Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 19. (6.5.1886)
- Date
- 1886-05-06
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 146 — .. Sggf Motiv fertigt der Doctor in vier Zeilen ab, während er da, wo es der Cntwerthung des Gebetes gilt, mit spaltenlanger Weitläufigkeit, von dem Aberglauben des Mittelalters uns erzählt, wie z. B. im Jahre 1749 gegen die Plage der Engerlinge mit Fasten und Beten zu Felde gezogen wurde. — Das wäre nicht nöthig gewesen, denn der Bigottste uister den Bigotten hält solches heute für lächerlich. Aber am Platze wäre es gewesen, wenn Frau v. Luttner und ihr Doctor sich mehr mit der Art und Weise beschäftigt hätten, wie heute der Werth des Gebets seinen Ausdruck findet. Alle die erhebenden Momente der Gottesverehrung, wie sie heute die andächtige Stimmung der die Gotteshäuser besuchenden wiedergeben, — sie hätte der Doctor auf ihren Werth oder Unwerth beobachten müssen, um daraus die Nutzlosigkeit des Gebets zu deduciren. Und wenn er auch nur bei der „idealen Erhebung des Gemüths" und der „vollen Fügung in den göttlichen Willen" stehen geblieben wäre, so hätte er uns darüber belehren müssen, in wie weit die ideale Erhebung des Gemüths heute noch für die Menschheit zu! erstreben, oder durch Verwerfung des Gebetes zu unterdrücken sei. Er hätte uns sagen müssen, wie die „ergebene Fügung in Gottes Willen" die „andächtige Erhebung der Seele zu Gott" — Dinge seien, die der Veredlung des menschlichen Gcmüthcs hinderlich und daher als Steine des Anstoßes verworfen werden müßten! — Er hätte uns endlich noch beweisen müssen, daß das Gebet, wie es in unserer Zeit seinen Kultus findet, den sittlichen Bestrebungen entgegen oder im Wege stehe, um das Recht, dasselbe zu verwerfen, für sich in Anspruch nehmen zu können. Dieses Alles hätte uns Frau v. Luttner durch ihren Doctor kund geben sollen. Allein sie that es nicht und vermied es sorgfältig, dem eigentlichen Werthe des Gebetes nahe zu kommen, während sie zu seiner Herabwürdigung uns alles Mögliche und Unmögliche hören ließ. Jndeß, ganz ohne Würdigung entläßt unser Doctor das Gebet denn doch nicht. Er nennt es „eine duftende abgerissene Blume, die im Herzen keinen Boden mehr habe und nur noch durch die Macht der Gewohnheit forilebe^. — Nehmen wir vorerst noch vorlieb mit der „duftenden abgerissenen Blume". Wenn sie wenigstens noch duftend ist. so müßte dies schon ausrcichen. sie mit Achtung zu behandeln, müßte diese Eigenschaft sic schon vor Zerpflückung und Wegwersung beschützen. Allein wir behaupten, daß diese Blume noch gar nicht abgerissen ist, sondern noch tief in der Empfindung des Menschen wurzelt, auch dann noch, wenn eine Anzahl von Personen vorhanden ist, der diese Empfindung abgestorben. Aus dieser Minorität heraus das Gebet als ein „rudimentäres Gebilde" hinzustcllen, ist sicherlich keine kleine Versündigung gegen die Bescheidenheit. — Nein, unsere Zeit ist dem Bedürfnisse zu beten noch nicht entwachsen, und alle Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiete haben sie davon nicht frei gemacht. Wollten wir das Beten bei der zarten Jugend schwinden lassen, so verlören wir hierdurch eines der schönsten und sichersten Mittel auf die Bildung ihres Gcmüthes veredelnd cinzuwirken, und brächten wir das Gebet bei den Erwachsenen in Wegfall, so nähnien wir ihnen ein Stück Seelenempfindung und beraubten sie des Mittels, mit welchem sie in den Stürmen des Lebens, in den Kämpfen mit dem Schicksal die Ungebrochcnheit und Un gebcugthcit sich bewahren können. Man soll nicht mehr beten — läßt Frau v. Luttner uns durch ihren Doctor kund thun. Und wie, meint sie etwa, daß Menschen, die nicht mehr beten, glücklicher, klüger oder besser dann sein werden, als sie es vorher gewesen sind? wo liegt der Fortschritt, der sittliche Vorlheil in diesem Freibrief für das Nichtbeten? Betende Menschen sind momentan kaum in der Lage, Andern gefährlich zu werden, aber den