Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 20. (13.5.1886)
- Date
- 1886-05-13
- Page
- Seite 157 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9585330-9585504--6205-9585507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
157 Chason und Schochet sein; aber das eminent pädagogische und religiös-sittliche Wort der Weisen nx p niD? spb ist für ihn wohl nicht geschrieben? Und nun gar vom „Streberthum!" Streberthum — bei jüdischen Volkslehrern! Wollte Gott, unsere Lehrer wären Streber; Streber im Sinne unseres größten Meisters in Pädagogik, im Sinne Diesterwegs! „Streben ist Leben; und im rechten Streben besteht erst das wahre Leben!" Wo findet man denn jetzt noch solche Streber? Ja, wenn die Pädagogik, wenn Unterricht und Erziehung eine solche Kleinigkeit ist, — wozu dann das Streben? Was kann denn der jüdische Lehrer — oder Religionsbeamte, Rabbiner miteinbegriffen — erstreben wollen, das man ihm nicht willig vergönnen dürste? Eine bessere, die beste Stelle? Eine Verbesserung seiner Lebensverhältnisse überhaupt? Wenn das mit ehrlichen Mitteln und ohne Benachtheiligung seiner Genossen geschieht, — wäre es ein Unrecht? Und nun gar das Streben im idealen Sinne; wollen wir das aufgeben? Und die beispielweise die Feder ergreifen, um in jüdischen Blättern mit aufrichtigem Sinne für Hebung des Religionsunterrichts oder für Verbesserung der Verhältnisse der jüdischen Gemeindebeamten einzutreten, — thun sie es wohl als Streber in dem Sinne des Wortes, den Herr vr. Stein ihm unterlegt? Selbst dao Honorar, das die jüdischen Blätter bieten könnten, tst nicht io verführerisch, daß man uns darum Streber schelten sollte. Wir thun's — l’schem schomajim! Das brauchen wir vernünftigen Lesern nicht zu sagen. Es ist uns heiliger Ernst. Wir sind keine Heuchler! Ich, ich gestehe es, — ich habe gestrebt, mein Lebenlang. Es ist mein Stolz, meines Lebens idealste Freude! Und ich darf es ohne Ruhmredigkeit sagen, daß mein rastloses Streben dem Lehrerstande gesegnete Früchte gebracht hat. — Aber — für mich? Für mich selbst war — das Streben des Strebens Lohn! „Der Strebende wird immer dankbar sein". Was habe ich denn mit all meinem Streben für mich erreicht? Ich bin Volksschullehrer, seit 10 Jahren an einer Simultanschule von 7 Klassen thätig, habe jetzt in meiner Klasse 70—80 Kinder, bei denen zufällig in diesem Jahre nicht ein jüdisches ist! Dabei noch Religionslehrer, Prediger, Cantor, Alles in Allein in derj irdischen Gemeinde (mit etwa 180 Seelen.) Das ist eine schöne Stellung, ein hoher Beruf — im idealen Sinne! Aber sehr leicht und angenehm ist er nicht in unserer Zeit. Das werden die denkenden Leser wohl begreifen; ich brauche hier nicht zu erklären, warum! Kann da von Streberthum gesprochen werden? Ich glaube, es giebt Leute, die es bequemer haben! Wenn ich in freien Stunden im Interesse der Sache meine Anschauungen über den Religionsunterricht und dahin Gehöriges ausspreche, ist das — Streberthum? Was kann ich dadurch für mich gewinnen? Was habe ich mehr, als — Nichtstreber? Streberthum ist, wenn man sich aus einen Platz stellen läßt, dem man nicht gewachsen ist! Streberthum ist, wenn man über ideales Wirken abspricht, während doch 1 Ideale des Lehrers Leben leiten müssen! Streberthum ist, wenn man „ausgeht", um Seminardirector oder Seminarlehrer zu werden, ohne das Volksschulwesen in allen seinen Stufen und Einrichtungen, in der Theorie und aus der Erfahrung genau zu kennen und zu verstehen; ohne Meister zu sein in dem, was des Lehrers und insbesondere des Seminarlehrers Odem ist — in der Pädagogik; ohne auf der Höhe der Methodik und Pädagogik zu stehen; Wenn man leugnet, daß tüchtige Kenntniß der Elementarpüdagogik und Methodik unseren jüdischen Volks- und Religionsschullehren Noth thut, und daß ein vorzüglicher Rabbiner, Chason, Schochet und dergl. darum doch ein sehr schlechter Lehrer und also noch mehr ein heilloser Seminardirektor sein kann; wenn man heute Rabbiner, morgen Seminardirector, und dann