Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 21. (20.5.1886)
- Date
- 1886-05-20
- Page
- Seite 167 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Soweit citirc ich bcii Autor und halte es als für ein Zeichen der Zeit, daß dieses Essay an die Spitze des Jahresprogrammcs einer der hervorgehendsten öffentlichen höheren Schulen unserer Stadl gestellt ist. W. Uodenfetde, 13. Mai. (Or.-Corr.) Herr Di*. Goldschmidt hebt in seinen pädagogischen Ausführungen hervor, wie in den Lehrerconferenzen, auf der Tribüne das Schlagwort, die Phrase vorherrsche. Etwas Wahres liegt jedenfalls in dieser Behauptung. Andererseits aber übersehe mau nicht, daß der Redner in den Lehrerconferenzen ein Pnblikum vor sich hat, das gegen Phrasen ziemlich abgestumpft ist. Gewöhnlich, wenn ein Cvnferenz-Redner gar zu rhetorisch verfahrt, denken die Zuhörer: Phrasen können wir selber drechseln, und suchen sich den bitter« Zwang, den Phrasen eines Genossen tauschen zu müssen, durch Privatunterhaltung und allerlei Scherze zu versüßen. Wir sehen also, daß hier das Publikum gewissermaßen das Correctiv gegen Wortmacherei bei sich trägt. Es können ja und werden auch selbst auf der Kanzel und in der Presse Phrasen gemacht, und ob das Rabbinerseminar sich von der Herrschaft der Phrase freimachen kann, ist noch sehr fraglich. — Ich glaube, daß unter allen Sterblichen der gewissenhafte Lehrer am wenigsten auf Phrase halten kann, denn er hat ein ganz unerbittliches Publikum vor sich: die Kinder! Soll der Unterricht des Lehrers fruchten, oder wie man sagt: anschlagen, so muß derselbe nothgedrungen sachlich und anschaulich sein, und dieser Zwang der „Selbstbeschrünkung" wird beim tüchtigen praktischen Lehrer auch nachhaltig wirken — mit einem Worte: es wird ihm die hohle Phrase verhaßt sein. Wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, so muß man anerkennen, daß, obgleich unserin jetzigen jüdischen Schulwesen die Einheitlichkeit fehlt, doch auch seitens der Conferenzen für die Methodik der einzelnen Lehrgcgenstünde ganz Namhaftes schon geleistet worden ist. Ich erwähne nur die verschredenen Bortrüge über Biblischen Geschichtsunterricht, über das Bibellesen, auch über den Unterricht in hebräischer Sprache in Verbindung mit Einführung in die hebr. Gebete und Pentateuch; selbst die Methodik des hebr. Lesens hat bedeutende Fortschritte gemacht. * Das einzige Schmerzenskind ist der spezielle Religionsunterricht, der doch einmal auf dem Lektionsplane steht und auch von dort nicht verdrängt werden soll, weil man den hebr. und bibl. Unterricht für sich noch nicht als hinreichende religiöse Unterweisung ansehen kann. Für diesen Unterricht geschieht auch auf den Conferenzen wenig oder nichts. Spricht em Redner darüber, so kommt es gewöhnlich darauf hinaus, daß er sagt: In dem einen Jahre soll die Glaubenslehre und im folgenden die Sittenlehre behandelt werden. So kurzweg, rund und nett, als wenn damit alles Nöthige gesagt wäre.*) Der deutsch isr. Geineindebund behandelte auch den jüdischen Religionsunterricht in seinem Lehrplan. Aber was er liefert, silid lediglich Ucberschriften zu Kapiteln, deren Inhalt erst noch gefunden werden soll — grade wie man in der Raumlehre den leeren Raum behandelt ohne Rücksicht auf feine Füllung. Kamvnrg, 16. Mai. Heute fand die Beerdigung des so plötzlich im Alter von 47 Jahren am Herzschlage verstorbenen Vorstehers der Tempelgemeinde und der Handelskammer, des Waisenhauses und vieler wohlthätigen Vereine, Herrn I. H. Friedländer, unter großartiger Betheiligung der weitesten Kreise der hiesigen Kaufmannschaft statt. Im *) In der vorjährigen Lehrerconfecenz machte einer der jüngeren Lehrer den Vorschlag, nächstes Jahr (also dieses Mal) vor versammelter Conferenz eine Lehrprobe in Religionslehre abzuhalten. Herr Landrabbiner Dr. Gronemann fragte denselben, ob er selber die Lehrprobe abhalten wollte, worauf er beschämt schwieg. — Es ist ja sehr bequem, Andere