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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-04-22 · N° 17-18. (22.4.1886) · p. Seite 136

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 17-18. (22.4.1886)
Date
1886-04-22
Page
Seite 136 (sequence 2)
Language
German
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— 136 mehr, als die Israeliten die Sklaven und die Egypter die Herren waren. Pessach ist das Fest der „ungesäuerten Brote", die Zeit unserer Befreiung, denn „der Teig, den Israel aus Egypten mitnahm, hatte nicht Zeit in Gährung überzugehen, da die Erscheinung und Offenbarung Gottes bald eintrat". Ja wohl: wäre nicht das Wunder der göttlichen Offenbarung hindernd dazwischen getreten, der „Teig, den Israel", in großen Massen „aus Egypten mitnahm", er wäre in Gährung gerathen, er wäre als Sauerteig weiter wirksam und nie aus der Mitte Israels zu vertilgen gewesen, es wären immer jene thierischen Triebkräfte des in Thiergötzendienst versunkenen Egypten wirksam gewesen in dem Brote Israels — — — und zwar vor Allem auch in dem Brote des Geistes. Dean auch in geistigem Sinne nahm Israel eine Fülle des Teiges mit aus Egypten — alle die Elemente des egyp tischen Geisteslebens, insofern dieses mit dem spezifisch jüdisch monotheistischen Geistesleben im Gegensätze steht. Ist es möglich, daß Israel während der 400 Jahre seines Aufenthaltes in Egypten nicht mit diesen heidnischen Elementen in Berührung kam, sie nicht, wenigstens als Wissens-Material, in sich aufnahm? O gewiß! Aber auch diese Elemente wurden gebändigt, auch ihnen wurde der Gährungsproceß abgeschnitten, auch sie wurden gleichsam als „Mazzoh", ungesäuertes Brot, verzehrt, um jede Nachwirkung ans die Entwicklung des jüdischen Geistes zu verhindern. Denn Israel hatte längst aufgehört in einem besonder» Landestheile, im Lande Gosen etwa, abgesondert von den Egyptern zu wohnen. Es wohnte vielmehr unter den egyptischen Bürgern, in steter Berührung mit ihnen, — als Gott es sich zu seinem Volke erwählte, da nahm Er a*ipö ■’ia, ein Volk aus der Mitte eines andern Volkes, und als Gott die Erstgeborenen Egyptens schlug, da mußte er, die Häuser der Kinder Israels, da sie in der Egypter Mitte zerstreut lagen, überschreiten. Darum, wenn „Mazzoh" uns die Unabhängigkeit Israels von der religiösen Cnltur Egyptens vergegenwärtigt, so zeigt uns „Pessach", schon durch seinen Namen: Ueberschreitung der isr. Häuser in der Mitte der Egypter, die Schwierigkeiten, mit welchen die religiöse Eigenart Israels in Egypten zu erhalten war. Wenn Du daher, Sohn des menschlichern 19. Jahrhunderts denkst oder sagst: Ja in früheren Zeiten, da Israel ausgeschlossen war aus der Mitte der Andersgläubigen, da war es leicht, Israelit zu sein, — aber jetzt, wo wir die Ghetto's verlassen haben und unsere Häuser in der Reihe der Häuser unserer Mitbürger stehen, jetzt ist es unmöglich, daß wir, nach der Vorschrift des Judenthums, eine in allen Lebensgewohnheiten besonders geartete religiöse Gemeinschaft seien, jetzt müssen wir so viel wie möglich unsere Eigenart abl egen. Wenn du so sprichst, dann denke an das erste Pessach! Israel lebte in Egypten in der Mitte der Egypter, aber es verlor sich nicht unter den Egyptern, sondern es blieb Israel!