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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-04-08 · N° 15. (8.4.1886) · p. Seite 122

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 15. (8.4.1886)
Date
1886-04-08
Page
Seite 122 (sequence 4)
Language
German
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122 — wenigen Juden, die sich dennoch wieder in Wittenberg niedergelassen, wurden unter Friedrich dem Sanftmüthigen (1428 bis 1464), den seine Gemahlin Margaretha, des Kaisers Friedrich Schwester, dazu bestimmte, und zwar diesmal auf „ewige Zeiten" ausgewiesen. Diese Ewigkeit hat denn auch volle 400 Jahre gehalten, keinen Juden wurde der dauernde Aufenthalt in Wittenberg gestattet, und noch Ende der fünfziger Jahre wurden zwei jüdischen Geschäftsleuten, die sich hier ankaufen wollten, die Niederlassungsgesuche zurückgewiesen. Erst als das Frcizügigkeitsgesetz die kurfürstlich sächsische „Ewigkeit" durchlöcherte, trat ein jüdischer Bankier hier auf. aber er brannte schon nach sehr kurzer Zeit mit 70,000 Thalern ihm anvertrauter Gelder nach Paris durch. Den fünfhundertjährigen Bann aber hatte er gebrochen, sein Beispiel der Niederlassung hat seit den 60 er Jahren wiederholt Nachahmung gefunden, so daß augenblicklich vi er Judenfamilien hier wohnen, die sich der ganzen Achtung ihrer christlichen Mitbürger erfreuen. Aus Aürty erhielten wir den jüngsten Berwaltungs- Bericht über die Gabriel Rießer-Stiftung, die aus kleinen Anfängen: 800 Guld. Gründungscapital im Jahre 1866 herangewachsen, nach nunmehr 20 Jahren ein Gesammtvermögen von 17,381 Mk. besitzt und bereits 21970 Stipendien an 184 Studirende der verschiedensten Facultäten in Portionen von 30 bis 350 Mk. vertheilt hat. Die Einnahmen im letzten Jahre beliefen sich auf 5693 Mk., die Ausgaben auf 5055 sich beliefen. Im letzten Jahre waren 27 Bewerbungen eingegangen, von denen 21 die nöthige Berücksichtigung fanden. Die Stiftung wird von einem Vorstande verwaltet, der zur Zeit aus 17 Herren besteht, davon 13 aus Fürth, 3 aus Nürnberg, 1 aus München. — Auffallend ist und bleibt es, daß die bayerischen Gemeinden dieser ihrer spezifisch bayerischen Stiftung, (die in Fürth ihren Sitz hat, weil in Fürth die Mutter Gabriel Rießers beerdigt liegt, zwei Schwestern Rießers zu Fürth wohnten, und in der Gemeinde Fürth, seinerzeit der Vorkämpfcrin für die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Bayern, verhältnismäßig mehr persönliche Freunde und Verehrer Gabriel Rießers lebten, als irgendwo anders) so geringe Unterstützung zutheil werden lassen. Außer Fürth, Nürnberg und München haben nur noch Augsburg und Regensburg einen Beitrag von je 50 Mk. der Stiftung zukommen lassen. Der Bericht äußert sich im Schlußwort mit berechtigtem Unwillen darüber wie folgt: „Immer noch steht der nämlichen Opferwilligkeit auf einzelnen Seiten das passive Verhalten der Mehrzahl unserer Glaubensbrüder in Bayern gegenüber, und darum ist auch die Stiftung noch lange nicht imstande, das vollauf zu leisten, was sie sich als ihr Ideal vorgesetzt hat. Dies wird vielmehr erst dann der Fall sein, wenn die sämmtlichen israel. Cultusgemeinden in Bayern sich wetteifernd an der Stiftung betheiligen. So gut die Stiftung sich vielfach bereits in solchen Kreisen Freunde und Gönner erobert hat, die ihr anfangs rheilnahmslos gegenüberstanden, so gut ist die Hoffnung gerechtfertigt, daß auch jene Cultusgemeinden, die bis jetzt immer noch nichts von der Stiftung wissen wollen, über kurz oder lang doch noch der im Namen Gabriel Rießers gestellten und immer eindringlicher wiederholten Bitte staltgeben." Aus Wpreutzen. In der „Litauisch-litterarischen Gesellschaft", deren Vorsteher die Königsberger Professoren Beppenberger und Lohmeyer sind und die Mitglieder an allen Universitäten, selbst in Oxford, Upsala re. zählt, hielt jüngst Herr Fr jede b erg jun. einen Vortrag: „zur Geschichte der Juden in Litauen im 14.