Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 15. (8.4.1886)
- Date
- 1886-04-08
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
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— 120 — ter. wenn die Grundlage fehlt; wenn sie nicht allesammt auferbaut sind auf dem einzig sicheren Fundament, der gediegenen religiös-sittlichen Erziehung, dem Religions-Unterrichte? Und nun, nehmen wir die Verhältnisse, wie sie tatsächlich vor Aller Augen sichtbar sind. In den Großgemeinden, in den großen Städten herrscht Lauheit oder die für geregelten Religionsunterricht stumpfsinnige Orthodoxie. Wir dürfen froh sein, wenn sie uns nicht gemeinsam entgegen wirken! Man fördert, was in die Augen fällt. Das bescheidene Blümchen, die anspruchlose, nur im Verborgenen wirkende und gedeihende Anstalt für den Religionsunterricht wird in die Ecke gedrückt, vernachlässigt, wenn sie überhaupt vorhanden ist. Die meisten jüdischen Kinder besuchen die s. g. höheren Schulen. Ob zum Segen der betreffenden Individuen männlichen und weiblichen Geschlechts? Ich bestreite es, — aber das gehört nicht hierher. Sicher ist, daß für die Besucher dieser Anstalten wenig Zeit und noch weniger Sinn und Lust übrig bleibt für diesen wichtigen Unterricht. Fast überall sind die für diesen eingerichteten Anstalten mangelhafte Nothbehelfe. Die kleinen Religionsgemeinden in Dörfern und kleinen Städten werden stets kleiner. Die Juden ziehen — insbesondere in Süddeutschland — mehr und mehr in die großen Städte. Auch das ist, nebenbei bemerkt, nach unserer Ansicht ein socialer Uebelstand, der sich emst bitter rächen wird, — wenn man nicht annimmt, daß die Juden samml und sonders für den Handel prädestinirt sind, — und kennte für das religiöse und sittliche, für das jüdische Familienleben insbesondere traurige Folgen haben. Weit mehr als die Hälfte der kleinen Religionsgemeinden ist nicht mehr im Stande, einen eigenen jüdischen Lehrer zu erhalten, d. h. ihn auskömmlich zu besolden und ihm eine entsprechende, würdige Lebensstellung zu sichern. Die Aussicht aber, jüdische Lehrer an öffentlichen Anstalten unterzubringen, wird leider immer geringer. Die Stellungen an diesen — ich weiß es — sind äußerst schwierig und es ist nicht Jedermanns Sache, solche Kämpfe zu bestehen. Das einzige Mittel, dem Uebelstande abzuhelfen, wäre allerdings die Anstellung von Bezirkslehrern. Allein das Selbstbewußtsein (?) in diesen früheren Groß- und jetzigen Kleingemeinden — der Kehillageist — ist zumeist noch so stark, daß man lieber seinen eigenen schlechten Lehrer für sich allein, als einen guten mit einer Nachbargemeinde will. Hält man wirklich alle diejenigen, welche im neuesten statistischen Jahrbuch des D.-J. G.-B. mit Lr. bezeichnet sind, für würdige Vertreter des Lehramts und den Anforderungen, die wir in der Jetztzeit an einen solchen zu machen berechtigt sind, entsprechend? So ist es denn die Pflicht Aller, Mittel und Wege zu ersinnen, wie diesem Nothstande abzuhelfen, und man wird mir unzweifelhaft zustimmen, daß wir vor Allem klar sehen müssen, was wir wollen, daß die Regeneration von Innen anfangen, daß wir zuerst einig sein müssen, über den Religionsunterricht selbst, seine Zwecke und Ziele, sowie seine Methode, wenn wir ihn reorganisiren wollen. Dazu bedürfen wir vor Allem eines tüchtigen, seiner Aufgabe sich bewußten und desselben mächtigen Lehrerstandes. Wir dürfen nicht vergessen, daß unser Religionsunterricht allerdings wesentlich ein Erzeugniß der neueren Zeit, eine Consequenz unseres Bildungsstandes der Schule und des Lebens unserer jüdischen Zeitgenossen ist. Der Unterricht im Hebräischen, wie er vor hundert und weniger Jahren allüberall und wie er jetzt noch an vielen Orten üblich ist und als alleiniger Religionsunterricht gilt, reicht nicht mehr hin, weil er nicht im Stande ist, dem übrigen Wissen, in das wir unsere Kinder einführen müssen, um sie für das Leben und seine Bedürfnisse zu ertüchtigen, das Gleichgewicht zu halten. Er, der frühere planlose Unterricht, kann uns nicht mehr Wehr und