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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-04-01 · N° 14. (1.4.1886) · p. Seite 115

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 14. (1.4.1886)
Date
1886-04-01
Page
Seite 115 (sequence 5)
Language
German
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— 111 Ludwig Markus, von den Aelteren David Friedläder, Israel Jacobson und Lazarus Bendavid. Sein journalistisches Talent gab Zunz in der von ihm gegründeten und redigirtcn „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums" zu erkennen. Die Wissenschaft des Judenthums erblickte er in der historischen Darstellung desselben, dann in der philosophischen Darstellung des Wesens und des Begriffes der jüdischen Lehre, und als drittes Moment bat die philologische Erkenntniß der Literatur hinzuzutreten. Die Zeitschrift mitsammt dem „Verein" gingen aber rasch wieder zu Grunde. Zunz's Bedeutung ist dahin zusammenzufassen: Er hat zuerst mit kühnem Blick das ganze Gebiet der jüdischen Literatur überschaut und die Grenzlinien seiner Entwicklung vorgezeichnet. Er hat die einzelnen zersplitterten Studien und Arbeiten zu einer Wissenschaft erhoben, die sich Achtung in allen Gelehrtenkreisen zu verschaffen wußte. Er ist der Schöpfer eines wissenschaftlichen Stils in der jüdischen Literatur. Er selbst schrieb einen epigrammatisch scharfen und spiegelklaren Stil. Und so ist von ihm eine Entwicklung ausgegangen, die einen großen Umschwung der Ideen über das Judenthum bei Juden und Nichtjuden zur Folge hatte." Wir schließen hieran angesichts mancher schiefen Darstellung der religiösen Richtung Zunzen's — wie sie wieder in einigen orthodoxen Blättern gegeben wird — Zunz' eigene Worte, mit welchen er sein berühmtestes, grundlegendes Werk: „Die gottesdienstlichen Vorträge" schließt: „Der entzündete Funke erlischt nicht wieder; ihn können Verfolgungen nur zur lichter Flamme anblasen, denn unwiederruflich, wie der Sieg der Freiheit und der Civilisation, der bürgerlichen Gleichstellung der Juden und ihrer wissenschaftlichen Cnltur, ist die Reform und der Triumph des diese Reform offenbar machenden Wortes." Aerli« Einen erfreulichen Beweis thatkräftiger Selbsthilfe zur Linderung der sozialen Noth lieferte die General- Versammlung der „Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler", die am 25. März im Saale der Gesellschaft der Freunde stattfand. Die Gesellschaft wurde im Jahre 1846 auf Anregung des Herrn M. Halle mit 21 Mitgliedern begründet und verfolgt den Zweck, ihre Mitglieder in Krankheitsfällen zu unterstützen und vor Noth zu bewahren. Dies geschieht einestheils durch Gewährung freier ärztlicher Hilfe, freier Arzneien, Bäder, Instrumente, Brunnenkuren rc., anderntheils durch directe Zahlung von Krankengeldern in Höhe von 8 Mark wöchentlich und Extraunterstützungen. Mit einem Gründungskapital von circa 200 Mark hat sich die Gesellschaft, Dank der rührigen Thätlgkeit ihrer beiden Vorsitzenden, der Herren Hermann Landsberger und Moritz Mannheimer, gegenwärtig zu dem stattlichen Vermögen von 98,000 Mark und der Zahl von 551 Mitgliedern emporgearbeitet. Die eigentliche Krankenkasse hat allerdings nur ein Vermögen von 25,650 Mark, indessen stehen ihr noch die Hilfskasse für Wittwen und Waisen mit einem Kapital von 54,300 Mark und verschiedene Stiftungsfonds mit ca. 18,000 Mark zur Seile. Bezeichnend für den Geist und die Prinzipien, die in diesem Vereine herrschen, ist der Umstand, daß beispielsweise die Wittwen- und Waisenkasse bei ihrem großen Vermögen mit einem Kassenbestande von 8 Mark 28 Pfennig abschließt, d. h. die Kasse hat nicht ihre Aufgabe in der Anhäufung und Vermehrung des Vereinsvermögens erblickt, sondern ist in allen Bedürftigkeitsfällen mit ganzer Kraft eingetreten und hat die ihr zur Verfügung stehenden Mittel bis auf einige Mark zu Unterstützungen verwendet. Den wichtigsten Schritt in seiner Entwickelung hat aber der Verein in seiner gestrigen General-Versammlung gethan; er inaugurirte das vierzigste Jahr seines Bestehens durch eine Begründung einer Art Jnvalidenpension. wonach in Fällen, wo nach dem Gutachten der behandelnden