Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 19. (6.5.1886)
- Date
- 1886-05-06
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 147 — Betheiligung der wohlhabenden Glaubensgenossen wurde im ersten Jahre durch eine für jüdische Verhältnisse ziemlich starke Betheiligung der ärmeren Stände einigermaßen wieder ausgeglichen und so ließen die Stifter des Vereins sich durch den ersten bescheidenen Erfolg zu immer weitere Nachahmung der deutschen Reichsfechtschulen, zur Herausgabe eines eigenen Vereinsorgans verleiten, das zweimal monatlich in einer Auflage von 500—1000 Exemplaren erscheinend, die Vereinsinteressen vertreten, zwischen den überall zerstreuten Mitgliedern desselben ein geistiges Band Herstellen und für die Colonisation Palästina's durch Juden Propaganda machen sollte. Die letzten 2—3 Seiten jeder Nummer waren zur Veröffentlichung von Mitgliederlisten, sowie für ausführliche Berichte über sämmtliche interne Vereinsangelegenheiten reservirt. Aber auch dieses Unternehmen hatte im ganzen dem Verein keine dauernde Vortheile gebracht, wie überhaupt die Principicn der Fechtschulen sich für unfern Verein als wenig geeignet erwiesen haben! Der geringe Wirkungskreis, auf dem ein speciell jüdischer Verein, bei der geringen Zahl unserer Glaubensgenossen, sich beschränken muß, sowie die Schwierigkeit unter den über dem ganzen Erdboden zerstreuten, verschiedene Zungen redenden und durch eine lange Verfolgung gegen alles, was die Grenze der localen Wohlthäligkeit überschreitet, ziemlich apathisch gewordenen Glaubensgenossen*) einen allgemeinen Verein von größerer Tragweite zu organisiren, schließt jede Analogie mit einem nichtjüdischen Verein, besonders aber mit den deutschen Reichsfechtschulen, von vorne herein aus. Zu diesen Schwierigkeiten, welcher ein jeder weitverzweigte jüdische Verein zu überwinden hat, trat bei uns noch der sehr geringe Jahresbeitrag von nur 50 Pf. hinzu, der dem jungen Verein wohl viel Mitglieder eingebracht, auch eine sehr große Correspondenz verursacht, und den eigentlichen Zweck des Vereins dagegen nur wenig gefördert hat. — Das Unterzeichnete Central-Comitv, welches in der General-Versammlung vom 2. Februar 1885 neu gewählt worden ist. ging deshalb gleich nach seiner Constituirung daran, den Verein im obigen Sinne zu reconstruiren. Die Herausgabe des Vereinsorgans wurde eingestellt, der „Humor" aus den Statuten entfernt und der Jahresbeitrag auf eine Mark erhöht. (Mit Erhöhung der Jahresbeiträge hört jeder Humor von selbst auf. Red.) Mit der Neugestaltung des Vereins beschäftigt, konnte das Central-Comitä für die Verbreitung desselben im vorigen Jahre wenig oder fast gar nichts thun und erst mit der Ende Januar dieses Jahres erfolgten behördlichen Genehmigung des neu revidirten Statuts begann dasselbe nach außen eine rührige Thätigkeit zu entfalten. Unter einem geregelten Geschäftsgänge besteht der Verein demnach nur 12 Monate und obgleich seine Entwickelung lange noch nicht abgeschlossen ist, so darf man doch schon jetzt behaupten, daß die Periode der Versuche im Allgemeinen vorüber ist; es hängt nunmehr von unseren Glaubensgenossen selbst ab, ob der Verein seine Aufgabe erfüllen und im Stande sein wird, den jüdischen Einwohnern des heiligen Landes zur ökonomischen Selbstständigkeit zu verhelfen und damit der auf die Roth unserer dortigen Glaubensgenossen ewig speculirenden Mission gründlich und für immer das Handwerk zu legen. — 2öir wenden uns daher an alle jüdische Männer und Frauen, welche für unser Volk eine schönere Zukunft noch erhoffen, mit der Bitte, dem Verein Esra beizutreten, überall sür ,hn Mitglieder zu erwerben und diese Mitglieder in wohlorganisirte Local-Comitös einzureihen, welche im Verein mit dem Central-Comits in Berlin das erwähnte Ziel zu erreichen suche». — Acht Colonien sind in Palästina schon errichtet und die auf denselben angesiedelten Glaubens- *) Diese Apathie ist durch die für derartige w e »i g.