Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 21. (20.5.1886)
- Date
- 1886-05-20
- Page
- Seite 164 (sequence 2)
- Language
- German
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— 164 Rabbiner und Lehrer vermögen daher auch die Besserung nicht allein zu bewirken, Vorsteher und Gemeinde müssen sie unterstützen. Wir hegen die Hoffnung, daß es so geschehe, denn es ist ein religiöser Fond in den Juden und jüdischen Gemeinden; er muß nur richtig behandelt und benutzt werden. Daß dies geschehe, liegt in dem Wirkungskreis der Rabbiner und Lehrer, wenn ihnen die rechte Stellung und der uöthige Einfluß eingeräumt wird. -Dagegen sucht man jetzt vielfach den Rabbiner überflüssig zu machen, dadurch daß man hier ihn zur Uebernahme des Kleinkinderunterrichts nöthigt und so seine Zeit und Kräfte ausreibt, oder dadurch, daß man Lehrern die Vollziehung rabbinischer Funktionen überträgt, um den Rabbiner zu sparen; beides zum Schaden des Judenthums, seiner Wissenschaft und seiner Entwickelung, zum Schaden der Gemeinden, ihrer Institutionen und ihrer Repräsentation. Man stellt Lehrer und gar oft auch Cantoren an, ohne daß diese die erforderliche Befähigung und Würdigkeit mitbringen. In Ermangelung besserer Persönlichkeiten oder des ausreichenden Geldes zu deren Besoldung ist Jeder recht und willkommen, der den Dienst auf lang oder kurz übernehmen will. Oder man stellt Niemand an und überläßt Unterricht, Gottesdienst und andere Funktionen jedem Beliebigen in der Gemeinde oder außerhalb derselben. Dennoch baut man schöne Synagogen, oft monumentale Prachtbauten, um nach Außen hin zu glänzen, in Wirklichkeit aber oft, um Neid und Haß damit zu erregen. Wie es im Innern der Synagoge aussieht, dagegen ist man gleichgültig. An dem äußeren Synagogenbau verschwendet man Geld, an dem inneren Ausbau des Synagogen- und Gemeindelebens spart man. Den heutigen Juden fehlt auch vielfach die Achtung vor ihren Rabbinern und Lehrern, sie lassen sie gern in abhängiger Stellung; darum fehlt ihren Worten und Unterweisungen in der Regel Macht und Einfluß. Das ist in orthodoxen Gemeinden ganz ebenso wie in reformirten, wie wir durch Beispiele erhärten könnten. Die Vorsteher repräsentiren die Macht, der Rabbiner wird selten oder gar nicht gehört; und ereifert er sich über solche Mißstände von der Kanzel herab, da ist man verletzt, piquirt und capabel, ihm gar deshalb Rügen zu ertheilen. Er soll hören, sehen und — schweige n. Wo es so an Achtung vor dem Rabbiner fehlt, da darf man sich nicht wundern, wenn sein Einfluß gleich Null ist und Alles in Verfall geräth: Gottesdienst, Religionsunterricht, Selbstachtung. Es ist in Wirklichkeit folgender Fall vorgekommen: Ein Lehrer giebt in der christlichen Schule israelitischen Religionsunterricht und bestraft ein Kind; darüber klagt der Vater bei dem christlichen Schulvorstande und erklärt, er lasse sein Kind nicht vom „Judenlehrer" bestrafen, falls er dies nicht ändern und verhindern könne, entziehe er sein Kind dem israelitischen Religionsunterrichte. Nun verlange man, daß der Christ Respect vor jüdischer Religion und jüdischen Beamten habe. Der verstorbene Zunz hatte die stehende Redensart im Munde, wenn er solche Klagen hörte: „Nix zu machen". Ist da wirklich „nix zu machen?" Sollen wir alle unthätig, wenn auch nicht gleichgültig, das Ende abwarten? R.—A. Briefe aus Oesterreich-Ungarn. i. Oesterreich und Ungarn, die mit einander einen Vertrag zur Erhaltung des Gesammtstaates geschlossen, theilen sich auch in den Antisemitismus, und nicht nur die Delegationen tagen abwechselnd in Wien und Budapest, sondern auch die Tragiker des Antisemitismus debütiren zeitweilig in einer der beiden Hauptstädte der Monarchie und agiren gegenwärtig auf der Parlamentsbühne Oesterreichs. Damit will etwa nicht gesagt sein, daß der Dämon des Antisemitismus in Ungarn zur Ruhe gekommen und für rmmer bestattet sei; dafür sorgen schon die ungarischen Judeophoben, daß jener böse Geist stets wach bleibe und