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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-05-20 · N° 21. (20.5.1886) · p. Seite 165

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 21. (20.5.1886)
Date
1886-05-20
Page
Seite 165 (sequence 3)
Language
German
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— 165 — zufällig der jüdischen Confession angehören. Mit ihrem ganzen Denken und Fühlen hängen diese an der deutschen Sache. Insbesondere befremdend wirke es auf uns. die Heranwachsende Generation, welche dieselbe Erziehung genossen hat. wie die christlichen College«, wenn wir plötzlich erfahren müssen, daß wir jedes nationalen Gefühls bar sind. So wenig als man einen rechtschaffenen Mann die Biederkeit absprechen kann, kann man uns, die wir deutsch fühlen und deutsch sind bis in unser innerstes Mark, das Deutschthum absprechen. Ich will nicht betonen, daß Männer wie Lasker und K u r a n d a. für die d c u t s ch e Sache gewirkt; die Hauptsache ist, daß man redlich, treu und offen handelt und sich als Deutscher bekennt. Das mögen sich jenq welche sich seit einigen Jahren als Generalpächter des Germanenthums geriren, gesagt sein lassen; wir werden treu zum Deutschthum halten, so lange ein Hauch uns beseelt. In diesem Streben werden uns jene wackeren Männer bekräftigen, welche nicht zugeben, daß wir Fremde siud auf deutschem Grund und Boden, wo wir geboren und erzogen wurden". Nach diesem Bekenntniß eines Juden wurde die Auflösung mit Majorität bekräftigt. Trotz dieser Blamage der Antisemiten hat sich jedoch bald darauf die Lächerlichkeit ereignet, daß die Frauen des 9. Bezirkes die Lorbeeren Jener an sich bringen wollten. Dort hat nämlich die Obmännin der Ortsgruppe der deutschen Frauen die Aufforderung erlassen: „Stimmen Sic, meine verehrten deutschen Frauen und Mädchen, im Gefühle Ihres beleidigten Stolzes wie ein Mann, daß die Ortsgruppe der deutschen Frauen im 9. Bezirke sich lieber auflöse, als das sie ihren Kreis durch den Eintritt jüdischer Frauen mit characteristischem Namen entweihen lasse". Dies thaten deutscheWeiber zur selben Zeit, da sich jüdische Frauen mit Damen der höchsten Aristokratie im Palais der Fürstin Metternich zusammensaßen, um für den großen Humanitätsact, die Errichtung eines Spitals für die Polyklinik, zu berathen. (Fortsetzung folgt.) Das praktische Jrr-enthunr. ii. Der jüdisch-religiöse Cultus eine cultuelle Ethik. Bon Landrabbiner Dr. L. Adler s. A. (Fortsetzung.) Gar viele Gebetstücke sind auch Vergegenwärtigung der Geschichte Israels, des von Gott mit den Vorfahren geschlossenen Bundes, der Heiligkeit der Gesetze, der Seligkeit ihrer Beobachtung rc. Und ferner welche Erhebung des denkenden Menschengeistes, der von der Sorge für den Lebensbedars und zu dessen Erwerb erforderlicheli Thütigkeit von Idealen herabgezogen, ganz zu erschlaffen und für alles Geistige gleichgiltig zu werden, in Gefahr ist, wird durch den Inhalt der Gebete bewirkt, wenn dieser — gekannt ist! Dann überhaupt besitzt sicher keine Rellgionsgenossenschaft der Welt geeignetere Gebete, den Sorgenvollen zu beruhigen, den Niedergebeugten aufzurichten, den Trauernden zu trösten, den Verzweifelnden mit Hoffnung zu erfüllen, den Leidenschaftlichen zu besänftigen, den fanatischen Religionseifrer die Lehren der Duldsamkeit und Humanität zu predigen, der Menschheit eine Zukunft zu verheißen, für die zu leben dem Leben erst seinen Werth verleiht, kurz die mehr geeignet wären, nach allen Seiten des Geistes wie des Herzens ethisch einzuwirken, wie die der jüdischen Gebetordnung. Schon und insbesondere das Eine, daß die Hinweisung auf die messianische Zukunft, auf eine Zeit der in Einigkeit und Frieden lebenden Menschheit, eines allgemeinen Segen und Heiligkeit begründenden Gottesreichs den Kern dieser Gebetordnung bildet, wie das Alenu-Gebet, das Kaddisch, und die Keduscha beweisen, indem Ersteres bei jeder Gebetverr i ch t u n g den Schluß und an den heiligsten Tagen yi* n"“l den Mittelpunkt bildet, während die letzteren