Zeit es erlaubt, und Kenntniß der jüdischen Religionsgeschichte die Hauptsache. Kommt dazu eine begeisternde, auf der Höhe des Gegenstandes sich bewegende Lehrform — die jedoch fernab liegen muß vou der genannten afterphilosophischen Auslegungskunst und „schmalzhaftem, salbungsvollem" Tone, so wird der junge Lehrer sich später selbst zurechtfinden und sich das Interesse, das „Leben bringt", erhalten. — Daß, wie tm jüdischen Seminare, Borbereitung zum Cantorate — und, leider! — auch zu dem in der neuesten Zeit allerwärts dem Lehrer wieder auferlegten Schächter dienst nölhig ist, da mit der junge angehende Lehrer sich alsbald im Amte zurechtfinden kann, ist selbstverständlich! _ (Schluß folgt.) Briefe aus Oesterreich-Ungarn. I. (Schluß.) In Ungarn giebt es außer Tisza auch noch andere sehr gewichtige Stimmen, die sich gegen den Antisemitismus erheben, eine solche ist z. B. die des berühmten Schriftstellers und Staatsmannes Franz Pulszky. Hier ein Beispiel von vielen. Die Debatte über das UnternchtS-Budget benutzte unlängst ein Antisemit zu dem Vorwurfe, daß die Juden die Christeii auf allen Gebieten aus dem Felde schlagen, und knüpfte daran den Antrag, daß kein Jude als Professor angestellt werdell möge. Pulszky, der stets mit den Waffen des Geistes und des Wissens die unbegründeten Angriffe auf die Juden zurückschlägt, veröffentlichte einen Artikel, in welchem er deni Adel und der reichen Bürgerschaft räth, ihre Kinder nicht allesammt inS Gymnasium zu schicken, sondern dieselben lvie in England der Industrie, oder wie in Deutschland dem Kaufmannsstande zu erzieheri. Dabei fielen manche wohlivollende und anerkennende Worte für die Juden, wie folgender Passus zeigt: „Wenn ein junger Mann", schreibt er, „ein Stipendium bekommt, tritt er bald mit der Forderung auf, daß der Staat ihn versorge, ohne daran zu denken, daß es seine erste Pflicht sei. für sich selbst zu sorgen. Sein Schulkamerad, der als Jude auf keine Protection und nur ausnahmsweise auf ein Staatsamt rechnen kann, vorausgesetzt, daß es kein Professor an einer Universität ist, sieht sich selbst um sein Fortkommen um, und wenn er durch eigene Kraft sich eine geachtete Stellung erworben hat, dann feinden ihn erst die Herren Antisemiten umso giftiger au, daß er sich im Leben besser fortbringt, als der unbehilfliche Christ, der sich auf die Protection verläßt, aber seine eigene Kraft nicht in Bewegung, setzt, und jede schwere Mühe scheut". — Es wäre freilich Sache des Unterrichtsministers geivesen, ä. la Tisza selbst zu erwiedern; allein August von Trefvrt ist kein Held in der Abwehr antisemitischer Gelüste. So freisinnig und vorurtheislos auch ein Mann von seiner vielseitigen Bildung und seiner reichen Erfahrung sein muß — die Gegner der Juden haben an ihm keinen gefährlichen Gegner, sei es, daß er kein so kampflustiger Debatter ist, sei es, daß auch er die Juden nicht ganz in sein Herz geschlossen hat. Sein jüngster Erlaß, von dem ich in Rmnmer 17—18 dieses Blattes sprach, zeigt mindestens nicht von großer Schonung und nachsichtiger Toleranz. Sonderbar ist es nur, daß die Behörden der „beiden Judenthümer" in Ungarn sich ganz unthatig gegenüber diesem Erlaß verhalten. Schweigen aber Landeskanzlei und orthodoxe Durchführungskommission, so erhoben sich doch viele Stimmen gegen jene Verordnung; auch Schreiber dieses hat in einem politischen Tageblatt einen Artikel gegen dieselbe veröffentlicht, unö es wäre eben nicht das erste Mal, wenll der Minister einen unstichhaltigen Erlaß zurückzöge. In der erwähnten Nr. dieses Bl. habe ich auch von einer wirklich toleranten That eines Christen berichtet, von der großen Schenkung des Grafen Palffy für die hiesige jüdische Kinder-Bewahranstalt. Hier in Preßburg wurzelt bekanntlich der Judenhaß oder Antisemitismus tiefer als in anderen Städten Ungarns; es kann also nicht wundern, wenn dieser selten humane und tolerante Act eines hohen Aristokraten von mancher Seite nicht günstig und mißbilligend angesehen und beurtheilt wird. Doch die unschuldigen Kleinen, die unmündigen, zumeist der ärmeren jüdischen Bevölkerung entstalnmenden Zöglinge dieser Anstalt werden immerhin die kühlenden Schalten und das grüne Laub voll und ungetrübt genießen, wenn sie auch dereinst erfahren werden, daß auch sie, noch in ihrer zarten Kindheit, der Gegenstand des antisemitischen Neides waren. — Preßburg, 17. Mai 1886. Dr. David. Das praktische Juderithurn. ii. Der jüdisch-religiöse Cultus eine cultuelle Ethik. Von Landrabbiner Or. L. Adler s. A. (Fortsetzung.) Bevor wir näher darauf entgehen, ist es doch angemessen, auch von den übrigen Speisegesetzen den Nachweis zu liefern, daß sie gleichfalls religiös-ethisch, d. h. als cultuelle Gesetze ethisch einzuwlrken bestimmt feien. Das ist für unseren Zweck ganz besonders erforderlich, weil die Uebertretung dieser den stärksten Riß in der jüdischell Gemeinschaft bildet und fast schon eine Scheidewand in mancher Gemeinde, ja selbst in mancher Familie, geworden ist. Wie Viele sehen diejenigen gar nicht mehr als jüdische Religionsgenoffen an, die nicht gleich ihnen die Speisegesetze befolgen! Wie Viele wieder befolgen sie mit Widerstreben aus Gewohnheit oder Rücksichten, ohne in der Befolgung irgend etwas Religiöses zu erblicken und noch weniger an einen sittlichen Zweck dabei zu denken! Und doch ist ein solcher vorhanden. Um diesen aufzufinden und näher angeben zu können, müssen wir die Speisegesetze nach Rubriken sondern: