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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-04-15 · N° 16. (15.4.1886) · p. Seite 129

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 16. (15.4.1886)
Date
1886-04-15
Page
Seite 129 (sequence 3)
Language
German
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unserer Gemeinden auf dem Lande zu seinem Gelde kommen soll, aber verdient hat er's auch, warum nennt sich der Mann Bezirks-Rabbiner? Officiell giebt es in Mähren keinen solchen, nur in Böhmen, wo die Juden zerstreuter wohnen, giebt es wirkliche Bezirks-Rabbiner, in Mähren hingegen giebt es nur Gemeinde-Rabbiner. Der Mann beweist daher durch seine kleinliche Titelhascherei seine Zufriedenheit mit dem Titel in einem solchen Maaße, daß man ihm schon ein bischen Gehalt schuldig bleiben kann. Das ist auch eine wunde Stelle unserer Rabbiner, die Recla me sucht. Da kann man in den Lokalblättern jeden Tag lesen, am 15. d. feierte Herr Pinkeles seine Vermählung mit Fräulein Sprinzeles. Der Rabbiner hielt eine schwungvolle, begeisterte Ansprache. Am 16. d. starb der hochverehrte Obmannstellvertreter des Beerdigungsvereines, der Herr Rabbiner 36. hielt eine Ansprache, bei der alles von Rührung aufgelöst war. Am 17. feierte Herr Maräus Tenebes sein 25jähriges Vorstandsjubiläum. Der Rabbiner gedachte in schwungvoller Weise des Jubilars und alles war hingerissen, und wenn erst am 18. d. ein patriotisches Fest ist, dann kann man versichert sein, daß das jüdische und christliche Publikum von Krähwinkeluaus dem Kopfe stand vor lauter Entzücken und patriotischer Seligkeit. Dabei wird man bemerken, daß bei Anlassen allgemeiner Natur der Nabbinertitel gewöhnlich fortgelassen wird, wie dies auch aus den Werken der betreffenden Herren geschieht. Ein weiterer Mangel ist die oft niedrige Habsucht. Es ist ja wahr, unsere Rabbiner sind schlecht gestellt, aber sie verbessern sicherlich nicht ihre Lage, wenn sie fortwährend von schlechtem Verdienste reden. Wie muß das klingen, wenn der Herr Rabbiner fortwährend jammert: „Ich habe schon den ganzen Monat nichts verdient!" Wie sieht es gar aus, wenn ein solcher Herr sich von der Kanzel darüber Luft macht, daß einer, auf den er nahezu mit Fingern meist, ihm eine geringe Feiertagsspende schickt, wie endlich, wenn er eine Stiftung in der ungerechtfertigtsten Weise so interpretirt, daß der Löwenantheil auf ihn fällt. Ich will nicht läugnen, daß auch bessere Erscheinungen Vorkommen, doch zugestehen muß ich, daß eine Organisation, wie sie geplant wird, nur dann segensreich wirken kann, wenn der Stand sich selbst emancipirt, wenn er die schlechten Elemente entfernt, besonders diese schlechten Subjekte aus dem ungarischen Jeschiboth von sich weist, wenn er sich vornimmt, seinen Aufgaben voll und ganz Genüge leisten, dann, nur dann kann auch eine rechte wissenschaftliche Heranbildung uns ersetzen, was wir an wissenschaftlicher und sittlicher Tüchtigkeit an unseren Alten verloren haben. Dann wird man den künftigen Jüngern zurufen können das talmudische Wort: x^b “imn *]1D1 rcnxö m Iissacher Beer. Berichte und Corresporrdenzen. Deutschland. Magdeburg. Der frühere Ministcrialrath vr. Wiese, der im Jahre 1875 in den Ruhestand getreten ist, hat Lebenserinnerungen und Amtserfahrungen herausgegeben, deren zweiter Theil sich mit der amtlichen Wirksamkeit des Verfassers unter dem Minister Or. Falk beschäftigt. Einzelne Mittheilungen aus demselben dürften für die Leser der „Jsr. Wochenschrift" von besonderem Interesse sein. Geheimrath Wiese hat vier Ministern, wie er sagt, „gedient", außer Falk den Herren v. Raumer, v. Bethmann- Hollweg und v. Mühler. Bei keinem dieser verschiedenen Ministerwechsel ist nach Herrn Wiese das Neue mit solcher Schärfe dem Alten entgegentreten, tvie bei dem, in welchem Herr Falk den Herrn v. Mühler ablöste. Minister Falk machte, sagt Geheimrath Wiese, die Culturaufgaben zur Hauptsache. Die Volksschule betreffend, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als die sogen. „Regulative" zu beseitigen