Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 16. (15.4.1886)
- Date
- 1886-04-15
- Page
- Seite 128 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 128 m ß L « - P f; £ -M | »3%*:? ' i; \t •1 schreiben und gemeinsame Züge jüdischer Individualitäten bedürfen im Unterricht der Berücksichtigung und müssen diese insbesondere bei dem jüdischen Lehrer finden. Wir werden die guten jüdischen Eigenschaften fördern, die schlimmen bekämpfen. — Es giebt ferner eine Methodik für den jüdischen Religionsunterricht und insbesondere den Unterricht im Hebräischen. Aber auch dies ist keine jüdische Methodik, sondern nur eine verständige Anwendung allgemeiner Unterrichtsgesetze auf die betreffenden Unterrichtsgegenstände, mit besonderer Berücksichtigung des Zweckes und Zieles — subjektiv und objectiv. Die Aufgabe ist immer die gleiche: Naturgemäße Entwickelung der Kindesseele durch den Unterricht, durch Erziehung und Gewöhnung. Gerade diese Aufgabe ist darum für den jüdischen Lehrer keine leichte. Er muß Pädagoge fein, die pädagogischen, didaktischen und methodischen Lehrsätze kennen und auf seinen Lehrgegenstand anzuwenden wissen, so anzuwenden, daß der Erfolg religiös - sittliches Leben ist. Die gesammte jüdische Lehrerschaft muß zusammenwirken, um diese praktisch-pädagogische und methodische Aufgabe zu lösen. Wenn darum nach der Berliner Schulmänner-Versammlung von orthodoxen Blättern behauptet wurde, daß ein jüdischer Religwnslehrer nur wenig zu wissen brauche von Pädagogik u. dgl., daß mäßiges sachliches Wissen und der gute Wille — heißt: die Frömmigkeit nach orthodoxen Begriffen — Alles sind, was einen richtigen Religionslehrer macht, so wissen wir, was wir davon zu halten haben. Das ist ja der Punkt, wo sich Stöcker, Stahl und Stiehl, die evangelische Augustconferenz und der Katholikentag mit den Stimmführern unserer Orthodoxie brüderlich finden, um vereint Arm in Arm das Jahrhundert in die Schranken zu fordern. — Wenn aber ein im Amte stehender jüdischer Seminar-Director Aehnliches behauptet, — und das ist von Herrn Dr. Stein in Cassel geschehen, wie unlängst zu unserem Erstaunen in diesen Blättern zu lesen war, — so wissen wir allerdings nicht, was wir davon halten sollen. Da hören wir ja ganz nagelneue Heilsverkündigungen, die für die Mitglieder einer Lehrervecsammlung gar sonderlich und nicht sehr erbaulich klingen mußten. Wozu denn Lehrerversammlungen? „Harmonie" soll in der Pädagogik wie in der Natur die Hauptsache sein. Zugestanden! Aber was ist denn darunter zu verstehen? Hat wohl der Herr Seminardirector läuten gehört von der „harmonischen" Ausbildung der menschlichen Körper- und Seelenkräfte und ist ihm diese die ganze Pädagogik, Erziehungs- und Unterrichtslehre? Oder meint er vielleicht das Fröbel'sche „Gesetz der Vermittelung der Gegensätze", was die geistvolle Interpretin Fröbellscher Erziehungslehre, Frau von Marenholz- Bülow, zuweilen „Harmonie" nennt? Oder schwebte ihm gar die (französische) Sophistin Sophie Germain mit ihren tiefsinnigen Betrachtungen im Sinne Herbarts über das „Gesetz der Harmonie" vor? Aber, was hat denn das Alles mit dem Religionsunterricht zu schaffen, der ja mit der Ausbildung der Körperkrüfte und mit vielem Andern nichts zu thun hat, auch wenn wir unter „Harmonie" nur die der Seelenkräfte verstehen? Und wenn „Harmonie" wirklich ein Ausdruck für ein „Bildungsideal" sein könnte — wie steht es dann mit den Unterrichtsprincipien und -Gesetzen? Ist „Ideal", Princip" und „Gesetz" einerlei? Das Alles ist ja viel geheimnißvoller, als (nach den Worten vr. Stein's) die „geheimnißvolle Kunst, zu der man jetzt die Pädagogik aufzubauschen pflegt". Zwar gehört immer (nach Or. Stein) zum guten Unterricht auch noch eine Kleinigkeit, nämlich Gesetzmäßigkeit und Ordnung, Erkenntniß des Zieles und Berstündniß der Mittel". Und sonst nichts, gar nichts; das ist ja Alles sehr leicht, Kinderspiel, wenn man nur „die