Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 21. (20.5.1886)
- Date
- 1886-05-20
- Page
- Seite 168 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 168 — England. London, Mai. (Or.-Corr.) Auf Einladung des Vorstandes der „Westend- (Dr. Herrmann Adler's) Synagoge" predigte daselbst Herr Dr. Chotzner (vom Harrow-College) vorigen Sonnabend (DWlp'S) vor der zahlreich versammelten Gemeinde. Er wählte zum Text den Vers der Sidra: „Liebet den Fremden", und wies nach, daß, während im Alterthum und im Mittelalter dieses Gebot außer Acht gelassen wurde, und selbst in der Neuzeit in Deutschland, Rußland und Rumänien der wirkliche oder vermeintliche Fremde gehaßt und aus dem Lande verwiesen würde, bei dem israelitischen Volke der Ausspruch: „Ein Recht für Alle! schon vor Tausenden von Jahren zur Norm erhoben worden war. Der strengen Beobachtung des besagten Gebotes. meinte Redner, sei cs hauptsächlich zuzuschreiben, daß die jüd. Nation, trotz der unsäglichen Leiden, die sie überall erlitten, noch bis zum heutigen Tage existirt. Die Zerstreuung der Juden nach allen Welttheilen sei nämlich unter den obwaltenden Zuständen durchaus kein Fluch, sondern vielmehr ein Segen für sie gewesen. Denn, wie die Geschichte es lehrt, haben die jüd. Verbannten zu allen Zeiten Schutz und liebevolle Aufnahme bei denen ihrer Glaubensgenossen gesunden, die in solchen Ländern wohnten, welche zufälliger Weise von freisinnigen Herrschern regiert wurden. Auch in jüngster Zeit, fuhr Redner fort, habe ein großer Theil unserer Glaubensgenossen auf dem Continente von Seiten gefühlloser Diplomaten Behandlungen erfahren, die an Grausamkeit jenen des Mittelalters nicht viel nachstehen. Viele dieser armen Verbannten haben sich nach hier geflüchtet, und wenn je das Gebot: „Liebet den Fremden", eine praktische Ausführung bedurfte, so sei dies besonders jetzt der Fall. Es sei daher die Pflicht derjenigen unserer englischen Glaubensgenossen, die in der politischen, litterarischcn und geschäftlichen Welt Einfluß haben, sich jener Verbannten liebevoll anzunehmen und dadurch zu zeigen, daß unsere Religion nicht blos Liebe predigt, sondern auch, daß sie die Macht besitze, ihre Bekenner anzueifern, Werke der Liebe und der Milde zu bethütigen. — (Die im klassischen Englisch und mit warmer Begeisterung vorgetragene Predigt wird nächstens im „Jewish Pulpit" in extenso erscheinen.) — Rußland. Petersburg. Professor Botkin machte am 4. März in seiner ^medizinischen Vorlesung seinem Auditorium eine sehr merkwürdige Mittheilung. Seit langen Jahren, sagte er, habe er die Beobachtung gemacht, daß die Schwindsüchtigen jüdischer C onfessio n fast immer weit über die Zeit hinaus am Leben bleiben, die ihnen auf Grund der wissenschaftlichen medizinischen Erfahrungen prognostizirt wird. Die Frage nach der Ursache dieser Erscheinung ließ er offen, doch glaubte er sicher, daß in der Constitution der Bekenner des Judenthums ein Element vorhanden sei, daß der Schwindsucht länger Widerstand zu leisten vermag. — Moskau. Vor einigen Jahren hatten die Juden, in Anbetracht des veralteten Zustandes ihrer Synagoge, eine Petition an das Ministerium in Petersburg wegen Concession zum Neubau ihrer Synagoge gerichtet. Das Gesuch wurde zurückgewiesen: „Sie hätten keine Rechte in der Stadt, sic seien nur geduldet." Der General-Gouverneur der Provinz, der edle und menschenfreundliche Fürst Dol gorucki hat jedoch aus eigener Machtbefugniß den Neubau gestattet. Der Präsident der Gemeinde, Staatsrath Poliakoff, hat eine Subskription eröffnet und die bereits gezeichnete Summe bürgt schon dafür, daß die Erlaubniß des Fürsten Dolgorucki auch ausgeführt werden wird. — Vermischte und neueste Nachrichten. Dr. Feilchenfeld-Posen