Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 20. (13.5.1886)
- Date
- 1886-05-13
- Page
- Seite 159 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 159 über „ote gortboucr des Opsercultus nach der Zerstörung des zweiten Tempels". Friedmann war ein bedeutender Talmudist und ein ausgezeichneter Kenner des gesammten rabbinischen Schristtlmms, er beherrschte das ganze weite Gebiet der Philosophie mit seltener dialektischer Schärfe, und er hat hauptsächlich Lassale zur Bearbeitung der Philosophie Heraklit's veranlaßt. Politisch liberal und Feind aller reaktionären Bestrebungen, huldigte er innerhalb der jüdischen Theologie dem gemäßigten Fortschritte, der von der nivellircnden Reform ivie von der stabilen Orthodoxie gleichlueit entfernt war; zu gebildet und aufgeklärt, um die Schrullen der Orthodoxie zu pflegen, war er auf der andern Seite wieder zu tief wissenschaftlich angelegt, um einer oberflächlichen und flachen Reform das Wort zu reden; er wollte eine Verjüngung des Jndenthums in Lehre und Leben ans Grund seiner geschichtlichen Entwicklung und auf Grund der jüdischen Wissenschaft. Durch ein unseliges Mißgeschick fand seine rabbinische Thätigkeit einen jähen Abschluß. In stiller Zurückgezogenheit lebend, hat nun der Tod die Aufmerksamkeit aus sein reichbegabtes Leben gelenkt. Worms a. HU) Erst vor Kurzem haben wir Veranlassung genommen, in der Wochenschrift über die 25 jährige Thätigkeit des hiesigen Israelitischen Unterstützungsvereins Bericht zu erstatten; jetzt ist noch folgendes dem früher Mitgetheiltcn hinzuzufügen. Im abgelaufenen Jahre sind 1281 Gaben verthcilt und zwar an 145 Handwerker, 232 Gewohnheitsbettler aus dem Jnlande und 400 aus dein Auslande, 22 Commis, 430 verschämte Arme, 4 Schüler verschiedener Lehranstalten, 3 Handelsleute, 36 Lehrer, Gelehrte uud Künstler, 7 Personen für Verköstigung und Bekleidung und 2 Hospitaliten. Beständig unterstützt wurden 12 Familien mrt 1 monatlichen Gaben von 2—3 Mk., 24 Familien mit 3 monatlichen Gaben von .3—6 Mk., 57 Familien mit 6 monatlichen Gaben von 3—6 Mk., 2 Hospitaliten lebenslänglich mit je 50 Mk. pro Jahr, 1 Student mit 50 vf. pro Jahr und 1 Seminarist mit 36 Mk. pro Jahr. In Summa Mk. 2714,95. Die Einnahmen des Vereins betrugen Mk. 3734,39; die Ausgaben Mk. 3328,68. An eingegangenen Geschenken sind Mk. 513,50 zu verzeichnen, bei der Jubiläumsfeier sind zum eisernen Stock hiiizugekommen Mk. 826. An der Spitze des uns vorliegenden Jahresberichts befinden sich geschmackvoll ausgestattete Gedenktafeln derer, die zum unangreifbaren Capitalstock größere Summen beigetragen haben. Der Verein möge immer mehr wachsen und gedeihen, daß er seine verdienstliche Ausgabe in immer größerem Umsange zu erfüllen im Stande ist. B. Aus der Provinz Assen. (Or.-Corr.) Der Streit Br. Goldschmidt-Weilburg contra Rabbiner Feilchenfeld- Posen fährt fort, weit über die Grenzen der Betheiligten hinaus berechtigtes Aufsehen zu erregen und bildet immer noch in allen Kreisen das Tagesgespräch. Man betrachtet diesen Streit — wohl nicht mit Unrecht — nicht als einen persönlichen Cvnflict G.'s mit F., sondern als einen jener bei jeder Rabbiner-Vacanz sich wiederholenden Versuche unserer orthodoxen Eapläne, jeden nicht ganz nach ihrer Pfeife tanzenden Bewerber durch die nöthigenfalls bedenklichsten Mittel unmöglich zu machen und aus dem Wege zu räumen. Dazu werden dann stets die orthodoxen Streiter aus allen Weltgegenden zusammengcholt und die Waffen gebraucht, wie man sie eben nöthig hat.* *) Ohne diese Interpretation würde *) Wir erinnern nnr an die Agitation der Orthodoxie gegen Dr. Krön er, ehem. Erfurter Rabbiner, der in Cassel zur Probe gepredigt und gegründete Aussicht gewählt zu werden hatte, sich also in ähnlicher Lage wie Dr. Goldschinidt besand. — Freilich haben seine Lehrer ihm deshalb, weil er in Orgclsynagogen predigte, die rnrin nscht entzogen. G.'s ganzes Verbrecken vor 2 Jahren war ja nur seine Erklärung betreffs der Orgel in Cassel: „So lvenig ich jemals die Einführung einer Orgel veranlassen würde, so wenig sehe ich in dem Vorhandensein einer Orgel ein Hinderniß für meine segensreiche Thätigkeit als gesetzestreuer Rabbiner". Und darum Räuber und Mörder!? Raub an seiner Ehre, Entziehung der Hattoro, öffentliche Bekanntmachung in allen orthodoxen Blättern, Mord an man auch wohl