Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 15. (8.4.1886)
- Date
- 1886-04-08
- Page
- Seite 121 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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121 Verletzungen religiöser Gebote Vorkommen, aber in vielen Fällen merken die Gemeinden, daß es ihren Rabbinern bei der Vertheidigung des religiösen Herkommens nur um die Erfüllmlg einer Standespflicht zu chun, daß es ihnen nicht Herzenssache ist. Ein Beispiel: Ein Freund, den ich vor einigen Jahren besuchte, theilte mir mit, daß der Schochet jenes Ortes sich grobe Unzukömmlichkeiten erlaube, er hatte im Finstern geschlachtet, das Blut nicht bedeckt, das Messer nicht untersucht. Ich machte den Rabbiner — er ist glücklicherweise nicht mehr in Mähren — darauf aufmerksam, er versprach Abhilfe, aber der Uebelstand dauerte fort. Ich intervenirte noch einmal mit denselben Beschwerden, worauf mir die Antwort zu Theil wurde: „Wie können Sie von einem Doctor der Philosophie verlangen, daß er um solcher Dinge willen einen Familienavter brotlos mache." Allein dieses Verfahren rächte sich gar bald von selbst. Eines schönen Tages wollte die Gemeinde einen Cantor und Schochet aufnehmen. Sie that es, ohne Verständigung mit dem Rabbiner zu suchen. Der Herr Doctor, darüber sehr ungehalten, bestand auf seinem Rechte, den Mann vorher als Schächter zu prüfen. Der Vorsteher erwiderte: „Das ist höchst überflüssig, denn der Mann ist einmal ausgenommen und daran kann nichts geändert werden." Auf's Aeußerste gekränkt, replicirt der Herr Doctor: „Es thut mir wehe genug, daß. wir unter dem letzten Schochet drei Jahre hindurch trcfa gegessen haben." „Nun," meinte der Vorsteher, „haben wir drei Jahre hindurch trefa gegessen, können wir es weiter auch." In einem andern Falle will der Rabbiner nicht dulden, daß eine Beschneidung im Tempel vorgenommen werde, das ist „sittlich anstößig". Wo in aller Welt, fragen wir, hat ein Seelsorger die Ceremonie seines Cultus für anstößig gefunden und wenn die öffentliche Vornahme dieser Function anstößig rst. so ist, sagt sich das Publikum, die Sache überhaupt anstößig. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Merlin. Ende März. In der Generalversammlung der Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im Preuß. Staate stattete am 27. März deren Vorsitzender, Herr Professor Dr. H. Breslau, Bericht über die Thütigkeit pro 1885, wonach von ihr 84 Lehrlinge bei verschiedenen Handwerksmeistern untergebracht und von 4 Handwerksmeistern als Jnspectoren beaufsichtigt sowie über deren Besuch der Fortbildungs-, Fach- und Religiousschulen controlirt und mit Kleidung, Stipendium und Schulgeld unterstützt worden sind, auch darauf halten, daß dieselben bei Beendigung der Lehrzeit ein Gesellenstück anfertigen. Von diesen 84 Lehrlingen sind: Barbier 1, Bildhauer 2, Buchbinder 5, Buchdrucker 4, Conditor 1, Drechsler 2, Färber 3, Gelbgießer 1, Goldarbeiter 1. Gürtler 2, Hutmacher 2, Instrumentenmacher 1, Klempner 3, Kunstgießer 1, Lederarbeiter 4, Lithographen 2, Maler 2, Maschinenbauer 3, Maurer 2, Mechaniker 1, Posamentierer 2, Sattler 1, Schlächter 1, Schlosser 3, Schneider 4, Schriftmaler 1, Schriftsetzer 3, Schuhmacher 5, Silberarbeiter 1, Steindrucker 2, Steinmetz 1, Tapezierer 8. Täschner 3, Tischler 4, Töpfer 1, Uhrgehäusemacher 1. Ein Stipendium zum Besuch der Baugewerksschule hat erhalten ein Zimmermann; zum Besuch der technischen Hochschule ist drei Studirendcn, zu seiner höheren Ausbildung einem Mechaniker ein Stipendium bewilligt worden. Eine Unterstützung zur Fortführung seines Gewerbebetriebes hat erhalten ein Steinmetz. Die Einnahmen der Gesellschaft betrugen für 1885 Mk. 10713,85, die Ausgaben Mk. 8652,75; das Vermögen derselben 776OO Mk. und 12000 Mk. Stlftuugsfond. Die Generalversammlung erthcilte Decharge und wählte den bisherigen aus 9 Personen bestehenden Vorstand wieder. Merti«, 31. März. Director Dr. M. Steinschneider