sich in seiner „Erklärung" öffentlich als Autor des von ihm Anfangs in Abrede gestellten Rabbinatszeugnisses bekannt hat — er that dies etwas verclausulirt mit der Entschuldigung, „daß die stallgehakle Ausstellung eines Vefondern Zeugnisses meiuer Erinnerung nach 7 Jahren entschwunden war" — er um des Friedens willen auf eine kritische Beleuchtung jener Erklärung vor der Hand verzichte, obwohl es ihm ein Leichtes wäre, an der Hand von unwiderleglichen T hatsachen und (uns vorgelegten Schriftstücken gar viele Behauptungen in der „Erklärung" ad absurdum zu führen. Auch wir legen das erdrückende Material, das uns von vielen Seiten in dieser „bittern" Angelegenheit zu Gebote gestellt worden, sowie die diesbezüglichen Artikel aus dem Posenschen, aus Ost- und Westpreußen vorläufig bei Seite — nicht allein um des Friedens, sondern auch um der Ehre der Thora willen, bic durch derartige „Enthüllungen" schwer geschädigt wird; sollten jedoch die orthodoxen Blätter „nicht ruhen und rasten", so werden wir mit dem „Afikaumon" aufwartcn. Koblenz. Im Anschluß an die Mittheilung aus Danzig theile ich Ihnen mit, daß der Gottesdienst in hiesiger Gemeinde mit Orgelbegleitung stattfindel und das von Ben- Israel verfaßte Gebetbuch benützt wird. En och, Rabb. (Wenn wir nicht irren, ist Herr Rabbiner Enoch der Sohn des hochorthodoxen Fuldaer Provinzialrabbiners s. A.. des ehem. Redacteurs des „treuen Zionswächters" und des Begründers der „Jüd. Pr.".) Wir erhielten noch Mittheilungen über Orgelsynagogen in: Berlin, Bernburg. Bielefeld, Bonn, Breslau, Bromberg, Braunschweig, Cassel, Chemnitz, Dresden, Erfurt, Ems, Frankfurt a. M., Fürth, Glogau, G elsenkirchen, Hildesheim, Heilbronn, Karlsruh, Königsberg, Leipzig, Mannheim, München, Mühlhausen i. Th., Mainz, Nürnberg, Oppeln, Prag, Stuttgart, Stettin, Strelitz, Ulm, Wiesbaden. (Weitere Mittheilungen erwünscht.) Württemberg. In unserem Lande, das 12 Rabbinatssitze hatte, befinden sich 8 israel. Kultusgemeinden, die den Gottesdienst mit Orgel- resp. Harmonium-Begleitung eingerichtet haben. Vier davon befinden sich an Rabbinatssrtzen; in drei Gemeinden existirt daneben Separatgottesdienst, in Stuttgart, Heilbronn und Ulm, jedoch ohne Trennung von der Gesammtgemeinde. In allen wird die Orgel von Nicht - juden gespielt. Mühlhausen i. Fh. (Or.-Corr.) Das hiesige Gymnasium wird von 17, die Knabenbürgerschule von 11 jüd. Schülern, die Töchter- und Mädchenbürgerschule von 16 jüd. Schülerinnen besucht. Die verschiedenen Abtheilungen haben wöchentlich 2 Religionsstunden, welche auf Anweisung des Magistrats in den betr. Schulhäusern und zwar unter Autorität des betr. Schulvorstehers ertheilt werden. Die Stadthauptkasse zahlt dafür eine jährliche Remuneration. — Von der Entrichtung der Communalsteuer ist der Rabbiner hier gleich den christl. Geistlichen ganz frei. Königsberg HPr. Der Jahresbericht über die hiefi höhere Töchterschule enthält unter „Verfügungen" die folgende vom 6. Februar c: „Die Stadt-Schul-Deputation ersucht den Director, auf die Eltern derjenigen jüdischen Schülerinnen, welche bis dahin keinen, oder doch keinen ausreichenden Unterricht in der Religion empfangen, hinzuwirken, daß dieselben ihre Kinder in geeigneter Weise in ihrer Religion unterrichten lassen und erfordert Bericht in 4 Wochen". (Es ist jedenfalls erfreulich, daß sich die städt. Behörde einer solchen Calamität annimmt und wäre es interessant, zu erfahren, ob sie aus eigenem Antriebe oder auf Grund einer Anzeige des Rabbiners resp. Vorstandes vorgcht. Für die betr. jüd. Eltern jedenfalls eine recht gesunde Lcction! (Vergl. auch unter „Leipzig".) Magdeburg. Herr Rabbiner Dr. G oldschmidt- Weilburg theilt uns mit, daß. nachdem Herr Rabbiner