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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-04-01 · N° 14. (1.4.1886) · p. Seite 114

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 14. (1.4.1886)
Date
1886-04-01
Page
Seite 114 (sequence 4)
Language
German
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— 114 — 12V von zwei Rabbinern unterrichteten Schüler völlig unwissend. Von den 3572 Mark starken Gemeindebudget entfallen 14vv Mark auf die Schule und 48Ü Mark für die „Scheluchim*, d. h. die Sammler aus Palästina, welche letztere Summe viel besser für die Schule zu verwenden wäre. Die Verhältnisse in der Stadt Sliono geben dem Herrn Pariente zu allgemeinen Betrachtungen Anlaß. Er fand eine Reihe neuer, schöner Gebäude, alles bulgarische Schulhäuser für Elementar- und höheren Schulen, wie überhaupt in Bulgarien außerordentlich viel für den Unterricht geschieht. Das schönste Haus in jedem Dorfe ist die Schule und erst nach dieser kommt die Kirche; die Lehrer sind gut besoldet. Die Gemeinden verwenden den größer« Theil ihrer Einnahmen für den Unterricht. Herr Pariente knüpft hieran dir Bemerkung: Ein Volk, welches diesen Weg einschlägt, hat jedenfalls eine Zukunft." Er hat wohl schwerlich geahnt, wie bald die bis dahin vielfach verkannten Bulgaren sich durch ihr tüchtiges, tapferes Verhalten die Sympathien Europa's erwerben sollte. Leider hat auch in Bulgarien das Ueberwallen des nationalen Gefühles zu einem Antagonismus gegen die Juden geführt. So hatte man in mehreren Ortschaften die Wochenmärkte auf den Sonnabend verlegt, um die Juden von der Theilnahme abzuhalten. Hoffentlich wird sich dieses jetzt unter der Aegide des edeln Fürsten Alexander bald ändern. Die öffentlichen Schulen stehen zwar gesetzlich auch den jüdischen Kindern offen, und räth das Central-Komit4 den Juden, hiervon möglichst viel Gebrauch zu machen, allein, thatsächlich werden nur die wenigsten ausgenommen, Herr Pariente hofft jedoch auf Besserung, der Fortschritt werde schon kommen, wenn auch langsam. Die jüdischen Gemeinden suchen sich mehrfach dadurch zu helfen, daß sie ehemalige Allianzschüler zu Lehrern nehmen, allein diese sind meistens hierzu nicht geeignet, namentlich kennen sie zu wenig Bulgarisch und suchen Französisch in den Schulen einzuführen, was für die Schüler völlig werrhlos ist. Herr Pariente rieth den Gemeindevertretern, für das Erste besondere Lehrer des Bulgarischen anzustellen. In Sliono ist eine junge jüdische Gemeinde, sie zählt 250 Seelen; dieselbe hat eine von 74 Kindern besuchte Knaben- und Mädchenschule, welche von einem ehemaligen Zöglinge des Schulinstituts Camondo (Gründung des jüdischen Grafen v. Camondo) in Constantinopel geleitet wird und jetzt noch einen Lehrer des Bulgarischen erhalten soll. In Ieni-Zaghara wohnen unter 3000 Einwohnern 140 Juden, welche im Betlocal nur eine Talmud-Thora unterhalten. Einige Familienväter schicken ihre Kinder in die Allianzschule von Iamboli. Auch diese kleine Gemeinde giebt den Scheluchim jährlich 160 Mark aus Gemeindemitteln. In Eski-Zaghara wohnen jetzt nur noch 370 Juden. Früher war die Gemeinde mehrere Tausend Seelen stark und hatte eine berühmte Jeschrba. Der letzte orientalische Krieg von 1877 hat Alles zerstört und die Gemeinde zerstreut. Jeschiba, Synagoge und Talmud-Thora liegen in Trümmern. Indessen beginnt die Gemeinde sich wieder zu erholen. Die hiesigen Juden zeichnen sich vor denen zu Sophia dadurch vortheilhaft aus, daß, während die letzteren den leidigen orientalischen Gebrauch haben, allzu früh, schon mit 13 und 14 Jahren zu heirathen, jene hiermit bis zu 25 bis 30 Jahren zu warten pflegen. In Eski-Zaghara bestehen eine Anzahl von Chewroth zu wohlthätigen Zwecken, wie überhaupt die Gemeinde die alten intellectuellen und humanen Traditionen bewahrt hat. Sie ist bamit beschäftigt, ein neues Schulgebäude von zwei Stockwerken zu errichten, wozu ihr die Stadtgemeinde ein großes, gut gelegenes Grundstück überlassen hat. Pariente