wurde gestern zu seinem siebzigsten Geburtstag durch mannigfache Beweise der Anhänglichkeit und Verehrung ausgezeichnet. Der Vorstand der Berliner Gemeinde übersandte ein Anerkennungsschreiben, und später brachte der Vorsitzende, Justizrath Meyer, dem Jubilar auch noch persönlich Glückwünsche dar. Im Aufträge der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums erschien der Docent Dr. Müller. Der „Deutsch - Israelitische Gemeindebund" ließ eine Adresse überreichen. Von der Veitel-Heine-Ephraim'schen Lehranstalt, an welcher Dr. Steinschneider seit 27 Jahren Vorlesungen hält, erschien eine Deputation von 3 Zuhörern. Ferner begrüßten den Jubilar persönlich das Berliner Rabbinat, der Historiker Professor Harry Breslau, sowie der Prediger der Reform Dr. Ritter. Dr. I. Egers widmet „seinem verehrten Lehrer und Freunde" den „Diwän des Abraham ibu Esra", der hier zum ersten Male nach der in der königlichen Bibliothek befindlichen einzigen Handschrift herausgegeben ist. Diese wurde 1881 auf Dr. Steinschneiders Betrieb von Shapira angekauft. Noch Dr. Zunz glaubte, daß von dem Diwan! des spanischen Dichters nichts erhalten sei. l —Z. Meikburg. (Or.-Corr.) Wie wohl überall, so hat! auch in unserer Synagoge am letzten Sabbath, den 27. c.! eine Zunz-Feier stattgefunden. Unser Rabbiner, Herr Dr. I. Goldschmidt, hielt eine alle Zuhörer aufs tiefste erl greifende Rede. Anknüpfeud au deu Tod der beiden Priester; Nadab und Abihu, von dem der Wochenabschnitt berichtet, i sprach er: Auch ich habe Euch von dem Tode eines Priesters! im Heiligthum der jüdischen Wissenschaft zu berichten: ja! Leop. Zunz war der Hohepriester in diesem Heiligthume,! denn wie Moses zu dem H.-P. Ahron sprach: „Durch die! mir Nahestehenden will ich geheiligt und vor den Augen des ganzen Volkes verherrlicht werden", so war das ganze Leben L. Zunz's ein Kuddisch Haschern, eine Heiligung Gottes und! eine Verherrlichung des Judenthums. Israel war früher! nicht nur gehaßt, sondern auch verachtet. Heute giebt es j nur Feinde Israels, aber verachten kann es heute kein Mensch, j der eine wissenschaftliche Bildung genossen. Dies ist das Verdienst L. Zunz's, der die Ehre des Judenthums durch Freilegung seiner Geschichte, namentlich des Mittelalters, gerettet und für alle Zeiten sicher gestellt hat. — Darum sei jeder Israelit dem Entschlafenen zu Danke verpflichtet, denn dieser habe die Verachtung früherer Zeiten gegen Israel unmöglich gemacht. Und so müsse denn jeder Israelit das Andenken L. Zunz's mit unauslöschlichen Zügen, als das eines Wohlthäters, in die Tafeln seines Herzens schreiben? — Dies in Kürze eine Skizze der begeisterten Rede, welche den Namen L. Zunz mit leuchtenden Zügen in das Herz unserer Gemeindemitglieder verzeichnet hat. (Wir erbalten auch aus andern Gemeinden längere und kürzere Berichte über Zuuz - Gedächtnißreden, — so aus Aachen, Brandenburg a. H., Cöln, Leobschütz, Nordhausen, Staraard i. Pomm. u. a. m. — andere College» schreiben uns. daß sie eine diesbezügliche Gedächtnisfeier in Verbindung mit der Todtenfeier am letzten Tage des Peßachfestes abhalteu werden. Red.) Mittenberg» 24. März. Das bisher dem Conditor Peters gehörige, unter dem Namen Hamlet-Haus bekannte Haus an der Eollegienstraße nnd am Holzmarkt ist Sonntag von dem Kaufmann Hirschfeld für den Preis voll 42,000 M. erworben worden. Es hat dieser Kauf ein für Wittenberg nicht unbedeutendes historisches Interesse, denn der Käufer ist seit 500 Jahren der erste Israelit, der in Wittenberg ein Eigenthum erwirbt. Das Herzogthum Sachsen und vor Allem seine Residenz Wittenberg hatte im Mittelalter eine ganz bedeutende israelitische Einwohnerschaft. Herzog Rudolf aber vertrieb im Jahre 1304, der Richtung seiner Zeit nachgebend, die Juden vollständig aus seinen Landen, und zur Erinnerung an diese Austreibung soll das noch an der hiesigen Stadtkirche besindliche, eine Sau darstellende Sandsteinrelief eingemauert worden sein. Die