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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-05-20 · N° 21. (20.5.1886) · p. Seite 169

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 21. (20.5.1886)
Date
1886-05-20
Page
Seite 169 (sequence 7)
Language
German
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- 169 — i I T i Stry. Bei dem hiesigen Brande wurden auch 50,000 fl. Wohlthätigkeits-Gelder und andere Depositen, die dem Rabbiner anvertraut waren, ein Raub der Flammen. Aaris. An der Spitze der Subscription zur Errichtung eines Instituts zur Heiluug der Tollwuth nach der neu entdeckten Methode des berühmten Pasteur figurirt Rothschild mit 40,000 Frcs. — Bankier Eduard Cohn hat zu diesem Zwecke 2000 Frcs. gespendet. ^aris. 'Auf Antrag des Seine-Präfecten und mit Bestätigung des Präsidenten der Republik wird eine der neuen Straßen des 16. Arrondissments den Namen „Heinrich Heine" führen. Stockholm. Der König von Schweden hat, wie es heißt, für die beste jüdische Geschichte in französischer, lateinischer oder deutscher Sprache einen Preis ausgesetzt. (Das Gerücht bedarf wohl der Bestätigung.) H?etersV«rg. Herr Dr. A. I. Harkavy, Bibliothekar für Hebraica in der Kaiserlichen Bibliothek, hat 30 Manuskripte, betreffend den Rabbi Saul Wahl, von dessen Königs wähl so viele Sagen cursiren, entdeckt. Jelersöurg, 8. Mai. Anton R u b i n st e i n hat zur Förderung der Musik eine internationale Stiftung begründet, die seinem Namen ein bleibendes, ehrendes Andenken sichern wird: er hat in der hiesigen Reichsbank ein Capital von fünfundzwanzigtausend Rubel niedergelegt, von dessen Zinsen alle fünf Jahre zwei Prämien im Betrage von je fünftausend Francs ausgegeben werden sollen. Die Orte der Prümienaustheilung sind: im Jahre 1890 zuerst Petersburg, dann 1895 Berlin, 1900 Wien, 1905 Paris, dann wieder 1910 Petersburg rc. im regelmäßigen Turnus. Um den Preis können sich Personen von 20 bis 26 Jahren aller Nationen, Religionen und Stände bewerben, gleichviel wie und wo sie ihre musikalische Bildung erhalten haben. Petersburg. Im Kaiserlichen Winterpalast wurde jüngst eine Mephisto-Statue von Antokolsky (Jsr.) aufgestellt. Aifchinerv. Bei dem zu Ehren des so gewaltsam hingemordeten Kaisers Alexander II. errichteten Denkmal hat auch die „Talmud Tora" einen silbernen Kranz niedergelegt, welcher die Inschrift trägt: ..dem Kaiser, der die Leibeigenschaft aufhob." Auch die übrigen Synagogen haben Kränze mit ähnlicher Inschrift gespendet. Mohikew. Die Stadtverwaltung hat zu der hiesigen Höhern Töchter-Schule einen jährlichen-Beitrag von 5000 R. bewilligt unter der Bedingung, daß 6 arme Schülerinnen, 3 christliche und 3 jüdische, daselbst freien Unterricht genießen. Smyrna. Hier hat sich ein Verein unter dem Namen „ Dorsche szphath eber“, Förderer der hebr. Sprache, gebildet, mit der Tendenz, armen Kindern unentgeltlich Unterricht im heiligen Schriftthume zu geben. Jerusalem Unter den zu Luftkurorten für Schwindsüchtige geeigneten Ländern dürfte das heilige Land wohl in erster Reihe stehen. Die Schwindsucht ist hier eine äußerst seltene Krankheit und viele, die mit dem Keime der Schwindsucht hierher auswanderten, sind hier vollständig gesund geworden. Hlew-^ork. Hier will man auch ein streng orthodoxes Rabbiner-Seminar gründen. (Es wird jedenfalls — importirte Orthodoxie sein.) Kalkutta. Wir haben den Tod des „indischen Rothschild", des R. Elia Esra zu beklagen. Er stammte aus Bagdad und war einer A r ersten jüd. Ansiedler in Indien. Ec ist 1830 geboren, yat eine tüchtige jüd. religiöse und commercielle Erziehung genossen, war außerordentlich wohlthätig, und zwar im Geheimen. Jetzt erst erfährt man, daß er monatlich an 10,000 Frcs. an verschämte, herabgekommene Arme vertheilt hat. Er hat die „Mögen David-Synagoge", eine der schönsten Synagogen der Welt, zum Andenken seines Vaters gebaut. Er hinterläßt 11 Kinder und eine edle, durch hochherzige Stiftungen bereits berühmte Gattin als trauernde Wittwe. Sein Andenken sei zum Segen! Aus Kodwille am Mifsissipi kommt die Nachricht, alle israelitischen Geschäftsleute haben auf Anregung ihres Rabb. Henry Cohen aus London, den Beschluß gefaßt, die Sabbathfeier streng zu halten. (Ein überraschender Erfolg! — Wenn die Nachricht nur nicht so weit her vom Mississippi käme.) _ Mittheilrmgen aus dem U. O. B. Br. s Gleiwitz. Noch immer stehen wir hier unter dem Eindruck