Waffe sein gegen die Anfechtungen des Lebens; mtt ihm allein können wir das Heiligthum unserer Herzen, das Erbe unserer Väter, nicht mehr schützen. Es Hecht jetzt erziehend unterrichte»: und unterrichtend erziehen, — das Herz und den Geist pflegen. Mehr als hier gilt der heilige Grundsatz:.IT3D1? N12VN1 Dm HSTI Wissen und Beherzigen? —Ich erinnere an eine Midraschstelle, die mir stets als pädagogische Belehrung gegolten hat; wo der große Talmudgelehrte von einern heidnischen Könige fast erdrosselt »vurde, weil er, der hochberühmte Gelehrte, die Stelle: „Weil ich Euch liebe, darum züchtige ich Euch"; und „wie der Vater seinen Sohn züchtiget" rc. nicht deuten konnte. Briese aus Mähren. Von einem allen mährischen Baal Basis. I. Vor einiger Zeit tauchten in den Blättern z»vei Gerüchte auf, die geeignet sind, uns »nit der freudigen Hoffnung zu erfüllen, daß das, was das Ideal unseres Lebens bildet nicht völlig dem andringenden Jndifferentismus unterliege^ wird. Mit tiefinnerster Betrübniß sehen wir alles jüdisch Leben von Tag zu Tag schwinden, sehen die Grundlagerve auf denen wir die Erziehung unserer Kinder mindestens auf-, zubauen anstrebten, wanken und die Fäulniß im Gemeindeleben überhand nehincn. Es hat uns Mühe gekostet, unseren Glauben an das prophetische Wort von der ewigen Dauer Israels (1. Sam. 35.29; 12.22,) aufrecht zu erhalten; da wurden wir in neuerer Zeit durch die Nachricht von der Schöpfung eines jüdischen Proseminars und von der Idee eineConsistorialverfassung einzurichten,angenehm überrascht. Beides gehört eng zusammen, denn Vorbildung der Cultusfunctionäre und Sicherung ihrer Stellung könnten es ermöglichen, dem jüdischen Leben neue Impulse zuzuführen. Das erste liegt auf einem dem Laien fremden Gebiete, doch eine Aenderung der bisherigen Gemeindeverfassung ist jedenfalls zunächst Sache der Gemeinde selbst, denn, wenn eine Heerde ohne Hirten nicht sein kann, so kann ein Hirte noch viel weniger ohne Heerde sein. Von vorn herein will ich erklären, daß ich der Idee, in die zerfahrenen jüdischen Verhältnisse Ordnung zu bringen, sympathisch gegenüberstehe; es liegt mir fern, das bei uns beliebte Liedchen von hierarchischen Gelüsten zu singen, doch kann ich mich schwerer Bedenken nicht entschlagen. Zunächst sind unsere Vorstände in den großen Städten, die wohl zunächst Mitglieder des Consistoriums »verden sollen, nicht immer meine Vertrauenspersonen; sehen wir ja leider hier zuerst, daß die Herren zumeist nach ihrem Vermögen, seltener nach ihrer socialen Stellung und fast nie nach ihrer religiösen und speziell jüdisch-wissenschaftlichen Eignung gewählt werden. Es bleiben demnach nur die Rabbiner übrig, welche sicherlich in dem Collegium eine Stimme haben werden, wenn nicht, wie jetzt, die Gemeindevorstände Sachverständige in Fragen »verden sollen, die vor ein Forum wissenschaftlicher Theologen gehören. Ich erinnere daran, daß die Juden Vertreter in den Bezirks- und Landesschulrath wählen und das sind zumeist Herren, die diese Stelle ebenso wie ein anderes politisches Ehrenamt anstreben, ohne wirklich die nöthige Eignung zu besitzen, die Behörden über dar, was jüdische Religion ist, aufklären zu können. Es fragte sich also, kann uns dieser Plan unter den heutigen Verhältnissen begeistern? Ich will nicht nein sagen, aber ich trage große Bedenken, diese Frage zu bejahen. Es ist nicht zu läugnen, daß gerade in der letzten Zeit der Rabbinerstand sich wesentlich gehoben hat. Man beginnt doch darnach zu fragen, ob der Rabbiner wissenschaftliche und sachliche Bildung besitzt, während es lange Zeit genügte, daß der Betreffende von irgend einem obscuren Rabbiner ein Befähigungsdocumenl brachte und dann durch eine Probepredigt von zweifelhafter Herkunft oder Güte dem Publikum sich empfahl. Es ist besser geworden, aber lange noch nicht gut. Was wir alten Männer, deren Jugenderinnerungen in die Blüthezeit des Rabbinerstandes unter Rabbi Mordechai Benet hineinragen, von Rabbinern verlangen, ist zunächst religiöse Gesinnung; ich will nicht sage»», daß offene