vorzugsweise als Gemeind eg eb ete gleichsam die Seele des gemeinsamen Gottesdienstes sind, schon und insbesondere dieses Eine giebt unserer Gebetordnung eine ethische Bedeutung, wie sie großartiger und erhabener nicht gedacht werden kann. Und nicht nur die gemeinsame Gebetordnung, auch die für alle Lebensverhältnisse, beim Auistehen, wie beim Niederlegen, beim Essen und Trinken rc. angeordneten Segenssprüche sind solche, wodurch auf Geist und Herz ethisch eingewirkt wird und einzuwirken als ihr eigentlicher Zweck unzweifelhaft betrachtet und bezeichnet werden kann. Wenn der jüdische Kultus in seinen gottesdienstlichen Einrichtungen gleichwohl Zwiespalt und Trennungen veranlaßt, so muß die Frage nach der Ursache dieser beklagenswerthen Erscheinung und noch mehr, „das Noth thut" zu deren Beseitigung für Jeden, Der als Jude für Judcnthum sich interessirt, vom h ö ch st e n Interesse sein. Ehe wir aber auf deren Beantwortung eingehen, ist es angemessen und nothwendig, auch an den übrigen Bestandtheilen des Kultus den ethischen Zweck nachzuweisen. Von den Festtagen ist er so deutlich schon im Pentateuch angegeben, daß'kaum noch etwas darüber zu sagen nothwendig ist. Auch wird Jeder, der an denselben predigen gehört oder in einer Predigtsammlung gelesen, Beläge genug gefunden haben, daß deren Feier ethisch zu wirken angcordnet sei. Und zwar nicht etwa nur Neujahrs- und Vecsöhnungstagsffier, die ja schon durch die Art und Weise, wie sie angeordnet ist, die Versi ttlichung und sittliche Vervollkommnung als eigentlichen Zweck erkennen läßt, sondern auch bei den übrigen Festen ist eL nicht anders. Man könnte nur Oie zur Feier des P eß ach fest es bestehenden Speisegesetze in Frage stellen und obgleich wir über den ethischen Zweck der Speisegesetze überhaupt gleich zu reden haben werden, so wollen wir doch bezüglich deren zur Peßachfeier gleich hier darauf eingehen: Ohne Mazzoth kein Peßach, ohne Peßach keine Erinnerung an die Befreiung Israels aus egypt,scher Knechtschaft, und ohne diese Erinnerung — kein Iudenthum. Der ganze Bau des religös-ethischeu Verhaltens hat diese Erinnerung zur Grundlage. Nicht nur bei den specifisch jüdischen Cultusvorrichtungen, wie z. B. den Sch an faden und anderen cultuellen Handlungen wird auf den Auszug aus Mizrajim hingewiesen, auch und besonders nachdrücklich beiden ethischen Gesetzen, die dem israelitischen Volke gegeben wurden, in einer Zeit, in der noch kern Volk der Erde für solche Gesetze das geringste Verständniß hatte. Wir brauchen beispielsweise ja nur auf die gegen den Fremden hinzuweisen, — „den Fremdling zu lieben, wie sich selbst, auch ihm keinerlei Unrecht zu thun rc." (3. B. M. 19, 33—37). Die Erinnerung des jüdischen Stammes an seine erste Jugendzeit, auf welche die Propheten oft hingewiesen, ist für denselben etwas Unentbehrliches, wenn er sein und bleiben will, was er sein und bleiben soll. Diese Erinnerung wird nur durch die Peßachfeier recht lebendig erhalten, sowie diese wieder durch das für dieselbe gegebene Speisegesetz. Und doch hat in so vielen jüdischen Familien die Feier des Peßachfestes mehr oder weniger sich verloren! Sie, die der Stolz und die Freude jüdischer Frauen, obgleich diesen viel Arbeit und Anstrengung verursachend, wird .jetzt theilweise beklagt, theilweise verlacht. Während noch manche hochbetagte Mutter allen den Unbequemlichkeiten sich unterwirft, die erforderlich, bis der Peßach gekommen, wird im Hause der Tochter an diesen kaum noch gedacht und seine Feier gänzlich vernachlässigt. Woher dieses? Was ist von diesen allerdings betrübenden und in vielen Kreisen überlaut beklagten Erscheinung die Ursache? Warum hat man da, wo so sehr darüber geklagt, gescholten und lieblos verurtheilt wird, noch nicht recht ernstlich nach der Ursache gefragt und nicht nach den Mitteln geforscht, wodurch sie zu beseitigen seien? Ich that es und glaube der Wahrheit nahe gekommen zu sein, die ich auch nicht zurückhalten werde. (Fortsetzung folgt.)

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