thun zu lassen und dann zu kritisiren. Ich bin nicht für solche Lehrprvbcn vor einer Lchrerconferenz; denn da noch keine feste Normen vorhanden sind, so kann man ebenso gut Alles loben, als auch Alles tadeln. W. Trauerhause sprach der Prediger vr. Jonas unter Zngrundeleguitg der Bibelworte: Bestelle Dein Haus! über das humanitäre Wirken des Verstorbenen. Hierauf widmete Namens der Handelskammer deren zweiter Präsident Herr Siegm. Hinrichsen dem Geschiedenen Worte des Andenkens und der Anerkennung. Der große, wohl aus 60 Cquipagen bestehende Trauerzug setzte sich dann nach dem Ohlsdorfer Friedhofe in Bewegung, wo Herr Or. Leimdörfer unter Zugrundelegung des talmudischen Spruches. „Nicht weint um den, der uns genommeu; zur sanften Ruh' ist ec gekommen, den Trauernden weiht Eure Thränen. denn da weilt Schmerz und banges Stöhnen" eine ergreifende, eindrucksvolle Trauerrede hielt. Keuseastamrn (Kreis Offenbach), 14. Mai. (Or.-Corr.) Am 9. d. M. feierte der K. Pfarrer Herr C. Bott sein 25 jähriges Priester-Jubiläum. Die isr. Gemeinde (vertreten durch Herrn L. Schönemann und Lehrer M. Eckmann) ließ es sich bei dieser Gelegenheit nicht nehmen, den Jubilar an seinem Ehrentage mit 'einem Präsente zu überraschen, wobei Letzterer in einer Ansprache betonte, das es ihn herzlich freue mit der Uebergabe dieses Ehrengeschenkes betraut worden zu sein und er wünsche, daß die guten Beziehungen und das freundliche Wohlwollen, das er den isr. Glaubensgenossen entgegen gebracht, auch fernerhitl bewahren möge. Sichtlich gerührt dankte der Herr Jubilar der Deputation. Die Herren Schwarzschild und S. Levy aus Frankfurt, (geb. Heusenstämmer) erschienen im Pfarrhause und statteten ihre Gratulation ab. Es darf nicht unerwähnt blieben, daß der Herr Pfarrer einen gewissen Stolz darin sucht, gerne mit Juden zu verkehren. Bei der Einweihung unserer Synagoge i. I. 1881 war er zugegen. Von der Kanzel herab stellt er die Juden gar oft als leuchtendes Beispiel der Frömmigkeit und Gottesfurcht hin. und empfiehlt sie zur Nachzuahmung. Für die innern Verhältnisse der isr. Familien zeigt er durch öftere Erkundigungen stets ein lebhaftes Interesse. Nicht selten besucht er unsere Kranken in der Gemeinde, ihnen Trost, Vertrauen und Beruhigung zusprechend. Das ist in der jetzigen Zeit, in welcher der Judenhaß hohe Wogen treibt, ein eklatantes Beispiel von Toleranz und Humanität. Frankreich. Saris. Unser Glaubensgenosse, Eduard Philipp, General-Secretair der Rettungsstation für die „Seine", hat vom Minister der Post und Telegraphie folgendes Schreiben vom 14. April erhalten: „Mein Herr! Vor kurzem wurde in meinem Ressort konstatirt, daß Sie Mai 1871 die Administration der Telegraphie, nie de Grenelle 103, von einer großen Gefahr befreit haben, indem Sie die Verbindung eines Ruhmkoff'schen Drahtes mit mehreren Pulverfässern abschnitten. Auch wurde nur gemeldet, daß Sie, nicht ohne große Schwierigkeiten, die Kiste, welche die von außerhalb Paris während der Belagerung mittelst Taubenpost hereingelangten Nachrichten enthielt, in ihrer Wohnung in Sicherheit gebracht haben. Diese wichtigen Documente, durch Sie vor Vernichtung geschützt, waren außerordentlich wichtig für die geschichtliche Feststellung der Ereignisse von 1870—1871. Diese Thatsachen sind erst spät zu rneiner Kenntniß gelangt und mit dem Gegenwärtigen will ich das Versäumte nachholen, indem ich im Namen der gegenwärtig mir unterstellten Administration die Glückwünsche und den Dank zum Ausdruck bringe, welche Sie durch Ihre Thaten des Patriotismus und muthiger Hingeh^rng verdient haben." — Saris. Der Administrations-Ausschuß der Syndicats- Kammer der Stadt Paris hat über die Brochüre unseres GlaubensgenossenMay er -Ebstein (ausOllalons srrrLaorre): „Le Relevement social“ einen außerordentlich günstigen Bericht erstattet. Diese Brochüre behandelt die Frage nach den geeignetsten Mitteln zur dauernden Verbesserung des Looses der arbeitenden Klassen. —