Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 15. (8.4.1886)
- Date
- 1886-04-08
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 128 — wohl Gegner des Antisemitismus, dennoch sagen müsse, daß das Kol-Nidre bedenklich sei, weil es zu der irrthümlichen Auffassung Veranlassung gebe, als ob darin für zu leistende falsche Eide Dic-pens erbeten werde. Der Angeklagte habe jedenfalls im guten Glauben den inkrimirten Satz geschrieben. Das Gericht lehnte die Anträge des Vertheidigers, die Herren Or. Ecker - Münster oder Professor Gildemeister - Bonn als Sachverständige zu laden, ab, da es sich nur darum handle, ob in dem betreffenden Passus der Begriff der Beschimpfung zu finden sei. Der Staatsanwalt Deppe fand diese Beschimpfung darin, daß die Behauptung, die Juden, also eine mit Korporationsrechten ausgestattete Religions - Gesellschaft, glaubten einen Meineid in Rücksicht auf den religiösen Dispens straflos leisten zu können, geeignet sei, dieselbe verächtlich zu inache». Das angeklagte Blatt sei ein Lokalblatt für das Fürstenthum Bückeburg und nächste Umgegend; hier gebe es keine Juden, die es mit dem Eide leichter nehmen, als Christen, und eme Aeußerung, wie die inkriminirte, sei geetgnet, den konfessionellen Frieden zu stören. Das bedaure und verurtheile er und beantrage, den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe z» verurtheilen. Der Vertheidiger, Rechtsanwalt Dr. Freudenstein - Hannover, nimmt für den Redacteur einer konservativen Zeitschrift das Recht in Anspruch, alle Schäden unseres Öffentüctien Lebens zu besprechen. Das Reichsgericht habe in mehreren Erkenntnissen entschieden, daß eine herbe Kritik noch keine Beschimpfung sei. wenn nicht schmähende Form hinzukomme. Materiell wolle er nur bemerken, daß doch n o torisch (?) die Juden einen unverhältnißmäßig hohen Prozentsatz zu Meineidsprvzessen stellen. Der Gerichtshof zog sich für kurze Zeit zurück und verkündete das Urtheil, welches auf kostenlose Freisprechung lautete, weil er keine Beschimpfung m dem Art. fand, es sei deshalb gleichgiltig, ob der geäußerte Verdacht gerechtfertigt sei oder nicht. Königsberg i. Zkr. Am 18. Juni 1886 sind 25 Jahre verflossen, seitdem das israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz zu Königsberg i. Pr. gegründet worden ist. So gestaltet sich denn der uns vorliegende 25. Jahresbericht zu erner Festschrift, die uns die geschichtliche Entwickelung der Anstalt vor Augen führt. Der Gedanke, heißt es in dem Bericht, in der hiesigen Gemeinde eine Waisenanstalt zu gründen, war schon seit Jahren rege, ohne daß seiner Ausführung näher getreten worden. So hatte namentlich der Kaufmann Julius Schönlank im April 1859 Herrn M. S. Magnus die Summe von 1000 Thalern mit der Bestimmung übergeben, „das betreffende Capital bis zur Begründung eines israelitischen Waisenhauses in hiesiger Gemeinde zinsbar anzulegen" und hierdurch wohl den änßeren Anstoß zu Inangriffnahme des Werkes gegeben. Denn im Februar 1861 erließen die beiden durch ihr gemeinnütziges Wirken aus diesem Felde unvergessenen Männer: Manuel Samuel Magnus und Heinrich Wilhelm Wiener eine warme „Aufforderung zur Theilnahme an der Begründung eines israelitischen Waisenhauses". In kurzer Zeit war eine verhältnißmäßig beträchtliche Sunume •— 4660 Thaler einmalige Geschenke und 408 Thaler Jahr sbeiträge von 64 Mitgliedern — gezeichnet. So in seinen Anfängen gesichert, wurde am 18. Juni 1861 ein Pensionat mit 4 Knabe» in der Wohnung des ersten Jnspectors, des Rcligionslehrers Valentin Wtener, m feierlicher Weise eröffnet. Der erfreuliche, über Erwarten glückliche Erfolg ermuthigtc die beiden edlen Männer, denen sich bald andere Freunde zugesellten, zu rüstigem Vorwärtsschreiten, und so sehen wir denn schvlt im Laufe des nächsten Jahres das Ziel, das ihnen vorgeschwebt, erreicht, konnten sie ihre Befugnisse in die Hand eines Vorstandes niederlegen, dem sie ein fest gegründetes, in seinem Bestände gesichertes, mit staatlich geuehmigteit Statuten und CorporationSrechten