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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-05-13 · N° 20. (13.5.1886) · p. Seite 160

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 20. (13.5.1886)
Date
1886-05-13
Page
Seite 160 (sequence 6)
Language
German
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- 160 — schäftigen".*) Alsdann wird dem Erfurter Vorstande hübsch zu Munde geredet und ob seines „tactvollen" und „correcten" Verfahrens, das den „herzlichen Beifall aller billig denkenden Kreise finde", eine gute Censur ertheilt und die Ordre gegeben, jetzt nicht etwa „auf Dr. G. zurückzugreifen". Man ist allenthalben sehr neugierig, ob der Vorstand der Gemeinde Erfurt „Ordre parirt" und der von Mainz aus ihm vorgezeichneien Marschroute gehorsam sich fügt. Oesterreich. piksen. (Or.-Corr.) Die Generalversammlung des Kreuzervereins zur Erziehung jüd. Waisen brachte den Mitgliedern die erfreuliche Mittheilung, daß das Vereinsvermögen bereits die Höhe von über 10,000 fl. erreicht hat. Aus den Mitteln des Vereins werden 9 ganz oder halb verwaiste Kinder erhalten, an zwei verwaiste Handwerkslehrlinge wurden ansehnliche Subventionen vertheilt. — Eine Sammlung für die Abgebrannten in Stryj und Lisko innerhalb der Gemeinde ergab 250 fl. — Von der Vorlage eines die jüd. Gemeindeverhältnisse regelnden Gesetzes im Reichsrath ist es wieder stille geworden, hingegen hat das Ministerium gegenüber der Gemeinde Aussig entschieden, daß Gemeindebeiträge durch die politische Behörden einzutreiben sind, wenn sich ein diesbezüglicher Passus in den Gemeindestatuten vorfindet. Der verstorbene Lehrer Salomon Graf hinterließ eine ansehnliche Bibliothek. Die Söhne des Verstorbenen, Dr. jur. Gras von hier und Dr. Graf, Leiter des Preßbureau in der Prager Stadthalterei, haben nun diese aus circa 300 meist sehr werthvollen Werken bestehende Sammlung der Cultusgemeinde zum Geschenk gemacht Nach den Beschlüssen des Vorstandes soll dieses Legat den Grundstock einer regelmäßig zu vermehrenden Gemeindebibliothek bilden. — Bei der außerordentlichen Revision der hiesigen k. k. Mittelschulen durch den Landesschulrath Dr. Wolf wurden die Gymnasiasten der oberen Klassen in jüd. Geschichte der neuen Zeit, besonders über Mendelssohns Leben, Schriften rc., geprüft. Der Erfolg war ein sehr zufriedenstellender. Rustland. Hdefla. Die hiesigen Zeitungen berichten von den Ausschreitungen des Pöbels am zweiten Ostertage. Der Anfang der Exzesse war wie gewöhnlich durch einen unwesentlichen Vorfall veranlaßt. Gendarmen wollten einen trunkenen Soldaten fortführen, ein Individuum Namens Michael Bubnow wollte das verhindern und hetzte das Volk gegen die Gendarmen. Als dann Bubnow selbst verhaftet werden sollte, begann der Pöbel zu johlen und fiel über die auf dem Platze, wo die Szene stattfand, handeltreibenden Juden her. Polizei und Kosaken säuberten den Platz, doch nun drängten die Tumultuanten in die anliegenden Straßen und zerschlugen die Scheiben der jüdischen Magazine und Häuser. Auch hier schuf die Polizei Ruhe. Doch Abends wiederholten sich die Exzesse auf dem Trödelmarkt. An verschiedenen belebten Punkten der Stadt marschirten nun Truppen auf, die öffentlichen Lokale wurden geschloffen, und die ganze Nacht hindurch zogen berittene Patrouillen durch die wieder ruhige Stadt. Die verhafteten Ruhestörer, zwölf an der Zahl, hatten sich vor dem Friedensrichter zu verantworten und wurden zu einer Haft von 2 Wochen bis 3 Monaten verurtheilt. Der Erzbischof von Cherssou 'richtete an seine Glaubensgenossen eine eindringliche Mahnung, mit *) Freilich der Orthodoxie liegt jetzt viel daran, die Acten über diesen ihr unliebsamen Fall so rasch als möglich zu schließen, ganz nach Art jenes Weibes (Spr. Sal. 30,20) vb rhÖKl fPS nPlPIÖI P*? „sie hat (verbotene Frucht) genossen, wischt sich den Mund und spricht: ich habe nichts Unrechtes gethan!" — (Man verlangte