-sym p at h i sch e Zwecke gemißbrauchte Wohlthäligkeit unserer Glaubensbrüder verursacht worden. Das jüdische Herz ist noch heute dem Wvhlthun geneigt und sur Edles zugänglich, man darf es nur nicht für Dinge in Anspruch nehmen, die es in Widerspruch mit seinem innersten Empfinden setzt. R. genossen haben durch ihr Gedeihen*) den unzweideutigen Beweis geliefert, daß unser Volk das edle Handwerk seiner Väter noch nicht ganz verlernt hat und auch init Pflugschaar und Sense noch gut umzugehcn weiß! — Der erste Versuch ist gelungen, lassen wir es nicht dabei bleiben! Nähere Auskunft ertheilt: Herr M. Driefncr, Berlin, Klosterstr. 50. Herr I. Kalmus, Berlin, Magdeburgerstr. 32. sowie das Bureau des „Esra" Spandauerstr. 63. Nachschrift der Redaction. Wenn der Esra-Verein sich weiter nichts, als die Unterstützung der in Palästina bestehenden Ackerbau-Kolonien zur Aufgabe stellte, so würde er schon der Unterstützung werth und würdig sein; wenn er aber an eine weitere Gewinnung des heil. Bodens, an eine dadurch zu erreichende schönere Zukunft für unser Volk, kurz an eine Realisirung national-messianischer Hoffnungen denkt, so können wir nicht rechtzeitig und eindringlich genug davor warnen. Als Unterstützungsverein ohne sonstige Nebenabsichten verdient er unsere volle Sympathie, ebenso auch zu denr Zwecke, den aufdringlichen, leider nicht erfolglosen, seelenschachernden Missionsbestrebungen in Palästina eutgegenzuwirken; ja dann ist er. wir sagen es — wie es unsere Art ist — offen heraus, vermöge seiner Organisation uns sogar viel sympathischer, als die Sa lvendi'schen und sonstigen Sammlungen für die Unzahl Rubriken von „Annen im heil. Lande; denn während diese Spendensammler ganz eigenmächtig die eingehenden Spenden vertheilen, sichert der „Esra-Verein" durch die statutenmäßige jährliche Generalversammlung und Wahl des Centralcomitö's auf 2 Jahre den Mitgliedern doch einen Einfluß auf die Verwaltung selbst, die durch die Revisions- Commission zweimal jährlich controllirt wird, was bei den sonstigen Sammlungen für Palästina, allen diesbezüglichen berechtigten Forderungen zum Hohn, noch immer nicht der Fall ist. Kerichle und Correspottdenzen. Deutschland. Aus Hverschlesten. 29. April. (Or.-Eorr.) Es -ist nicht meine Schuld, wenn ich auch heute wieder vom Schmerzenskinde unserer jüngsten Vergangenheit und unserer traurigen Gegenwart — ich meine — von den Ausweisungen und ihren unmittelbaren Folgen berichten muß. Jeder Menschenfreund der in unmittelbarer Nähe diese Vorgänge zu beobachten Gelegenheit hat, kann nicht ohne nachhaltige und tiefe Bewegung dem Geschicke der schwer heimgesuchten Auswanderer sich zuwenden. Mit aller Energie wachen die hohen Behörden darüber, daß Alle, deren Frist mit dem 1. April abgclaufen, nunmehr auch ungesäumt das preußische Staatsgebiet verlassen. Nur in den dringendsten Fälle»!, die auf das Ueberzeugendste motivirt sein müssen, wird eine weitere, kurz bemessene Aufenthaltsfrist bewilligt. So weit Glaubensgenossen in Betracht kom»nen, ist es nur den Allerwenigsten gelungen, eine vorläufige oder gar definitive Sistirung ihrer Ausweisung zu erwirken. Es läßt sich auch jetzt noch nicht absehen, ob die Cultusbeamten in Kön igsHütte und Kattowitz, die sich an hoher Stelle war»ner Protection zu erfreuen hatten, auf eine Berücksichtigung ihrer Gesuche zu rechnen haben. Leider macht sich bisweilen in entscheidender Stunde ein wüstes Denunciantenthum geltend, welches die Hoffenden und Harrenden um alle Früchte ihrer Bemühungen bringt. Es muß hervorgehoben werden, daß die Behörden mit aller Promptheit und Präcision die Unmenge der täglich eingehenden Gesuche beantworten. Als sehr charakteristisch sei hier folgender Fall angeführt. Seit 18 Jahren wohnt in einer oberschlesischen Stadt ein Galizianer, der eine Preußin zur Frau genominen. Vor 6 Jahren stellte er den Antrag, in Preußen naturalisirt zu werden. *) Aus der einen Colonic sind jüngst sehr beunruhigende Berichte zu uns herübergeko,innen. (Red.)