Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 16. (15.4.1886)
- Date
- 1886-04-15
- Page
- Seite 132 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 132 — t zahlen. Dadurch sollte der Geldherrschaft im „Comitat" vorgebeugt werden. iDie Antisemiten beantragten hierzu, daß nur „ungarisch-nationale", d. h. „christliche" Zeitungs- Redacteure dieses Vorrecht genießen, dagegen „jüdische" davon ausgeschlossen sein sollten. Der Antisemit Komloschi begründete diesen Antrag damit, daß ja so viele unreife jüdische Jünglinge in der Presse thätig seien. Ihm folgte sein Kumpan Geza Raz, der über alle judenfreundliche Blätter seine Galle ergoß. „Wenn" — so meinte er — „der antisemitische Antrag abgelehnt werde, so könne man darauf gefaßt sein, daß bald auch die Obergespanschaften von Juden besetzt sein werden und dann sei alles, alles verloren". Auf diese Lästerungen erwiderte der Abgeordnete Ugron: „Die Presse ist es, welcher Ungarn seine Freiheit von 1848 verdanke — war ja auch Kossuth ein Redacteur, und auch Bejamin Franklin, dessen Ruhm die Welt erfüllt. Allerdings giebt es unter den Publicisten unreife und charakterlose Menschen, aber zu diesen stellt jede Confession, die christliche wie die jüdische, ihr Contingent. Und wenn Komloschi behauptete, die Juden hätten nie etwas Großes für die Menschheit geleistet, so müsse er (Ugron) sich um so mehr wundern, dies von einem Geistlichen zu hören. Stammt denn nicht das alte, wie das neue Testament von den Juden? War Moses kein Jude? War Jesus kein Jude?" — Schon diese Worte Ugron's fanden lebhaften Beifall im Reichstage, da erhob sich noch der Minister-Präsident Tissa und versetzte den Antisemiten höchst empsindliche Hieb?. „Es wäre endlich Zeit" — so sagte er — „solchem leeren Gerede ein Ende zu machen. Ich sehe hier 2 Gattungen Menschen. Die einen fragen, wenn sie einem Menschen begegnen: Bist Du ein rechtschaffener Mensch oder bist Du ein Lump? — Zu dieser Gattung zähle ich mich und gehört die Majorität des hohen Hauses. Die andern fragen: Bist Du ein Jude oder ein Christ? Und lautet die Antwort: Ein Christ! dann ist er in jedem Falle ein Engel in ihren Augen und umgekehrt: Em Jude! so ist er ein Gott sei bei uns! — Mit solchen Menschen zu debattiren ist reine Wortverschwendung". Diese mit erregtem Pathos gesprochenen Worte machten der Debatte ein Ende und führten zur Ablehnung des antisemitischen Antrages. — Rußland. Hdessa, im April. (Or.-Corr.) In meinem Briefe an Sie vom 2. v. M.*) versprach ich Ihnen, einige Einzelheiten über den Gegenstand mitzutheilen, der den hiesigen Correspondenten der „Jüd. Presse" veranlaßte, in Nr. 6 jenes Blattes einen maskirten Ausfall gegen unfern Rabbiner Dr. Schwabacher unD einen ganz offenen gegen den Rabbiner von Turow zu machen. — Nach einer, wider meinen Willen eingetretenen, etwas längeren Verzögerung, komme ich nun, mein Versprechen einzulösen. Daß der Verfasser jenes Artikels bittere Thränen darüber vergießen zu müssen glaubt, daß in Rußland, wo „noch so viel Thorakenntniß und Frömmigkeit herrscht, „sich leider gerade die Unkenntniß und die Gewissenlosigkeit „miteinander verbunden, um der Religion und der Achtung „vor ihr tiefe Wunden zu schlagen", beweist nur, wenn man diesen hohlen Phrasen durchaus irgend einen Sinn beilegen will, wie weit auch die jüdischen Jesuiten die Heuchelei treiben können, wenn es sich darum handelt, einen unbequemen Gegner zu verleumden, oder einen überlegenen aus dem Wege zu räumen. Es ist übrigens auch möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß der originale und zugleich originelle Berichterstatter der Berliner „Jüd. Presse" mit diesen Worten seinen Lesern ein möglichst treues Bild von dem geben wollte, was er in der Seele seiner dankbaren Klienten Vorgehen sah. Denn daß Unwissenheit und Gewissenlosigkeit des Doppelgeleise ist. aus dem der mit Unfug beladene Wagen der Obscuranten dahinrollt, wird Niemand in Abrede stellen, der mit den Zielen und den Mitteln dieser Leutchen nur