—17. Jahrhundert", der sehr viel des Interessanten bot. Er bemerkte einleitend: In den Archiven des dirigirenden Senats in Petersburg sind neuerdings eine Reihe von Urkunden über die ältesten Ansiedelungen der Juden in Litauen aufgefunden worden. Das älteste Document unter denselben ist ein Privileg des Litauerfürsten Witowd vom 24. Juni 1388 für die unter ihm angesiedelten Juden. Witowd hatte von seinen Feldzügen aus der Krim mehrere Hundert jüdische Familien mitgenommen, die sich zu dem in der Krim vorherrschenden karaitischen Zweige des Judenthums zählten und deren Nachkommen noch heute in Troki am Niemen bei Kowno rc. existiren. Litauen war im 15. und 16. Jahrhundert Hauptsitz der literarischen Kultur der Karaiten so daß Professor Rittangel aus Königsberg die Reihe der zahlreich nach Litauen reisenden Professoren eröffnete, die sich dort mit dem Studium dieser Ansiedelungen beschäftigten. Das Privileg Witowds war das deutsche des Bischofs von Speier vom Jahre 1084. Die Juden standen darnach unter der Jurisdiktion der Starosten, waren darin also dem Adel gleich. Kasimir und Jagello ertheilte den Juden von Troki das Magdeburger Recht 1441. Schon als im 13. Jahrhundert die deutsche Civilisation über weite Strecken slawischer und altpreußischer Lande zog, Schlesien von derselben ergriffen ward, war das Deutschthum in das innere Leben Polens vorgedrungen. Die Juden kamen und standen mit dem deutschen Element. Von den Rhein- und Maingegenden, von Bayern, Schwaben, Böhmen und Oesterreich kamen Schaaren jüdischer Familien, bereit Namen, Art und Sprache noch heute auf den deutschen Ursprung Hinweisen. Im Familienkreise, im Lehrhause rc. behielten die Juden in Litauen neben dem Hebräischen das Deutsche als eine zweite heilige Sprache. Die häufigen Synoden der Dissidenten in Polen gaben das Muster für die Errichtung einer jüdischen „Bier Länder-Synodc" für Großpolen, Kleinpolen, Rußland und Litauen. Die Urkunden dieser Synode sind entweder in jüdisch-deutscher Mundart oder in hebräischer Sprache abgefaßt. Die Synode hatte auch die Büchercensur und Kraft derselben privilegirte sie 2 jüdisch-deutsche Bibelübersetzungen, die zur Ausbreitung der deutschen Sprache im Osten ebensosehr beitrugen, wie die Lesebücher für Frauen und dergl. In Brest, Wladimir u. a. O. bestanden talmudische Akademien. Diese eigenartige vielversprechende Kulturentwickelung wurde durch den Aufstand der Zaparoger Kosaken in der Mitte des 17. Jahrhunderts vernichtet. Dreitausend littauische Juden entkamen auf Schiffen nach Texel in den Niederlanden. Zu Tausenden wurden Edelleute, Geistliche und Juden, an denen die tatarischen Horden ihre Wuth kühlten, nicdergcmetzelt. Für das bei dem Mangel großer Heerstraßen und bedeutender Handelsplätze noch heute unkultwirte Litauen wurden die Juden im Laufe der Jahrhunderte ein unentbehrlicher Faktor für Handel und Verkehr. Ja, ein unparteiischer Beurtheiler, I. v. Dorneth, sagt geradezu noch für die neueste Zeit: „Für Volksschulen haben die polnischen Edelleute in Littauen nur wenig gesorgt, so blieben dem litauischen Bauer von Generation zu Generation als einzige Vertraute und Bildungsinterpreten der Jude und der katholische Priester". Eine der interessantesten Quellen für den in Rede stehenden geschichtlichen Abriß ist eine Studie des Feldmarschalls Moltke, durch welche die kulturhistorische wichtige Stellung der Juden im äußersten Osten Europas, nördlich des Schwarzen Meeres, ebenfalls bewiesen wurde. Aückebnrg, 2. April. Vor der Strafkammer wurde gestern die Anklage verhandelt gegen den Redacteur der konservativen „Schaumb.-Lipp. Landesz.", Hans Leuß, wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschast. Im Mai 1885 erschien in der gen. Zeitung ein Artikel, in welchem es für bedenklich erklärt wurde, daß bei der Eidesleistung der Juden der Rabbiner nicht mehr zugezogen werde, „obwohl der begründete Verdacht vorliegt, daß die Juden sich fürfalsche Eide religiösen Dispens erholen zu können glauben". In den letzten Worten fand der Synagogenvocstand von Obernkircheneine Beschimpfung derjüdischenReligionsgcsellschast und denuncirte Herrn Leuß bei der Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft lehnte zunächst die Verfolgung der Sache ab; aber schließlich auf erfolgte Beschwerde bei der Oberstaatsanwaltschaft wurde die Anklage erhoben. Prof. Herm. Strack-Berlin hat in einem Gutachten erklärt, daß er, ob-

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