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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-05-06 · N° 19. (6.5.1886) · p. Seite 149

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 19. (6.5.1886)
Date
1886-05-06
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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— 149 — L. Aus ZVestpreußen. (Or.-Corr.) In dem letzten Jahresbericht des Konitzer Gymnasiums findet sich eine Zusammenstellung der Schüler-Frequenz am Gymnasium nach ihren Confessionen seit der Gründung desselben i. I. 1816. In den ersten Jahren wurde das Gymnasium nur sehr schwach von jüd. Schülern besucht; in den Jahren 1816, 17—19, 1822—24—1828 befanden sich gar keine jüdischen Schüler auf demselben, und bis zum Jahre 1836 je 1 oder 2. In den Jahren von 1837-1844 schwankt die Anzahl der Schüler zwischen 2—6. Erst im folgenden Jahre nimmt man einen größeren Zuwachs wahr; es sind 13 jüd. Schüler nn der Anstalt. So mehrt sich die Zahl stetig. 1850 sind es 23 jüd. Gyinnasiasten, 1860: 25, 1870: 41, 1880: 76. Im folgenden Jahre erreicht die Zahl ihren Höhepunkt, 77 jüd. Schüler. Dann sinkt dieselbe auf 63 zurück, wächst im Jahre 1883 wieder zu 77 an, geht aber dann allmählich auf 53, bis in diesem Jahre auf 44 zurück. Der Rückgang erklärt sich darausdaß die Gesammtzahl der das Gymnasium besuchenden Schüler abgenommen hat. So betrug dieselbe 1881: 487, 1882: 454; jetzt nur noch 343. Nach einer in einer Anmerkung mttgetheilten Angabe besuchen die preußischen Gymnasien 92 305 evangelische d. y. 72%. 23 431 katholische d. h. 18'/. % und 12 387 jüdische Schüler d. h. 9'/,°/g. Nach der Einwohnerzahl müßte dieses Neryältniß 65%. 33, 1'/. sein. Deutlicher ersieht man dieses Verhältniß aus Folgendem: Auf 10000 Protestanten kommen 51, auf 10000 Katholiken 22, aus 1OOOO Juden 350 Gymnasial-Schüler. Seit 1866 bis fitzt haben hier 63 Inden das Abiturientcn-Examen bestanden; davon i. I. 1881: 9 und im vor. Jahre 11. Nicht unbcachtenswerth dürfte auch folgende Notiz sein, die der Chronik des Jahresberichts des Gymnasiums zu Schn ei de mühl entnommen ist. In derselben heißt es bei der Erwähnung derjenigen Lehrer, die das Gymnasium verlassen haben: „Hierbei darf ich der Abgang des als wissenichLstlicheu ordentlichen Lehrer an die hiesige höhere Töchterschule berufenen vr. Adler (jüd.) nicht vergessen, welcher unsere Anstalt mit dem Schluß des Schuljahres 1884/85 verlassen hat. Wir haben in ihm einen für seinen Beruf m hohem Grade interessierten Lehrer verloren, der bei seiner gründlichen wissenschaftlichen Vorbildung in seltenem Maße seine Schüler für die von ihm ertheilten Unterrichtsfächer zu begeistern verstanden hat". So urtheilt der Herr Direktor der Anstalt, trotzdem wurde der Herr Dr. Adler nicht am Gymnasium angestellt. Warum? — Zum Schluß sei noch bemerkt, daß die jüd. Schüler den Religionsunterricht an den gen. Gymnasien vom Rabbiner resp. jüd. Lehrer erhalten, wofür dieselben von der Stadtkasse entsprechend remunerirt werden. (Da mehrere städt. Behörden diese Remuneration verweigern, ist es von Wichtigkeit zu erfahren, in welchen preuß. Städten, bei welcher Schüler- und Stunderrzahl und in welcher Höhe Zahlung erfolgt. Red.) Aorr der Krft. (Or.-Corr.) Die jüdische Privatschule rn Kerpen wurde jüngsthin von der Königl. Regierung zu einer „öffentlichen" erhoben und Herr Lehrer Abel, der nunmehr jeit ca. 7 Jahren sehr segensreich dort wirkt, definitiv angestellt. Wir möchten diesen Fall zur Nachahmung registriren; denn was jener Gemeinde bei einer Schülerzahl von 11, sage elf Kindern, gelang, dürfte anderen Gemeinden gewiß auch gewährt werden. Und wo die Gemeinden lau darin sind, mögen die Herren Lehrer die Sache in die Hand nehmen — wie es auch in K. geschehen — zu ihrem eigenen und der Gemeinde Wohl. Auch wögen die Gemeinden wohl beherzigen, daß der Lehrce jedenfalls mit mehr Liebe und Ester m der Schute wirkt (möge er auch sonst noch so Pflicht getreu sein!), wenn seine Stelle eine dauernde ist und er nicht alle paar Jahre befürchten muß, seinen Wanderstab weiter setzen zu müssen. Der Schule in K. aber wünschen wir, daß sie wieder das werde (und sie ist auf dem besten Wege dazu), was sie in früheren Jahren war: eine Musterschule. Beiläufig sei noch bemerkt, daß die Schule in K. schon seit 47 Jahren besteht, allerdings unter sehr häufigem Lehrerwechsel. Einer ihrer ersten Lehrer war Herr Anspach, jetzt in Greh, dessen Schüler sich seiner noch oft in Liebe und Anerkennung erinnern, einer ihrer ersten Schüler, der z. Z. seinen Namen zur Verewigung in ein Schulpult eingegraben, war der jetzige Seminarlehrer Treu in Münster. Oesterreich. Aus AöKmen. (Or.