wieder Rabbiner und Seminardirector ist; wenn man es nicht als seine Lebensaufgabe betrachtet, der Schule und nur der Schule zu leben; in ihr zu wirken fein Leben lang; wenn man nicht die Ueberzeugung hat, daß das Wirken für die Schule die Aufgabe eines ganzen Lebens ist. — Dann, ich kann nicht heucheln, dann ist man in meinen Augen und in den Augen eines redlichen Schulmannes ein verächtlicher Streber! Man darf die Schule und das Seminar nicht als Versuchsfeld für allerhand unfertige und verworrene Ideen betrachten, statt sich vorher bewußt zu sein, was man soll und will! Damit wollen wir keiner Person zu nahe treten. Ich wiederhole, ich kenne weder Herrn Seminardirector vr. Stein noch sein Seminar; ich weiß nicht, ob mir einer seiner Zöglinge bekannt ist. Allein: auf einen groben Klotz ein grober Keil, auf einen Schelmen anderthalbe! — Mir gilt das Ganze! Stein's Rede bedurfte einer Abfertigung, weil sie ein Angriff ist auf Alle, die Höheres verlangen von der Religionsschule. Das habe ich gethan; das thue ich jetzt; das werde ich alle Zeit thun. Ich bin mir dabei des redlichen Wollens bewußt; ich hoffe, das werden auch die Leser mir zugestehen. (Fortsetzung folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Aerkm. Der Direktor des Gymnasiums zum Grauen Kloster hat dem Magistrat mitgetheilt, daß der Rentier David Lipmann die Absicht habe, um das Andenken seines verstorbenen Vaters zu ehren, eine wohlthätige Stiftung zu gründen, welche seinen Namen führen solle, und da derselbe dem Gymnasium zum Grauen Kloster als Schüler angchört habe, so solle die Stiftung dieser Anstalt zu gute kommen. Die Zinsen des Kapitals von 15 000 M., im Betrage von 600 M., sollen jährlich in vier Stipendien zu je 150 M. vertheilt werden an bedürftige Schüler der Anstalt, die durch Fleiß und Sittlichkeit sich dessen würdig machen, im Allgemeinen ohne Rücksicht auf das Bekenntniß derselben. Da aber bekannt sei, day das Gymnasium zum Grauen Kloster mit Stipendien zwar reichlich bedacht sei, die Statuten der betreffenden Stiftungen aber fast ausnahmslos das christliche Bekenntniß der zu Unterstützenden zur Bedingung machen und so die jüdischen Schüler des Gymnasiums von den bestehenden Stiftungen größtentheils ausgeschlossen seien, so sollen, um diese Ungleichheiten auszugleichen, von den vier Stipendien mindestens 2 an Schüler jüdischer Konfession verliehen werden; jedoch soll nach dem Beschlüsse des Kuratoriums nicht ausgeschlossen sein, daß auch alle 4 Stipendien an jüdische Schüler vertheilt werden können. Der Magistrat hat beschlossen, die Stiftung anzunehmen und wird die landesherrliche Genehmigung hierzu nachsuchen. Seesen, 6. Mai. (Or.-Eorr.) Die hiesige Jakobson- Schule hat am 4. d. M. einen sehr wichtigen Akt vollzogen, nämlich die Jnstallirung ihres neuen Direktors Herrn vr. E. Philipp so n aus Magdeburg, bisherigen Lehrers an dem Philanthropin in Frankfurt a. M., woselbst er während der letzten 12 Jahre gewirkt und sich den Ruf eines tüchtigen Philologen und Pädagogen unter der bewährten Leitung des Direktors Herrn vr. Bärwald erworben hat. Seit dem zu Michaelis vor. Jahres erfolgten unverhofften Abgang des Direktors vr. Arnherm wurde die Anstalt von den beiden ältesten Lehrern interimistisch geleitet; durch die von der Braunschweigischen Landesbehörde bestätigte Wahl vr. Philippson's tritt sie nunmehr wieder unter ein ordnungsmäßiges Direktorium. Die Installation erfolgte in der Aula der Anstalt. Nachdem ein Choral gesungen worden, bestieg der Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Peof. vr. Rubo aus Berlin, das Katheder und übertrug Namens des Kuratoriums dem Herrn vr. Ph. das Direktorat mir warmen und beherzigenswert Heu Worten und all den Wünschen, die einer Vorgesetzten Behörde dabei am Herzell liegen. Hierauf gab Herr vr. Philippsoll seinen Gefühlen und Wünschen, sowie seinen Hoffnungen und Ueberzeugungen mit wahrer Herzensfreude Ausdruck. Zuerst gedachte er mit dankbaren Worten des edlen Stifters Jsrae