ausgestattetes Jnjmut, mit einem eigenen Anstaltsgebäude, einem Vermögensstande von 10,000 Thalern von 203 Mitgliedern, welche ca. 700 Thaler regelnräßige Jahresbeiträge repräsentiren, übergaben. Wahrlich eilt ermuthigetider, vielversprechender Anfang! Mit der Zahl der Mitglieder und den durch Geschenke und Legate sich mehrenden Mitteln immer mehr in ihrem Bestreben gefestigt, dehnte sich ihr Wirkungskreis fortwährend aus und so zählte die Anstalt 1870 bereits 12 Zöglinge. Em bedeutsamer Wendepunkt trat 1871 ein durch die Errichtung einer Mädchenstalion und durch die Erwerbung eines neuern Anstaltsgebäudes. Diese Erweitung war ermöglicht worden durch die Munificenz des Geheimrath Simon'schen Ehepaares. Dasselbe überwies der Anstalt 30.000 M. mit der einzigen Bestimmung, fortan auch weibliche Zöglinge aufzunehmen. Demgemäß wurde am 1. Mai 1871 die Mädchenstation mit 4 Zöglingen eröffnet. Ursprünglich nur für die Stadt Königsberg berechnet und fast ausschließlich durch Beiträge und Liebesgaben aus derselben gegründet und erhalten, hatte der Vorstand dennoch seinen Wirkungskreis nicht engherzig beschränken zu dürfen geglaubt und. soweit es ihm möglich geworden, auch Waisen aus der Provinz Aufnahme bewilligt, bis im Jahre 1877 die Auflösung des Schippenbeiler Instituts erfolgte und unsere Anstalt die letzten vier dort noch vorhandenen Waisen übernahm und mittelst allerhöchster Genehmigung sich nunmehr zu einem „Israelitischen Waisenhause für Stadt und Provinz" umwandelte. Der Verkauf des dortigen Anstaltsgebäudes deckte gerade die auf demselben haftenden Schulden, der Restbestand des Vermögens — Mk. Einundzwanzigtausend — ging in den Besitz unserer Anstalt über. Mittelst Cirkulars wurde den Provlnzgemeinden von der Verschmelzung beider Anstalten Mittheilung gemacht und dieselben zum Beitritte aufgefordert, wenn auch nicht mit dem gewünschten Erfolge. Der Bericht gedenkt dann in wehmüthlger Erinnerung Derer, die das Werk gegründet und in Liebe gefördert und seitdem dahingegangen sind in das Reich der Seligkeit, der Herren Heinrich Wilhelm Wiener. Manuel Samuel Magnus, Levin Börnstein, Commerzienrath I. Bernstein, Stadtrath Simon und Jacob Mecklenberg und der Ehrendamcn Frau Sophie Davidsohn und Frau Henriette Mecklenberg. Ein besonders dankbares Andenken weiht die Anstalt ihrem Heimgegangenen Arzte vr. Benno Samuelsohn. Diesen schmerzlichen Erfahrungen gegenüber können wir aber auch auf sichtbare Zeichen der Gottesliebe Hinweisen. Der Anstalt ist es vergönnt, noch heute, nach fünfundzwanzig Jahren, drei Männer im Vorstande zu sehen, die schon bet der Gründung als Mitglieder des ersten Vorstandscollegiums eingetrcten waren und die ganze Zeit hindurch ihres Amtes treu und hingebend gewaltet haben: Di*, med. Adolph Friedländer, Geh. Commerzienrath Moritz Simon, Stadrrath Jacob Theodor. Ebenso waltet noch heute Frau Cäcilie Gerber, die als erste Ehrenmutter eingetreten, zur Stuude ihres Amtes in Hingebung und Treue, und nicht minder dürfen wir hoffen, daß der Tag der Jubelfeier eine stattliche Schaar Derer vereinigen wird, die, einst Zeugen der Grundsteinlegung, sich jetzt ihres eigenen, so herrlich gediehenen Werkes freuen dürfen. Augenblicklich befinden sich in der Anstalt 17 Knaben und 6 Mädchen. Die Einnahmen pro 1885 betrugen M. 54,830.88, die Ausgaben M. 56,901.14, mithin eine Mehrausgabe von M. 2070.26, in Folge des Baues einer massiven Mauer. Das Vermögen der Anstalt beträgt M. 141,485.43. Wir schließen uns dem Wunsche des Jahresberichts an: Möge die Anstalt auch fernerhin getragen sein von dem Schutze Gottes und von der Liebe der Menschen. Oesterreich-Ungarn. Wrün«, den 31. März. (Or.-Corr.) Diese Woche fand die Sitzung der Delcgirten und des Curatoriums des mährisch-jüdischen Landcsmassafonds statt. Dem verlesenen Berichte entnehmen wir. daß das Ertrügniß sich auf 43,999 fl. 96 y2 kr. beläuft. Davon wurden verwendet 12.840 fl. für Schulen, 11.250 fl. als Subventionen an Gemeinden, 11.610 als Personalunterstützungen, 2645 fl. für verschiedene Bil-