und an deren Stelle seine sogen. „Allgemeinen Bestimmungen" zusetzen. DerwesentlicheUnterschied zwischen den „AllgemeinenBestimmungen" und den „Regulativen" liegt. wie Wiesgichtig sagt darin, daß bei diesen die Religion im Mittelpunke des Schulplans stand und nun in die Peripherie gerückt ist: nicht mehr die christliche Erziehung fürs Leben erscheint als Hauptzweck der Volksschule, sondern die Unterweisung zu Kenntnissen und Fertigkeiten, weshalb auch auf den Unterricht in den Realien besonderer Werth gelegt ist". Im Interesse der Geistesbildung schuf Herr Falk auch, um die Herstellung mehrklassiger Schulen zu ermöglichen, an vielen Orten sogen, paritätische oder Simultanschulen, in welchen Religion und Erziehung in den Hintergrund traten. Auch auf dem Gebiete des höheren Schulwesens begünstigte Herr Falk die Herstellung von paritätischen Lehranstalten. Wie Geheimrath Wiese mittheilt, sah er den confessionellen Charakter der höheren Schulen auch durch die Anstellung einzelner jüdischer Lehrer nicht beeinträchtigt. „Die Einheit des Geistes im Lehrercollegium, sagt Wiese, als höchstes Erforderniß für den Erziehungsberuf der Schule war ihm im Vergleich mit den wissenschaftlichen Unterrichtsaufgaben das weniger Wichtige, und bei nachgewiesener Befähigung wollte er jüdische Schulamtscandidaten und Lehrer von keinem Unterrichtsgegenstande außer der christlichen Religion ausgeschlossen wissen. Es half mir nichts, fährt Wiese fort, daß ich darauf hinwies, wie der jüdische Lehrer schon in der Wahl der Aufsatzthemata beschränkt sei, ebenso wenig, daß ich auf die Eigenschaften der Schreib- und Darstellungsweise aufmerksam machte, welche den jüdischen Schriftstellern unserer Litteratur charakteristisch ist, und daß einer von ihnen, nämlich Lassalle, selbst gesagt hat, die Juden verdürben das Deutsche, auch nicht, daß in Schulverwaltungsberichten aus der Provinz Posen wiederholt über den Einfluß geklagt worden sei, der eine starke Mischung der Klassenfrequenz mit jüdischen Elementen auf die Sprach- und Schreibweise der anderen Schüler habe". „Der Minister", fügt Herr Wiese hinzu, „lachte darüber". Zu Mitgliedern der wissenschaftlichen Prüfungscommission für die Prüfung in der (protestantischen) Religionslehre ernannte Herr Falk wiederholt erklärte Mitglieder des Protestantenvereins. Als ihm einmal seitens gläubiger Räthe darüber Vorstellungen gemacht wurden, erwiderleer: „Wissenschaft ist Wissenschaft". Schade, daß dieser herrliche Mann, dessen Culturwerk eben jetzt durch die Gewalt der Umstände in dieBrüche geht,dem Cnltusministerium in Preußen nicht langer Vorstand. Ihm verdanken wir die Einführung des jüd. Religionsunterrichts in den Lehrplan der höheren Lehranstalten, freilich nur als facultativen Unterrichtsgegenstaud. Als wir in einer Audienz ihm den Wunsch vortrugen, dem wichtigen Gegenstand doch obligatorischen Character zu verleihen, und für die jüd. Abiturienten auch „jüd. Religion" als Prüfungsgegenstand aufzustellen, erwiderte er in seiner leutseligen Weife: „Ich begreife wohl die Berechtigung dieser Wünsche, i ch würde sie auch gern erfüllen, aber Sie ahnen nicht, auf welche „Frictioneri" ich stoße. Seien Sie vorderhand mit dem Erreichten zufrieden". — Wenige Monate darauf zog Herr Puttkamer in's Cultusministerium ein. Wir Israeliten haben allen Grund, Falk ein dankbares Andenken zu bewahren. Aerlin Schon Zunz klagte über den Mangel an Idealismus der Juden. In einem Briefe an Wohl will vom Sommer 1824 machte er seiner Enttäuschung über die erwartete Unterstützung seiner Reformbestrebungen Luft. Er schreibt: „Dahin bin ich gekommen, an eine Juden-Reformation nimmermehr zu glauben; der Stein muß auf dieses Gespenst geworfen und dasselbe verscheucht werden. Die guten Juden, das sind Asiaten, oder die (ihrer unbewußt) Christen, oder die Wenigen, wozu ich und noch ein paar gehören — sonst würde ich mich geschämt haben, so unbescheiden zu sein. Aber die bitterste Ironie kennt diese kindischen Konvenienzen

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