Gesellschaftsärzte (Sanitätsräthe 0r. Markuse und vr. Hamburger) die Wiederkehr der Arbeitsfähigkeit ausgeschlossen ist, an Stelle des Krankengeldes eine laufende baare Unterstützung bis zu 120 Mark jährlich treten soll. — An die General- Versammlung schloß sich ein Festessen, an welchem etwa 300 Mitglieder, darunter viele angesehene Männer, theilnahmen. Der Vorsitzende, Herr Landsberger, eröffnete das Mahl mit einem schwungvollen Toaste auf unseren Kaiser, den Beschützer des Handwerks und der Künste, worauf ein Kaiserlied gesungen wurde. Der Abgeordnete Ludwig Löwe feierte die Pflege des Handwerks, der Technik und Künste unter den Juden Berlins und strafte den vielverbreiteten Ausspruch Lügen, die Juden könnten nur handeln und nicht arbeiten. Gewürzt wurde das Mahl durch allerhand künstlerische und musikalische Vorträge. Während der Unterhaltung wurde auch der Wohlthätigkeit gedacht und eine im Fluge veranstaltete Sammlung ergab die stattliche Summe von 600 M. Ein ungenannt sein Vollendes Mitglied stiftete, in Würdigung der segensreichen Wirksamkeit des Vereins, im Laufe des Abends die Summe von 3000 Mark. Dem Begründer des Vereins, Hrn. M. Halle, hatte der Vorstand als Anerkennung für sein stetes Interesse an demselben eine prachtvoll ausgestattete Adresse überreicht. Hannover. (Or.-Corr.) Vom 8. bis 10. März fand im hiesigen Seminar unter dem Vorsitze des Geh. Regierungs¬ und Provinzial-Schulrath Spieker die diesjährige mündl. Abgangsprüfnng statt, an der 5 Abiturienten theilnahmen. Alle haben das Examen bestanden und sind bereits im Besitze von Stellen. In der schriftl. Prüfung wurden von den Prüflingen folgende Themata bearbeitet: 1. Religion: die pcntateuchischen Beweise für die Verbindlichkeit des Religionsgesetzes, 2. Exegese: Jesaja, Kap. 40, 3. Deutsch: Heine und seine Bedeutung in der Litteratur, 4. Geschichte: Friedrich II., der Hohenstaufe, 5. Geographie: Der Rhein und seine Ufer, 6. Rechnen und Mathematik: Verschiedene Aufgaben und 7. Naturkunde: der Bernstein. Am 8. März erfolgte auch die Verkündigung des vom Lehrerkollegium gefällten Urtheils über die zur Erlangung des „Dr. Samuel E. M eh er-Preises" eingereichten Arbeiten. Das den Bewerbern gestellte Thema lautete: Worin besteht die pädagogische Bedeutung Pestalozzi's. Es waren 3 Arbeiten eingegangen, die alle von dem darauf verwandten Fleiße zeugten. Der 1. Preis wurde dem Seminaristen Fabisch, der zweite Spier zuerkannt, während die dritte Arbeit des Seminaristen Katz eine lobende Erwähnung erhielt. — Zu Ostern tritt eine vollständige Reorganisation, sowohl des Seminars, welches von nun an drei vollständig getrennte Kurse haben wird, als auch der Seminarschule, die fortan auch aus 3 getrennten Klassen bestehen wird und in denen Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden sollen, ein. Der Herr Geh. Regierungsrath Spieker spricht sich über den neuen Plan in der letzten Nummer des von ihm redigierten pädagogischen Blattes „Haus und Schule" folgendermaßen aus: „Die Anstalt sieht unter ihrem neuen Direktor vr. Kroner einer Reorganisation, namentlich in ihter Uebungsschule, entgegen, welche mit Sachkenntniß ein geleitet, auch sicherlich gute Frucht tragen wird". 8. B. SchneidemüHk. (Or.-Corr.) Die Ausführungen Ihres Herrn Correspondenten von Hannover — in der letzten Nr. dieses Blattes — „über den zu häufigen Appell einzelner Gemeinden an die öffentliche Wohlthätigkeit" haben ihre vollständige Berechtigung; jeder, der sich für diese Vorkommnisse bisher interessirt hat, wird das Gefühl wohl selbst schon empfunden haben. Es ist absolut von jeder Gemeinde zu verlangen, daß sie mit ihren eigenen Mitteln eintreten muß für das Genullus Cheßed in ihrer Mitte, daß nur in ganz außerordentlichen Nothfällen an die öffentliche Wohlthätigkeit appellirt wird. Wenn dann einmal eine öffentliche Aufforderung zu milde Gaben erscheint, in Fällen, die mehr die Gesammt-Jntereffen des Judenthums berühren, wird auch der. Erfolg ein wesentlich anderer sein; die Gaben zersplittern sich jetzt viel zu sehr und werden nicht immer in die richtigen Kanäle geleitet, wo

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