Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 16. (15.4.1886)
- Date
- 1886-04-15
- Page
- Seite 130 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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130 nicht mehr. Die Juden und das Judenthum, das wir reconstruiren wollen, ist zerrissen, und die Beute der Barbaren, Narren, Geldwechsler. Zeloten und Parnassim (Gemeindevorsteher). Noch manche Sonnenwende wird über das Geschlecht hinweg rollen und es finden wie heut, zerrissen, überfließend in die christliche Nothreligion, ohne Halt und Princip, zum Theil im alten Schmutz, von Europa bei Seite geschoben, fortvegetirend, mit dem trockenen Auge nach dem Esel des Messias oder einem andern Langohr hinschauend, — zum Theil blätternd in Staatspapieren und dem Konversat'ons-Lexikon; bald reich, bald bankerott; bald gedrückt, bald toleriert. Die eigene Wissenschaft ist unter den deutschen Juden ausgestorben, und für den europäischen haben sie deswegen keinen Sinn, weil sie sich selbst untreu, der Idee entfremdet und die Sklaven bloßen Eigennutzes geworden sind. Dieses Gepräge ihres jämmerlichen Zustandes tragen denn auch ihre Scribenten, Prediger, Konsistorialräthe, Gemeindeverfassungen, Parnasim, Titel, Zusammenkünfte, Einrichtungen, Subskriptionen, ihre Litteratur, ihr Buchhandel, ihre Repräsentation, und ihr Glück und Unglück. Keine Institution, feut Herz und kein Sinn! Alles ist ein Brei von Beten, Mark Banko und Rachmones (Mildthätigkeitssinn), — nebst Brocken von Aufklärung und Chilluk (spitzfindigen Talmud-Disputationen)! — Nach diesem grausigen Umriß des Judenthums verlangen Sie wohl keine Erklärung, warum da der „Verein" sammt seiner „Zeitschrift" eingeschlasen, und sie eben so wenig vermißt werden, als die Tempel, Schulen und das Bürgerglück. Der Verein ist nicht an den Special- Vereinen gestorben, welches bloß die Folge eines Verwaltungsfehlers hätte genannt werden dürfen, sondern er hat in der Wirklichkeit nie existiert. Fünf bis zehn begeisterte Menschen haben sich gefunden, und, wie Moses, auf die Fortpflanzung dieses Geistes zu hoffen gewagt. Dies war Täuschung. Was allein aus diesem Mabul (Sündfluth) unvergänglich auftaucht, das ist die Wissenschaft des Judenthums; denn sie lebt, auch wenn Jahrhunderte lang sich kein Finger für sie regte. Ich gestehe, daß, nächst der Ergebung in das Gericht Gottes, die Beschäftigung mit dieser Wissenschaft mein Trost und mein Halt ist. Aus mich sollen jene Stürme und Erfahrungen keinen Einfluß haben, der mich mit mir selber in Zwiespalt bringen könnte. Ich habe gethan, was ich zu thun für meine Pflicht hielt. Weil ich gesehen, daß ich in der Wüste predigte, habe ich aufgehört zu predigen, doch nicht um dem Inhalt meiner Worte treulos zu werden." — Stettin, 8. April. (Or.-Corr.) Einer der am segensreichsten wirkenden Vereine hiesiger Gemeinde ist der „Israelitische Wohlthätigkeits- und Beerdigungs-Verein." Sein Name bezeichnet schon seine Thätigkcit, er bezweckt die praktische Bethätigung der echt jüdischen Menschen- und Nächstenliebe von der Wiege bis zum Grabe. Der soeben erschienene Jahresbericht für das letzte Rechnungsjahr giebt in seinen Ziffern davon einen Beweis, denn es wurden verausgabt: für Beerdigungen Mk. 1595.25, Unterstützungen Mk. 3878.45, Medicin Mk. 95.08, Remuneration an zwei Aerzte, dem Boten, Gärtner rc. Mk. 590.10 und eingenommen wurden an Beiträgen Mk. 3266, Spenden Mk. 1132.90, Beerdigungskosten Mk. 1530.35, Zinsen Mk. 222 und Eintrittsgeldern Mk. 126. Der Rechnungs-Abschluß stellt sich in diesem Jahre insofern etwas günstiger, als ein baarer Bestand von Mk. 588.46 für das neue Jahr verbleibt, während derselbe im Vorjahre nur Mk. 470.09 betrug. Dieses günstige Resultat kommt daher, daß in diesem Jahre an Spenden ca. 140 Mk. mehr eingegangen sind, ebenso sind für Beerdigungskosten ca. 450 Mk. mehr vereinnahmt. Dagegen wurden für Unterstützungen ca. 700 Mk. mehr verausgabt und vergrößert sich diese Position jährlich. Von Mk. 2784 im Jahre 1881 hat sich solche bis zu diesem Jahre um ca. Mk. 1100 erhöht und die Ansprüche an den Verein werden