Nichtbetcnden bleibt es unbenommen, zu jeder Zeit ihrem Mitmenschen sich verderblich zu machen. Ob die nichtbetenden Menschen klüger geworden sein werden, als die, die noch das Bedürfniß haben, ihre Seele in Verkehr mit ihrem himmlischen Vater und größten Wohlthätcr treten zu lassen? Wie man's eben nimmt. Es giebt eine Klugheit, die sich durch eine Alles durchdringende Erklügelungssucht hervorthut; wir wollen ihr den Ruhm der Vielwisserei nicht absprechen, allein den sittlichen Fortschritt verbürgt sie uns nicht. Dann giebt es eine Klugheit, die sich in gewissen Dingen zu bescheiden weiß, weil sie das Ende und den Zweck des weiteren Nachdenkens nicht absieht und schon um der Erhaltung des Herzensfriedens willen zu resignireu versteht; man wird solchen Menschen das Raffinement absprechen können, aber das Zngeständniß eines vernünftigen Denkens wird man ihnen gewähren müssen. Welche Art Klugheit den Vorrang hat, wollen wir hier nicht entscheiden. Und ob die Menschheit, wenn sie einst in der Gebetlosigkeit da sein wird, wo sich Frau v. Luttner mit ihrem Doctor befindet, glücklicher sein wird, das läßt sich freilich nicht in bestimmter Weise sagen. Jedenfalls wird eine diesbezügliche Behauptung noch so lange auf schwachen Füßen stehen, als es erwiesen ist, daß zu einem glücklichen Zustande zwei Dinge nöthig sind, nämlich eine zufriedenstellende Gegenwart und eine gesicherte Zukunft. Die Menschen haben sich nun einmal daran gewöhnt, beides Gott anheimzustellen und von ihm zu erflehen. Wenn nun der Fall eintreten sollte, daß dieser Weg zur Glückseligkeit verworfen würde und an Stelle desselben der des freien Gedankens träte, so ist freilich schwer abzusehen, in welchen Causal - Nexus dieser zu dem Herzensbcdürfniß des! Menschen käme. Man weiß, daß die Vernunft nichts mit dem gemüthlichen Thcil des menschlichen Wesens zu thun hat. Kalt, ruhig und nüchtern geht sie ihre Wege, Gefühl und Empfindung sind ihr unbekannt, sic will Klarheit un- Ueberzeugung schaffen und wenn es mit Vernichtung jeglicher Gcmüthsregung geschehen soll. Nun ist zwar Glück ein sehr abstrakter Begriff, aber was wir von ihm wissen, ist. daß es nur im Gemüt he des Menschen zu suchen sein kann. Wie sehr ein andächtiges Gebet es vermag, denr aufgeregten oder verzagten Gemüth Beruhigung und Festigkeit zu geben, ist bekannt, und cs wäre in Folge dessen wahrlich das Gebet nicht zu den letzten Mitteln zu zählen, welche den Menschen auf den Weg des i n n e r n Glückes zu führen im Stande sind. — Verein „Esra". In Folge der im Januar d. I. vollzogenen Reorganisation des Vereins „Esra" ergehen an uns so zahlreiche Anfragen, daß wir dieselben privatim zu beantworten nicht mehr im Stande sind. Wir sehen uns daher genöthigt, die Anfragen auf dcm Wege der Oeffentlichkeit zu erledigen und über die Entwickelung des Vereins, sowie über die Nothwcndigkeit einer Reorganisation desselben hiermit Bericht zu erstatten. — Der Verein ^Esra" wurde im Jahre 1884 von einigen jungen Männern gegründet, welche in dem Ackerbau das einzige Mittel erblickten, den sittlichen und ökonomischen Zustand unserer Glaubensgenossen im heiligen Lande dauernd zu heben. Man wollte statt der bisherigen planlosen Privatsammlungen durch den Verein in der Metropole Deutschlands eine Central stelle schaffen, von der aus ein zielbewußtes, einheitliches Vorgehen in Scene gesetzt werden sollte. — Um den Jndifferentismus unserer Glaubensgenossen zu überwinden und sofort eine zahlreiche Betheiligung hervorzurufen, versuchten die Gründer des Vereins die Agitationsweise der deutschen Rcichsfechtschulcn in Anwendung zu bringen und die ernsten Ziele des Vereins in humoristische Form zu hüllen; die Folge des Humors war, daß ernste und wohlhabende Leute, die namhafte Jahresbeiträge hätten zahlen können, vom Vereine überhaupt sich fern hielten und fast nur arme Leute mit dem minimalsten Jahresbeitrag von 50 Pfg. dcm „Esra" bcitraten. — Die sehr geringe