auch von uns, daß wir nach Abdruck der F.'schen „Erklärung" ohne „redactiouelle Anmerkungen" die ganze Angelegenheit für erledigt erklären sollten. Dazu konnten wir uns aber nicht verstehen; dem Angeklagten gebührt stets das letzte Wort. Red.) ihren jüdischen Mitbürgern in Frieden zu leben. In den Judeuhetzeu erblickt er die Wirkung der aus dem Westen eingedrungenen antichristlichen Lehren und Ideen, die auch in Westeuropa eine antisemitische Bewegung hervorriefen. „Durch diese Ideen, heißt es in seiner Kundgebung, wurde auch der Glaube der Orthodoxen erschüttert, die mit den jüdischen Mitbürgern stets in schönster Eintracht gelebt haben. Nun sind die Sitten verwildert und Niemand gedenkt der Worte des Erlösers: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." (Vielleicht deshalb nicht, weil sie schon im A. T. stehen. Red.) Uerrnischle und neueste Nachrichten. Magdeburg. Dem 18. Jahresbericht der Handels- Fachschnle in Erfurt entnehmen wir die erfreuliche Thatsache, daß bei der am 26. März stattgehabten mündlichen Prüfung, bei welcher der Geheime Regierungs- und Provinzial-Schulrath Dr. Göbel von hier als Königl. Staats-Commissarius den Vorsitz führte, der auch die Themata zu den schriftlichen Arbeiten am 8. und 9. März bestimmt hatte, sümmttiche einundzwanzig Abiturienten das Zeugniß der Reife erhielten. Wahrlich ein glänzendes Zeugniß für die Leistungen dieser unter dem Directorat des Herrn Dr. M. C. Wahl stehenden Anstalt. Merlin. Die Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deuischland, herausgegeben von Dr. L. Geiger in Berlin, unter Mitwirkung der Proff. Stobbe, Wattenbach, Weizsäcker, Breßlau, Dr. Bärwald und den Delegirten des D.-J. G.-B. Kristeller, Lazarus und Steinthal, soll in zwanglosen Heften erscheinen. „Alles Confessionelle, sowie jeder Versuch, das Judenthum vergangener Tage apologetisch zu verklären, soll streng ausgeschlossen sein" — hält das Programm für nöthig ganz besonders zu versichern. Ufofen, 5. Mai. (Or.-Corr.) Zur Ergänzung der Mittheilung in vor. Nr. theilc ich Ihnen mit, daß Herr Moritz R oh r der hies. Syn.-Gemeinde den Betrag von 100,000 M. als Grundstock zur Errichtung eines „Jüdischen Kranken- und Siechenhauses" zu Posen nur unter der Bedingung offerirt hat, daß a) ein Comitö gebildet werde, welches Sammlungen zum Zwecke der Errichtung der gen. Anstalt einleite, b) daß die Principien dieser Anstalt, insbesondere der Verpflegung der Kranken und Siechen auf streng rituelljüdischer Basis beruhe". Aernönrg. Auch in hiesiger Gemeinde ward des sel. Zunz gedacht, und zwar widmete ihm unser Rabbiner Herr Dr. Flaschner die Predigt am Sabbath hachodesch unter Zugrundelegung des sehr geeigneten ersten Verses derHaphtara. Könitz i. Westpr. Am hies. Königl. Gymnasium und an der städt. höh. Töchterschule ertheilt Herr Rabb. Dr. Rath den jüd. Religionsunterricht und erhält für ersteren aus der Staatskasse, für letzteren von der Commune entsprechende Remuneration. — Am letzten Pessachtage hielt oer Herr Rabbiner bei der Todtenfeier auch eine Gcdächtnißrede auf den sel. Zunz. Leipzig, 7. Mai. Am heutigen Tage hat die hiesige Polizei eine Anzahl israelitischer Handelsleute (Reichs-Ausländer), welche zur Me^se nach Leipzig gekommen waren, wegen mangelnder Legitimation ausgewiesen. Dresden im Mai. (Or.-Corr.) Auch hier gedachte in einer gehaltreichen Predigt am 7. Pessachtage der würdige Ober-Rabbiner Dr. Landau des Heimgegangenen Zunz als eines der Bedemenosten, der im Mendelssohn'schen Geiste weiter wirkte. — Daß wir hier noch im Zeichen des Antisemitismus stehen, beweist die strikte Ablehnung von Nlluralisationsgesucheu israelitischer, nicht staatsangehöriger Einwohner, so jüngst das eines würdigen, alten, makellosen und sehr wohlhabenden Deutsch - Oesterreichers. Die Zusammensetzung des derzeitigen Stadtverordneten - Collegiums bringt

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