vergeblich nach einer Antwort auf die hier allerorts aufgeworfenen Fragen suchen: „Was hat Br. Feilchenfeld in Posen sich um die Besetzung des Rabbinats in Erfurt zu kümmern? Wie kommt er dazu, in seiner Stellung und in seinem Alter so leidenschaftlich und uncollegialisch gegen Br. G. aufzutreten, und wie konnte er es über sich gewinnen, nachdem er einmal jenen durch nichts entschuldbaren ersten Brief nach Erfurt geschrieben, eine» solche» zweiten folgen zu lassen, statt, nachdem Br. G. seine Gedächtnißschwäche so gründlich beseitigt, sofort ihm zu antworten: „ich habe Ihnen himmelschreiendes Unrecht gethan, ich bitte es Ihnen ab, und werde durch einen sofortigen Brief nach Erfurt mein Unrecht so viel als möglich wieder gut zu machen suchen?" -Wie konnte er nach dem graden ehrlichen Briefe G.'s, schon aus Klugheit dies unterlassen, wenn sein Character und sein Gewissen ihn nicht dazu nöthigte. Meine einleitenden Bemerkungen aber erklären dies Alles und daß Br. G., dessen geistige Begabung und wissenschaftliche Durchbildung man vordem selbst hochgepriesen und gelobhudelt hatte, unseren Extrem-Orthodoxen und ihren Schleppträgern ein ganz besonderer Dorn im Auge ist, liegt auf der Hand. Sie, verehrter Herr Redakteur, haben völlig Recht, wenn Sie sagen, daß die Feilchenfeld'sche „Erklärung"*) zur Charakteristik unserer Orthodoxen viel zu werthvoll sei, als daß Sie ihm hätten die Aufnahme versagen sollen und es bedürfe neben dem Briefe Goldschmidts keines weiteren Commentars. Für Jeden, der die Sache, um die es sich handelt, mit auch nur einiger Aufmerksamkeit und einigem Verstündniß verfolgt hat, besagt F.'s letzter Brief allerdings genug und übergenug und zeigt, wohin wir gerathen sind. Muß er aber für die Menge, damit auch ihr die Augen ausgehen, nicht doch noch niedriger gehängt werden? — Und wären dazu Posener Tageszeitungen und preußische Gerichte nicht vielleicht doch das einzig richtige, und vollen Erfolg ohne Kniffe und Ausflüchte sichernde Forum?**).-Hat dieser Streit nicht in vieler Beziehung verzweifelte Aehnlichkeit mit der Kampfweise Stöckers, die auch erst durch preußische Gerichte ihre richtige Beleuchtung erfuhr? In einem Punkte sind freilich der Streit G.—F.'s von dem Stöcker's und seiner Partei himmelweit verschieden. Als das Urtheil im Prozeß Beker erfolgt war, da sagten die angesehensten Blätter seiner eigenen Partei: amicus Plato, sed magis amica veritas, die Wahrheit steht uns höher, und — verließen ihn. Wie aber verhalten sich unsere Orthodoxen dazu? Man lese was ihr „Central-Organ" darüber schreibt: „Mit seiner „Erklärung" hat Herr Oberrabiner Br. Feilchenfeld sein Verhalten in der tendenziös aufgebauschten Affaire vollkommen gerechtfertigt, und die weitesten Kreise werden ihm herzlichen Dank wissen. Auch für uns ist der Zwischenfall hiermit erledigt; die jüdische Oeffentlichkeit .hat Besseres zu thun, als sich mit Br. Goldschmidt und Consorten weiter zu befctiter und seiner Familie Existenz, durch Hintertreibung aller seiner Candidatnren nur bedeutendere Rabbinate, fanatische Verfolgung im Geheimen u. s. w. Daß er sich seiner Haut wehrte und den ehrlichen offenen Kampf gegen seine Ehre- und Lebensfadcn-Abschneider und Verfolger aufnahm, das will man ihm jetzt zum Capitalverbreckeu anrechnen? Wir fragen: Wie viele Rabbiner müßten heute ohne Hattoro umhergehen, wenn man allen denen, die in Orgelspnagogen fungireu, sie öffentlich zu entziehen die Berechtigung hätte? *) In der F.'schen „Erklärung" haben sich folgende untvesentliche Druckfehler ^ingeschlichen, die wir von Posen aus ersucht werden zu berichtigen. S. Iota .8. 21 v. v. ist st. sein z. l. „haben", Z. 22 Wortlaut st. Wort. Z. 3. v. u. „wurde" st. werde, Z 10 v. u. und st. and. — Sp. b. Z. 17 v. o. worden st. werden. Z. 25. v. o. „bedeuten" st. bedeutend. (Wir glauben, daß die ganze F.'sche „Erklärung" ein großer Druckfehler war! Ned.) In der Beil, zu Nr. 17/18 muß im Datum der in's Deutsche übersetzten Hattoro die Jahreszahl: 5(139 (wie im Hebr.) und nicht „5619" lauten. **) nb'bty\ DPI! Das verhüte Gvtt! Gerade um das zu verhüten. haben wir dem Schwergekränkten zu seiner Rechtfertigung vor den jüd. Gemeinden durch Darlegung des Sachverhalts das Wort'gegeben; dadurch sollte in uns. Bl. die Angelegenheit lokalisirt und intra muros zum Austrag gebracht werden. (Red.)