hat bemerkt, daß die jungen Israeliten sich sehr gern bei den militairischen Uebungen betheiligen, welche von den jungen Leuten der Stadt des Sonntags vorgenommen werden. Die Juden von Kv za nl i k, dem Hauptorte des Distrikts, in welchem das kostbare Rosenöl gewonnen wird, leben unter einander in Zwietracht und haben eine nur unbedeutende Schule. JnTschirpan wohnen 235 Juden, die eine Schule von 40 Kindern unterhalten, in welcher nur hebräisch und etwas biblische Geschichte unterrichtet wird. — Haskeui hat 378 Seelen mit einer Schule von 76 Zöglingen, welche zur Hälfte von einem ehemaligen Allianzschülcr aus Schumlah in Rechnen, Geographie, biblische Geschichte und Bulgarisch, zur Hälfte von einem Rabbiner in Hebräisch unterrichtet worden. Von dem Gemcindcbudget zu 3400 Mark erhalten die Scheluchim 560 M. Die dortigen Juden stammen meistens aus Adrianopel und sind von den besten Gesinnungen beseelt Metz-Bielefeld. Berichte und Corresponbenzen. . Deutschland. Magdeburg Die „Magd. Ztg." bringt aus der Feder eines durch die betr. Citate aus dem neueren Werke über die Geschichte der jüd. Litteratur leicht zu errathenden jüd. Schriftstellers einen Nekrolog auf Leopold Zunz, aus dem wir, da das Meiste unseren Lesern nicht unbekannt ist, um einige Stellen hier mittheilen, die vielleicht größeres Jnterresse beanspruchen: „Zunz war eine groß angelegte Persönlichkeit, mit Gesenius zu reden: eine Jesaia-Figur. Daß wir diesem Manne doch ja gerecht werden; er zählte zu den edelsten Menschen des Jahrhunderts, zu den bedeutendsten Erscheinungen in der jüdischen Welt. Und was ihn uns besonders werth macht: er war seit den 20er Jahren der geschickteste Vermittler zwischen den christlichen und den jüdischen Schriftforschern. Für das Rabbinische ist er der Lehrmeister des hallischen Grammatikers gewesen, der auch in allen wichtigen hebräischen Fragen keine Entscheidung traf ohne Zunz gehört zu haben. Das geistige Leben bestand damals noch in harmonischem Zusammenwirken aller ideal gerichteten Seelen. So zählte Zunz zu seinen aufrichtigen Verehrern namentlich August Voeckh. Wilhelm Vatke und David Strauß, und ihre Verehrung äußerte sich darin, daß sie bei gewichtigen Anlässen wissenschaftlicher Natur ihn um Rath angingen und jeder Zeit befriedigt von ihm gingen. Zunz gehörte von den jüdischen Gelehrten zu den Ersten, die eine dankbare Anerkennung dafür haltert, daß die Pflege des Hebräischen und damit die Erschließung der jüdischen Literatur wie nie zuvor eingeleitet worden war durch Reuchlin und Sebastian Münster, durch Luther und Melanchthon, durch Buxtorf, Wolff und Bartolocci. Die Reformation wurde die wirkungsvollste Lehrmeisterin des Judenthums, wofür der Altmeister der jüdischen Literaturforschung, Leopold Zunz, lange Zeit einzig und allein ein volles Verständniß zu erkennen gegeben hat. „Was wären wir armen Juden wohl ohne Eure großen Sprachmeister, und vor Allen ohne Euren herrlichen Luther! Mit seinen Psalmen gehe ich schlafen, mit seinem Hiob uud Jesaia stehe ich auf!" So der dankbare „Pfadfinder" der jüdischen Literatur, der ihr Führer geblieben ist bis zu dieser Stunde. Früh kamen in Zunz reformatorische Ideen für das Judenthum auf. Zusammen mit Eduard Gans und Moses Moser stiftete er am 17. November 1819 den „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden". Es kam ihm darauf an, „die Juden durch einen von inneu heraus sich entwickeluden Bildungsgang mit dem Zeitalter und den Staaten, in denen sie leben, in Verbindung zu setzen." Gans, ein trefflicher Jurist und begeisterter Hegelianer, trat später in Paris zum Christenthum über; Moser galt für „die Prachtausgabe eines wirklichen Menschen", für einen „Epilog zu Nathan dem Weisen", und Zunz hatte sich damals schon als Schriftsteller mit seinem „Etwas über die rabbinische Literatur" hervorgethan. Seiner Fahne folgten von den Jüngeren Heinrich Heine, Josef Lehmann, I. Rubo, Jmanuel Wohlwill

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