-Corr.) Der Sprachenstreit, welcher in der Gegenwart in Böhmen und Mähren herrscht und den politischen und socialen Zuständen beider Provinzen eine trübe Färbung giebt, läßt auch die dortige israelitische Einwohnerschait nicht unberührt. Auch bei diesen giebt es enthusiasmirte Deutsche und eben solche Czechen. Es ist das eine nicht uninteressante Wahrnehmung, wohlgeeignet, die judenfeindliche Behauptung Lügen zu strafen, daß die Juden in ihrer Zerstreuung nie voll und ganz von den nationalen Gefühlen und Bestrebungen der übrigen Landesgenossen und gleich diesen erfüllt und ergriffen sein können. Und Nützlichkeitsrücksichten sind es nicht, die dieser Erscheinung zu Grunde liegen, wenigstens bei der übergroßen Mehrzahl nicht. Es würden sonst wahrlich nicht so viele Israeliten selbst in sprachlich sehr gemischten Bezirken so tapfer zu den Deutschen halten und so energisch das Deutfchthnm vertreten helfen; denn Sympathieen finden sie bei den Czechen viel mehr, als bei den Deutschen. Der Antisemitismus ist nur der Letzter» Pflege- und Lieblingskind. Der Czeche ist weniger culturbeleckt, ist offener und rauher in Wort und That, als der Deutsche, aber kein Judenfeind. In dem ganzen deutschen und czechischen Sprachgebiete Oesterreichs (in den übrigen Provinzen hat Schreiber dieses noch keine Beobachtungen anstellen können) ist außer dem traurigen Neide auch gar kein Grund zum Antisemitismus vorhanden. Die in den genannten Gebieten wohnenden Juden sind in mdnstrieller Beziehung ein äußerst wichtiger, j« der wichtigste Bruchtheil der Bevölkerung und durch Rührigkeit, Fleiß und Unternehmungsgeist ein gewaltiger Beförderer des Volkswohlstandes. Man hat im Auslande gar keine Vorstellung von der industriellen Thätigkeit und Bedeutung der in Rede stehenden israelitischen Bevölkerung. So hat z. B. Brünn seit einigen Jahrzehnten namentlich in der Tuch- und Buckskinsabrikation eine außerordentliche Bedeutung gewonnen. Einhundert und zehn große Fabriken sind hier in Betrieb, - Millionen von Gulden werden alljährlich umgesetzt und viele tausende von Arbeitern finden stets lohnende Beschäftigung. Einhundert dieser Fabriken gehören israelitischen Fabrikanten an. Und nicht blos hier ist es so, sondern in unzähligen mittleren und kleineren Städten des Landes fiitben sich großartige von Juden in's Leben gerufene und in Betrieb erhaltene Fabrikunternehmungen aller Art, welche den Unternehmern wie den Arbeitern lohnenden Erwerb bringen. Die Regierung erkennt dieses auch voll und ganz an; nur die Antisemiten sehen scheel drein und möchten den Unternehmern wohl das Risiko, die Sorge und die Arbeit gönnen, nicht aber den Gewinn. Der Wohlstand, namentlich der böhmischen Juden, ist ein sehr bedeutender. In politischer Beziehung haben die Juden keinerlei Zurücksetzung zu erleiden. Die Civil- und Militärbeamtencarriere steht ihnen offen und finden wir sie in beiden vertreten, so wie auch im höhern Schulfache. In Pilsen befindet sich eine stark besuchte staatliche höhere Gewerbeschule, deren Director ein Jude ist; außer dieseur ist auch noch ein jüdischer Professor an derselben angestellt. Fast in allen isr. Gemeinden Böhmens befinden sich schöne, zum Theil neu gebaute, zum Theil neu restaurirte Synagogen; der Besuch läßt indessen sehr viel zu wünschen übrig. Der Jndifferentismus hat hier leider! noch viel mehr Raum gewonnen, als in Deutschland. Dagegen hat man! sich für Wohlthätigkellszwecke eiu offenes Herz und eine

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