Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 15. (8.4.1886)
- Date
- 1886-04-08
- Page
- Seite 124 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 124 — J / dungsmistalten und 400 fl. als Stipendien, auf neue Rechnung vorgetragen wurden 4400 fl. Dem Vereine „Proseminar", welcher demnächst erst in's Leben treten sott, wurden 600 fl. auf fünf Jahre zugesichert. Betrachten wir diese Ziffernreihe, so müssen wir gestehen, daß zunächst das Kapitel „Schulen" sich nicht angreifen läßt, die Gemeinden auf dem Lande wären heute nicht mehr fähig ihre Schulen zu erhalten, wenn sie diese Unterstützung nicht erhielten, auch die Subventionen an die Gemeinden könnten nicht gut aufgelassen werden, die meisten mährischen Gemeinden verlieren von Jahr zu Jahr an Mitgliedern, die Zurückbleibenden verarmen immer mehr und mehr, trotzdem haben die Gemeinden Verpflichtungen gegen ihre Cultusbeamten, sie müssen ihre Baulichkeiten erhalten und für ihre religiösen Bedürfnisse sorgen, es ist demnach nur billig, daß sie in ihrer Bedrängnis; unterstützt werden, obwohl nicht zu leugnen ist, daß es auch hier richtiger wäre, wenn man die längst aufgelösten Gemeinden, die selbst in ihrer Glanzperiode nicht einmal zehn Familien zählten, ihrem Verfalle überließe und lieber trachten würde, den neuaufstrebenden zu Helsen. Am schlimmsten sieht es mit den Personalunterstützungen aus. sie sind der künstlich großgezogene Bettel. Die Cultusbeamten sind genöthigt, von Jahr zu Jahr um die Verleihung der Subvention nachzusuchen, wodurch diese den Charakter eines Almosens erhält, während es viel vernünftiger wäre, den Betreffenden nach Verhältniß der Dauer ihrer Dienstleistung diese Zulage zu erhöhen, ihnen eine Altersversorgung zu schaffen und ihren Hinterbliebenen einen Pcnsionsfond zu sichern. Ueberdies werden viele Dajanim, Schächter und ähnliche Leute, sowie deren Wittwen unterstützt, deren Unterstützung wohl ein wohlthätiges Werk sein mag, aber mit der Förderung jüdischer Cultusangelegenheiten nichts zu schaffen hat. Endlich ist die Summe von 600 fl. für das zu gründende Proseminar eine lächerlich kleine, wenn auch der Verein gegenwärtig schon über Jahresbeiträge und Stiftungserträgnisse von 1500 fl. verfügt und überdies über eine Reihe von Stipendien verfügen kann. Trotzdem wäre es nöthig gewesen, eine höhere Grenze zu ziehen. Besonders wäre es nothwendig gewesen, für die erste Einrichtung, Bibliothek rc. Fürsorge zu treffen. Es fehlt leider an dem nöthigen Verständniß dafür, daß große Ziele nicht mit kleinlichen Mitteln zu erreichen sind. Stat pro ratione voluntas. Großbritannien. London, Ende März. (Or.-Corr.) Ein Gegenstand der augenblicklich in den hiesigen jüdischen Kreisen lebhaft besprochen wird und die Aufmerksamkeit selbst nichtjüdischer Blätter auf sich gezogen hat, ist die von der hief. portugiesischen Gemeinde beabsichtigte Demolition ihrer in der City gelegenen alt-ehrwürdigen Synagoge. Der Umstand, daß diese über zweihundert Jahre alt ist und zur Zeit gebaut wurde, als die ersten Juden in England sich wiederniederlassen durften, nachdem sie lange vorher aus dem Lande vertrieben worden waren, verleiht ihr ein besonderes geschichtliches Interesse. Damals wohnten nun die wohlhabenden Mitglieder der portugies. Gemeinde in der City, wo sie zugleich auch ihre Geschüftslocale hatten, und in Folge dessen war die Lage der fraglichen Synagoge eine recht passende und bequitzie. In neuerer und neuester Zeit aber, da fast alle wohlhabenden portugiesischen Familien nach dem Westen von London übersiedelt worden sind und daselbst bereits eine geräumige Synagoge besitzen, so erachten viele derselben die Existenz der alten Synagoge in der City für überflüssig und ftimmen für die Demolition derselben. Anderseits giebt es aber nicht wenige, die der Ausführung einer solchen Absicht mit Entschiedenheit opponieren und meinen, man müßte schon aus Pietät die fragliche Synagoge a tout prix aufrecht zu erhalten suchen, selbst wenn ihre Berechtigung zur weiteren Existenz augenblicklich in Frage gestellt ist. Es ist nicht unsere Sache, irgend ein Uriheil in dieser schwebenden Streitfrage zn füllen, doch wäre cs wünschens- Werth, wenn jene Partei siegte, die für die Beibehaltung eines wichtigen Monuments jüd.