halbwegs bekannt ist. Doch zur Sache. Vor ungefähr zwei Jahren starb ein gewisser Michel G en n er. Die zurückgebliebene kinderlose Wittwe. eine junge Person, wollte vor kurzem eine zweite Ehe eingehen, und suchte daher von den Brüdern des verstorbenen Mannes Chalizah zu bekommen. Es sind aber diese Schwäger seit ihrer Kindheit bereits in den Schooß der s. g. rechtgläubigen Kirche getreten. In Anbetracht nun dieses besondern Umstandes wurde die sehr natürliche Frage aufgeworfen, ob die Wittwe überhaupt Chalizah nehmen müsse, oder ob sie nicht etwa von derselben gänzlich befreit werden dürfe. Letztere Frage war um so gegründeter, als die bei diesem Acte zu beobachtenden vorgeschriebenen Formalitäten unmöglich berücksichtigt werden konnten, indem diese christlichen Schwäger nur mit Bewilligung des Erzbischofs sich dazu herzugeben bereit erklärten, und dieser seine Erlaubuiß von der Bedingung abhängig machte, daß hierbei absolut keine religiöse Ceremonie in Anwendung komme. Eine geraume Zeit hindurch bildete der Fall mit dieser Wittwe den Gegenstand allgemeinen Gesprächs, und es wird Niemand Wunder nehmen, daß die öffentliche Meinung Partei für sie nahm und ihr die ungetheiltesten Sympathien entgegenbrachte. Die Institution der Chalizah war doch eben nur zum Schutze der Wittwcu, und nicht dazu etwa geschaffen, dieselbe auf die grausamste Weise der Willkühr oder dem niederträchtigsten Eigennutze zum Opfer zu bringen. Die Satzung, die die kinderlose Frau eines Verstorbenen zu dem Eigenthum seiner Brüder macht, verträgt sich nicht nur mit den sittlichen Gefühlen der Gegenwart, sondern widerspricht geradezu dem Geiste des Judenthums überhaupt. Und so kam es, daß das Schicksal der armen Wittwe Genner nachgerade zum Gegenstände ernster Dispute zwischen mehr oder weniger competenten Personen geworden, bis die Frage endlich in Kreise gedrungen, die vollkommen berechtigt sind,' in solchen Angelegenheiten eine endgültige Entscheidung zu treffen. Unsere Dajanim, die, in Anbetracht der ihnen anfangs in Aussicht gestellten Anerkennung ihrer Verdienste, nichts dagegen hatten, die Fesselndes unglücklichen Weibes zu lösen, steckten die Köpfe zusammen und schlugen mit den Hinterfüßen aus. als sie sahen, daß ihre uneigennützige Wahrheitsliebe und ihr engelreiner Gerechtigkeitssinn, gar nicht in Anspruch genommen zu werden braucht. Denn Herr Abelssohn, Rabbiner aus Turow. der scharfsinnige Talmudist und anerkannte Gaon, betrachtete es als seine Pflicht, mit offenem Visir und ohne irgend welche persönliche Ab- und Rücksichten, für die Freisprechung der Frau ohne Chalizah in die Arena zu treten. Seine Behauptungen wurden nicht nur unterstützt, sondern rückhaltslos acceptirt von rabbinischen Autoritäten, wie: Samuel Mohilewer in Bialostok; Zacharia Stern in Schabet; Noach Jzchak, Rabb. in Lomser, vr. Herschel, Ellenberg. Rabbiner in Mirsk; A. Sternberg in Stawisk; Hersch Leib, Berlin, der Rosch Jeschiwa von Woloschin; Chaim Scgall. Rabb. in Ratzki; Mordche Jaffe, Rabb. in Ruschiny; Rüben Halevy, Rabb. in Dünaburg; Jeschua Kutner, Rabb. in Kutno und mehreren andern. Den Kowner Rabbiner Herrn Jzchak Elchanan, muß ich besonders - erwähnen, nicht allein weil er die Ansichten H. Abelsohn's vollkommen zu theilen erklärte, sondern auch noch besonders aus dem Grunde, weil er blos aus Höflichkeit für gewisse Personen, die zu reich sind, als daß ihre Wahrhaftigkeit in Zweifel gezogen werden könnte, von seinen ausgesprochenen Überzeugungen, unter Thränen zwar, aber dennoch sich losgesagt hat. Alle diese talmudischen Autoritäten erkannten die Frau als frei vor: der Verpflichtung Chalizah zu nehmen und was besonders hervorgehoben werden muß, selbst in dem Falle, wenn die Brüder des Verstorbenen mit diesem von einem Vater waren. Hieraus ist nun ersichtlich, daß die Behauptung: Herr Abelsohn habe die Zustimmung anderer Rabbiner nur durch Entstellung der Thatsachen erschlichen, geradezu eine *) Derselbe ist leider nicht in unsere Hände gelangt. (Red.)