Harmonie" hat! Wo bezieht man die denn? Da könnten ja unsere Brüder aus Open sich dieses Arcanum verschaffen und wären dann „wie der Wind so schnelle" Pädagogen und qualrficirte Religionslehrer! Wozu denn noch jüdische Seminarien? Doch wir hören noch mehr Neues, Apartes. „Pestalozzi hat (immer noch vr. Stein) Erziehung (!) und Unterricht (?) den Müttern (!?) übergeben wollen". Das ist eine große, folgenschwere, sozial-pädagogische Entdeckung, um die wir wahrlich den geehrten Herrn Entdecker beneiden. Aber Seminar- Director durfte der Erfinder doch nicht sein! Denn, wozu dann immer noch Seminarien für Lehrer? _ (Fortsetzung folgt.) Briefe aus Mähren. Von einem alten mährischen Baal-Bajis. II. Ich hätte nun über die wissenschaftliche Fähigkeit unserer Rabbiner etwas zu sprechen. Leider bin ich bei der Einseitigkeit meiner Erziehung wenig in der Lage, die Sache so gründlich zu behandeln, wie ich mir sie denke, doch das ist uns Allen klar, daß der große Theil unserer Rabbiner meint, uns Alten mit ein paar irgendwo aufgegabelten Chiddufchim zu imponiren. Da hat einer die Erfindung gemacht, daß man den Schirm am Sabbath über der Glocke so zusammenbinden könne, daß ein Zelt beim Aufspannen nicht entsteht. Ein anderer weiß eine Abhandlung auswendig, in der gerechtfertigt wird, daß man Freitag Abend in der Synagoge Kiddusch macht, obwohl man doch auch hier besorgen könnte, daß man den Wein über die Gasse trüge, es wäre demnach ebenso zu verbieten, wie das Schofarblasen und das Schütteln der Lulab am Sabbath. Ein dritter, der Rabbiner einer größeren Stadt, die jetzt einen Gottesdienst mit Orgelbegleitung einführen will, beschwichtigt mein Bedenken mit dem Hinweise, daß Rabbi Mose Jsserles gestattet, am Sabbath Instrumente zu spielen, weil wir nicht im Stande seien, dieselben im Falle der Beschädigung zu verbessern. Ich habe ihm geantwortet: Herr Doctor, ich finde im Gottesdienste meine Erbauung, wie ich es seit mehr als 60 Jahren gewohnt bin, ich kann aber begreifen, daß eine Generation mit anderer Geschmacksrichtung anderer Art Erbauung bedarf, lächerlich muß ich es jedoch finden, mit derartigen halachischen Subtilitäten die Welt ködern zu wollen. Ihr Gewissen wird durch einen Rabbi Mose Jsserles nicht beruhigt, Sie wollen also offenbar durch dieses Laviren nur alle Welt zu gut Freund halten. Der wissenschaftliche Ernst geht Ihnen ab. Die Bibel schlagen Sie nur aus zu Zwecken der Predigt, die talmudischen Werke, wenn sie etwas schreiben wollen, und alles Andere ist ihnen gleichgiltig. Bei diesem Uebelstande muß hervorgehoben werden, daß diese Exemplare bei uns immer seltener werden doch liefern die ungarischen Jeschiboth, das Erbstück des zelotischen R. Mose Sofer, noch immer Material genug an Bachurim, die von der Jeschibah durchbrennen, dann nach Wien oder in irgend eine deutsche Stadt gehen und von dort plötzlich als Üoot.ors8 philosophiae alle Gemeinden mit ihren Offerten nnficher machen. Weil sie die Jeschibah besucht haben, halten sie sich für große Talmudisten, und weil sie lesen und schreiben können, für große Gelehrte. Das scheint mir der schlimmste Krebsschaden des rabbinischen Standes zu sein, denn Männer, welche beruflich nicht genügend vorgebildet sind, können nicht sittliche Charaktere sein, sie müssen an dem Widerstreite zwischen den großen Aufgaben ihrer Stellung und ihrem schwachen Vermögen diesen zu genügen, sittlich zu Grunde gehen. Dieser Mangel sittlichen Könnens ist das allerschlimmste Nebel und leider bei unfern Rabbinern nicht selten. Da hört man den einen nur über seine schlechten Vermögensverhültnisse jammern. So haben Sie, Herr Redacteur, kürzlich eine Correspondenz aus meinem engeren Vaterlande gebracht, wo einer einen Bezirksrabbiner, Prediger und Religionslehrer kennen will, dem man für mehrere Monate das Gehalt schuldig geblieben ist. Mir thut der Mann leid, denn es ist schwer zu sagen, wie er bei der stets zunehmenden Verarmung