-englischer Geschichte stimmt. In dieser Synagoge verrichteten einst ihre Andacht Männer von großem Ruf und Ansehen, wie die Lopez, die Ricardo's, die Bern als, und last but not 1sa»t, die beiden D'Jsraeli's; und wären seiner Zeit die Vorsteher der portugies. Gemeinde Männer von Tact und praktischer Weltanschauung gewesen, wer weiß, ob nicht jene Familien dem Judenthume erhalten worden wären. Von Disraeli oder Lord Beakensfteld sprechend, so ist es interessant zu hören, wie er, obschon er dem Judenthume ganz fern stand, dennoch stets von bedeutenden Engländern als dem Stamme Israels angehörend bezeichnet wird. Bei Besprechung der schmählichen Judenhetze in Deutschland schrieb jüngst ein bekannter englischer Schriftsteller wie folgt: „Was man auch den Juden der Gegenwart vorwerfen mag. so läßt sich doch nicht leugnen, daß im jetzigen Jahrhundert?wei Männer ihren: Stamme entsprossen sind, die auf zwei verschiedenen Gebieten Epoche machten. Dies waren Benjamin Drsraeli und Heinrich Heine. Der Eine war der größte Staatsmann, der Andere der größte Dichter seines Jahrhunderts". Daß man hier zu Lande Lord Beakensfield soviel Bewunderung und Achtung zollt, ist ganz natürlich, da er fast allgemein als der Hersteller des englischen Prestige auf dem Continente angesehen wird. Daß aber auch die Zahl der Bewunderer Heine's, oder vielmehr seiner poetischen Erzeugnisse, mit jedem Jahre auch hier an Ausdehnung zunimmt, muß den befremden, der da weiß, wie wenig Liebe Heine für den Engländer im Allgemeinen in seinen Schriften bekundete. Folgender Auszug aus einem kürzlich hier erschienenen Essay über Heine von Mattew Arnold, einem der größten lebenden Dichter und Gelehrten Englands, dürfte vielleicht die Leser dieser Blätter interessiren. Daselbst heißt es unter Anderem: „Heine besaß den Geist GriechsK-tands sowohl als auch den Judäa's; dieser griechisch-jüdische Geist umfaßt das Unendliche, und dies ist's ja wonach jede Poesie und Kunst strebt. Sein griechischer Geist zeichnet sich durch Schönheit, sein hebräischer hingegen durch Erhabenheit aus. Durch seine Vollkommenheit in der literarischen Form und durch seine Liebe für Klarheit und Schönheit ist Heine ein Grieche; aber durch seine Intensität, seine Unbezwinglichkeit und seine Sehnsucht nach dem, was in Worten nicht ausgedrückt werden kann, ist er ein Hebräer". Rußland. Hfetersburg Zwei Rabbiner, L. Seidiner in Pultawa und M. Kupzaw in Taraschtscha, erhielten Auszeichnungen für besondere Verdienste von der Regierung. Ersterer starb bald nach der Decoration eines plötzlichen Todes. — Kumberland und Bischof haben einen gefährlichen Rivalen in der Person eines unserer Glaubensgenossen, Herrn Feld mann aus Cherson, der ohne jede Berührung, durch bloße Blicke alle Kunststücke der Gedankenleser executirt. Petersburg. Im Hause des Herrn Baron Naphtali Ginzburg pflegen alljährlich im engeren Kreise Vorträge von Koryphäen der Wissenschaft gehalten zu werden. Dies Jahr hielt der älteste Sohn desselben, Baron David Ginzburg, einen Vortrag über „Die Araber vor Mohammed". Ein Manuscript der Poesien Alkansa'S befindet sich in der Hausbibliothek des Herrn Baron. Sikara (Rußland). Einem hiesigen Bauern, dessen Sohn schlimm erkrankt war, wurde gerathen, von den Thoren des jüd. Schankwirthes die „Mezuzoth" heimlich zu nehmen, sie zu verbrennen und die Asche in Wasser dem Kranken einzugeben. Der um das Leben seines Kindes geängstigte Vater befolgte den Rath, aber, leider! ohne Erfolg: sein Sohn starb. Run heißt es, daß die Profanirung des Heiligen den Tod verschuldet habe. Arme Menschen, die aus der Scylla des Aberglaubens in die Charybdis kommen! —