jährlich höher. Der Vorstand des Vereins ist schon längst auf höhere Einnahmen bedacht, um die Zwecke des Vereins in immer größerem Maße erfüllen zu können. Es liegt deshalb der demnächst stattfindenden General- Versammlung auch der Antrag des Vorstandes vor, die Taxen für Beerdigungen zu erhöhen. Nach dem Statut brauchten die Mitglieder des Vereins für Beerdigung eines Angehörigen nur 15 Mk. zu bezahlen, während sich die Selbstkosten des Vereins auf ca. 60 Mk. stellen. Der Antrag des Vorstandes geht nun dahin, daß Mitglieder die Selbstkosten und Nichtmitglieder einen höheren Betrag zahlen müssen. Wir können diesen Antrag nur billigen und hoffen und wünschen, daß die Generalversammlung ihm zustimmen wird. (Hier in Magdeburg ist dieser Modus längst im Statut festgestellt. Red.) Dresden im April. (Or.-Corr.) Seit Längerem bin nicht in der Lage gewesen, von hier aus fernere Leserkrese Jnteressirendes zu berichten, heute theile ich Ihnen einige Auszüge aus den nun zum großen Theile erschienenen Jahresberichten oer hies. jüd. Wohlthätigkeitsvereine mit. Die Beerdigungs- Brüderschaft hat einen Vermögensbestand von 8929,29; der Mendelssohn-Verein weist 171 Mitglieder aus, darunter Se. Majestät König Albert, Se. Königl. Hoheit Prinz Georg, Se. Excell. Ministerpräsident v. Fabrjce, Geh. Commerz.-Rath Mendelssohn in Berlin u. A. m. Es wurden M. 200 als Beitrag zum Mendelssohn-Denkmal gesandt. Vermögen: 25.114,89. In 1885 wurden unterstützt 2 Stud. d. Medic., 2 desgl. d. Philos., 1 Polhtechniker, 1 Conservatorist, 3 Gymnasiasten, 1 Gewerbeschüler, 4 Lehrlinge (je 1 Schneider, Schuhmacher, Schlosser und Buchdrucker) 1 Cartonnagenarbeiter, 1 Sch,leidergeselle zum Besuch der Akademie. 1 Frau z. Erlern, d. Frisirens und Damenschneiderei; 1 Mädchen zu letzterem mit ca. 2500 M. An der Spitze des Verwaltungsrathes steht der Ober-Rabbiner Or. Landau, der greise Seelsorger der Gemeinde. Von den beiden Instituten zur Kranken-Verpflegung und Unterstützung zählt ersteres 297 Mitglieder; Vermögen M. 61.854,69 und hat 3 Aerzte; das letztere hat 159 Mitglieder; Vermögen M. 15.800 und 1 Arzt. Der Frauen-Verein weist einen Vermögensbestand von M. 36.197,07 auf; er wurde im Jahre 1790 gegründet als „Kuppas Noschim", seine ersten Vorsteherinnen waren Esther Bondi (starb 1811), Ella Bondy (1836), Nanette Bondi (1857), Nanette Schic (1864), Dr. Bertha Beer (1874). Innerhalb des Vereins bestehen noch die Constanze Bondi-Stiftung 3000 M., sowie die im vorigen Jahre begründete Herminen-Stiftung von 1500 M., zu welchen indeß ca. 150 M. noch zugeflossen sind. Diese Stiftung ist für arme jüd. hier aufhältliche Kinder ins Specielle für Milchspenden rc. während der Sommerfecien. Schließlich noch der Bericht des Armen- und Fremden-Unterstützungs- Vereins, der 4868 M. verausgabte (2113 an durchreisende, 1912 an hiesige Arme). Hieraus ist wohl genügend ersichtlich, daß es an der Bethätigung des „praktischen Judenthums" hier auch nicht fehlt. Die anderen milden Stiftungen, wie Hachnosas Callah, Kaffe für verschämte Arme u. s. w., sind hierbei noch nicht einmal erwähnt. — Der Gemeinde-Jahresbericht erscheint nach dem Pessachfeste. Komvnrg v. d. K. (Or.-Corr.) Seit Beginn dieses Jahres sind in unserer Gemeinde zwei neue Vereine entstanden. Zur Erinnerung an den 100. Todestag Moses Mendelssohns wurde auf Anregung des Herrn Rabb. Or. Appel eine „Mendelssohn-Bibliothek" gegründet, deren Zweck sein soll, die Kenntniß der Lehre und Geschichte des Judenthums zunächst in jüdischen und daun auch in nichtjüdischen Kreisen zu verbreiten. Der Grundstock der Bibliothek wurde gebildet durch Schenkungen des von Herrn L. Lehmann im Jahre 1855 gegründeten Lesevereins (ca. 200 Bände), des Deutsch - israel. Gemeindebundes (ca. 60 Bücher und Broschüren) und einzelner Privatpersonen. Zahlreiche Neuanschaffungen wurden aus dem Vereinsfonds gemacht, der sich aus Beiträgen der Vereins Mitglieder, einer vom Mendelssohn-Leseverein und einer vom Talmud - Thora - Verein geschenkten Summe und einer Subvention des israelitischen Gemeindevorstandes zusammengesetzt; der Letztere sorgt auch