genügend rumore. Allein in Ungarn kommt auf den groben Klotz gleich der grobe Keil und Minister-Präsident Tisza hämmert so gewaltig auf die Häupter der Antisemiten, daß bereits das eiserne Band, das die Partei um sich schloß, durchgehauen wurde und diese selbst sich auflöste; sobald eines der zerstreuten Elemente sich wieder zu einem antisemitischen Actus erhebt, so ist gleich der rechte Mann da, zumeist der Minister-Präsident selbst, der dieses Element in Atome zerstäubt und vernichtet. Anders in Oesterreich. Durch die jüngste Wahl sind mehrere Antisemiten in das dortige Abgeordnetenhaus eingezogen, die sich zu einer festen Masse zu vereinigen scheinen, die aber auch nach Gutdünken und Herzenslust die Juden angreifen und beschimpfen, ohne daß von Seite der Regierung ein energisches Wort dagegen fallen würde. Und doch ist ja die Redefreiheit in Oesterreich kein heiligeres Palladium als in Ungarn, wo man freilich Alles sagen läßt, aber auch auf alles Unglaubliche nach Gebühr erwidert. Drüben läßt der Präsident des Hauses auch genug oft die Glocke erschallen und den Ordnungsruf ertönen, aber sobald Jemand gegen die Juden spricht, da läßt man die weitgehendste Redefreiheit gewahren, selbst wenn sie von der Sache weit abschweift, ohne gegen die Beleidigungen einer ganzen Confession eine offizielle Lanze einzulegen. Das ist der Unterschied zwischen dem Antisemitismus hüben und drüben. — Wer gegenwärtig ein Bild von den antisemitischen Ereignissen in Oesterreich entwerfen will, dürfte wohl nicht den erst jüngstens zu Ende gegangenen Prozeß Ritter übergehen, von welchem die gerechte öffentliche Meinung sagt, daß er blos darum den Angeklagten erst nach vier Jahren trauriger Kerkerhaft die Freiheit brqchte, weil der Antisemitismus in die Hallen der Gerechtigkeit eingedrungen war und sich kein Retter gefunden hatte, um diesen tollen Krämer aus dem Allerheiligsten zu jagen. Ebenso mußte der Prozeß Rohling-Bloch einbezogen werden, der eine große, rettende That für die Juden zur Folge hatte, nämlich das Buch von Or. Josef Ko pp: zur Judenfrage nach den Acten rc., welches jetzt ein hervorragendes Mitglied des Polen-Clubs des österreichischen Abgeordnetenhauses in polnischer Uebersetzung veröffentlichen soll, und von welchem Or. Haase jüngstens im Parlamente gesagt hat, daß die moderne Cultur und Bildung dem Autor für sein Werk zu lebhaftem Danke verpflichtet sei. Doch von Beiden hat die Zeitgeschichte bereits genügend Notiz genommen, und auch diese Blätter haben einen Theil der glänzenden menschenfreundlichen Rede des Or. Hause bereits mitgetheilt. Wieviel Priesterliches könnte Stöcker von diesem Collegen lernen, der Wahrheil, Gerechtigkeit und Frieden im Munde führt und dessen Worte man in eherne Tafeln Hütte einzeichnen sollen! — Auch außerhalb des Parlaments und zwar in Kreisen, die man vermöge ihres Bildungsgrades vor rassenfeindlichen Gedanken geschützt glauben sollte, stiftet der Antisemitismus Unfrieden. Die akademische Ortsgruppe des deutschen Schulvereins in Wien beschloß jüngstens, .keinen Juden in die Gruppe aufzunehmen, und wird daher von dem Central- Vorstande wegen dieses statutenwidrigen Beschlusses mit der Auflösung bedroht. Sofort ergreift ein Antisemit in einer Sitzung das Wort, um seine Mißbilligung über die Auflösung auszusprechen und erklärt, daß der Beschluß der akademischen Ortsgruppe, keine Juden aufzunehmen, kein antisemitischer, sondern ein rein deutscher Beschluß gewesen sei. Wenn die Juden wirklich so deutsch fühlen, wie sie behaupten, so mögen sie eine israelitische Ortsgruppe bilden. Der Wunsch deutscher Männer, keinen Juden unter sich zu haben, sei ein berechtigter und es sei deshalb nicht begründet gewesen, die akademische Ortsgruppe aufzulösen. Hier gab ein Jude, Herr Gründelfinge.r!, die Erwiderung und sprach: „Es scheine, als ob die Mitglieder der akademischen Ortsgruppe keine Ahnung von der Anschauungs- und Denkweise jener Mitglieder des deutschen Schulvereins haben, welche