*) Oder wolltest Du etwa behaupten, der freie Bürger des 19. Jahrhunderts sei schwerer im Stande seine wohlberechtigte religiöse Eigenart zu behaupten, als das im Joch der Sklaverei schmachtende Israel in Egypten? O dann wäre ja der freie Bürger des 19. Jahrhunderts .uv mix» vnv rvb av vn e mehr Sklave, als dcx Sklave der Pharaonen? Denn wer ist frei, wenn nicht der Unabhängige, wenn nicht der sich gegen alle fremde geistige Gewalt Behauptende? Die Uebermacht kann uns nur unglücklich, aber nicht zum Sklaven machen. Zum Sklaven macht sich nur jeder selbst, durch knechtischen unselbstständigen Sinn! Feiere Pessach als ntSCDH und fühle dich in Deiner geistigen Unabhängigkeit. (Schluß folgt.) (Ueber „Moraur" siehe die „Beilage".) Ueber das Gebet. Von Moritz Scherbe!. Prediger in Gumbinnen. Wie kömmt es, daß ein Geist, der nichts als Glauben haßt, Und nichts als Gründe liebt, den Schatten oft erfaßt, Wenn er die Wahrheit denkt in sicherem Arm zu schließen, Daß ihm zum Anßoß wird, was alle Kinder wissen? — (Lessing, Fragmente.) In Berlin hielt am 4. Decembec v. I. im Freidenker- Verein „Lessing" Dr. Huber einen Vortrag über „Das Gebet". — Er that dies mit Zugrundelegung eines Artikels einer Frau v. Luttner. Diese erzählt: „Der Doctor hatte uns von einer Meeresfahrt berichtet und die Schrecken eines Sturmes geschildert, der sein Schiff zu vernichten drohte. Schon hatte er sein Leben verloren gegeben. — „Gestehen Sie nur eines, Doctor" . . . unterbrach hier Jemand. „Ich weiß zwar, daß Sie ein sogenannter Freigeist sind, — und daß Sie gewöhnlich nicht beten. Wir sind übrigens Alle keine Rosenkranzhersager, . . — aber in solchem Augenblick der Gefahr, ... gestehen Sie, Doctor, daß Sie während jenes Sturmes, als Sie sich verloren glaubten. — und wär's nur ein Secundengebet gewesen, — den Himmel um Rettung angefleht haben!" — Hierauf erwiderte der Doctor: „Das habe ich nicht gethan. Mein Gottesglaube schließt alles Beten aus." — Und nun beginnt er seine Ansichten und Theorien über das Beten auszubreiten, welches ec, milde gesagt, als etwas Sinnloses, Unvernünftiges bezeichnet. Wir werden unten seinen Auslassungen kurz zu begegnen suchen und möchten hier nur nur vorerst bemerken, daß man es kaum als eine moralische Heldenthat betrachten könnte, einen geheiligten Gebrauch, eine ehrwürdige Sitte, die zurück bis in das fernste Menschengedenken reicht, vor den Augen der Welt herabzuwürdigen. Ja, wir müssen es als eine Beleidigung jedes frommen Gefühles betrachten, wenn man diese Blume in dem Garten der menschlichen Gemüthsbildung, als welche wir das Gebet bezeichnen, mit solcher Frivolität entblättert, zerpflückt und vor den Millionen, welche mit Liebe und Verehrung am Gebete hängen, in den Staub tritt. Haben denn die Herren Freidenker gar keinen Sinn für ideale Schönheit? Können sie wohl das Bild eines betenden Kindes betrachten ohne Rührung, das einer für ihr Kind betenden Mutter ohne innere Ergriffenheit von dem Zauber, der diesen Bildern und ihren Motiven innewohnt! — Und dann, — wenn das Gebet nichts weiter als das sein soll, als was der Herr Doctor oder Frau v. Luttner es oben hinstellt — müßten dann die Tausende von Gotteshäusern, die auf der Erde existiren, uns nicht wie Narrenhäuser erscheinen, und diejenigen, die sie besuchen, wie Idioten, denen es vor Allem anstünde, zu unserem Doctor zu gehen, um sich von der Unvernunft heilen zu lassen! Ferner fragen wir: was hat dem Gebet die Gegnerschaft der Frau v. Luttner in der Weise zugezogen, daß sie es für eine gewisse Pflichtmäßigkeit hält, es in einer so unbarmherzigen Weise seiner Würde zu entkleiden und es als Ausdruck der Stupidität hinzustellen? Was nun den Doctor und seine Beweisführung von der Nutzlosigkeit des Gebetes betrifft, so können nur ihm unmöglich überall hin auf seine sophistischen Exkursionen folgen, denn dazu gebricht es uns an Zeit und hier an Raum. Nur bei seinen Hauptargumenten wollen wir ein wenig stehen

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