der Jnstallationsfeier der Friedens-Loge in Ratibor, welcher fast die Hälfte V unserer Mitglieder beigewohnt haben. Dieser Eindruck war ein so mach- \ tiger und nachhaltiger, daß es gerechtfertigt erscheinen dürfte, dem vor- I trefflichen objeetiveu Bericht in der vor. Nr. aus „Magdeburg" einen sub- I jcctiven anzureihen, indem ich die Empfindungen, nicht allein meiner 1 selbst, sondern sämmtlicher hiesiger Thcilnehmer zum Ausdruck zu bringen ' versuche. Ganz abgesehen von dem bei jeder neuen Anpflanzung einen Jeden beherrschenden frohen Bewußtsein, das uns umschlingende Band immer weiter ausgedehnt zu sehen, erfüllt uns das Hochgefühl, daß aus unserer Mitte die Anregung zur „Friedens - Loge" ausgegangen. Und wenn letzteres einer Steigerung noch fähig wäre, es könnte zum Mutterstolz ausarten. Doch wir wollen nur bescheidentlich Hinweisen auf den trefflichen Geist, ja auf die Begeisterung, die diese jüngste Schwesterloge bereits zu schönen Thaten werkthätiger Nächstenliebe entflammt hat. Weit überragt aber wurden all' diese Eindrücke durch ein Moment: daß cs uns vergönnt war, die Ideen, welche den Stifter.unstres Distrikts bewegten, unmittelbar durch ihn selbst zur Veranschaulichung gebracht zu sehen, ihn selbst bei seiner Gedankenarbeit zu beobachten und direkt von ihm Lehren zu empfangen. Wie hingen unsere Augen und Lippen an seinen Werken! Es war ein Genuß für den verständnißinnigen Beobachter, Meister und Jünger in unverfälschter, ursprünglicher Weise die athcmlos lauschende Schaar der Neophpten in die goldenen Ordens¬ und Weisheitsregeln einwcihen, das Verständniß für unsere hohe Aufgaben ihnen einpflanzen und den vorhandenen Keim der künftigen Entwickelung entgegenführen zu sehen! Den Höhepunkt jedoch erreichte unser geistiger Hochgenuß, als Jener, unfern langgehegten Wunsch erfüllend, am folgenden Abend in „Mamreh", am dritten in „Humanitas" unseren Arbeiten beiwohnte und hie und da mit sanfter Hand nachhelfend und belehrend eingriff. So manche neue, weitausschauende Gesichtspunkte öffneten sich unserm Blick! j Wie eine ahnungsvolle Verheißung überkam uns da unser erstes Ziel I „Israeliten zu vereinigen" und unser letztes „in dem Werke der Förde- \ rung der höchsten Interessen der Menschheit". Wer diese erhabenen Zielpunkte stets vor Augen hat, der schöpft aus ihnen, wie aus einem unversiegbaren Born stets neue, beseeligende Gedanken und immer neue, veredelnde Anregungen. Und als uns gar ein Einblick in den tiefsten Schacht seines schätzebergcnden Innern gestattet ivard, als, von elegischem Hauche durchweht, der sich thürmcnden Schwierigkeiten, des müden Fußes und der zerrissenen Bnist, gedacht wurde, als auf diesem Dämmerungspfade uns ein Licht aufging, was ein reiner und zugleich starker Wille vermag, da — waren >vir von mächtiger Rührung ergriffen, überwältigt, und eine Ahnung irdischer Glückseligkeit zog ein in die Brust derer, die m der Arbeit an sich, im Streben nach dem Höchsten, das wahre Glück zu finden vermögen, da schlug so manches alte Gelöbniß neue und kräftigere Wurzeln- — Fern sei es von nrir, an dieser stelle Dankes- oder gar Lobeshymnen anzustimmen für einen Einzelnen, nur der von ihm vertretenen Sache, seinen Ideen, seiner Lehre, seiner Weisung gilt dieser Herzenserguß. Wir empfinden wohl Alle Bedeutung und Einwirkung dieses bahnbrechenden Wegweisers und Alle wandeln wir, meist unbewußt, in feinen Spuren; aber nur Wenige wissen, wie, wo und wohin wir gehen, nur Wenige legen sich Rechenschaft ab — können es wohl auch nicht — von den uns leitenden Gedanken, verstehen nicht die Griffe der kundigen Lcnkershand. Wohlan denn! Auf zu bewußter Arbeit! Oeffnet, Ihr Führer, voll die Augen derer, die auf euch ichauen, zeigt ihnen das uns Allen gemeinsame' Ziel, die Bereinigung und Einigkeit aller guten Israeliten Deutschlands zu gemeinschaftlicher Arbeit im Dienste der Humanität! Seht, wie die von der Brandfackel niederer Leidenschaften unserer Dränger dort, von der heiligen Flamme der Begeisterung hier, aus mannigfachem Material ineinandergefchmolzene Mischung im schäumenden Kessel gußbereit brodelt und siedet und wogt, seht, wie die Form, des Gusses harrend, zur Aufnahme bereit, fertig dasteht — jetzt ist nicht Zeit, an der Form zu modeln und zu mäkeln, sonst erkaltet der Guß. — Auf drum, Alle, seid einig zu einigendem und reinigendem Werk!

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