Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 14. (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 112 — scheinungen auf anderen Gebieten, dem Fürsten auf dem mächtigsten Thron der Erde und dem Fürsten auf dem Gebiete der Geschichtswissenschaft, aber doch immerhin in Jahrtausenden nur in einigen Beispielen aufzuweisen. Haben wir uns darum ja längst gewöbnt, in Zunz einen Einzigen, einen Unvergleichlichen zu sehen. Wie jener Patriarch in Israel, Juda der Heilige, der Sage nach in der Todesstunde seine zehn Finger in die Höhe hob und sprach: Herr der Welt, Dir ist es bekannt, TH922£K "W22 TOtop 22LX2 'D'im xbl miro „daß ich mit diesen meinen zehn Fingern beständig an der Verherrlichung Deiner Lehre gearbeitet, dagegen nicht einen Finger breit mich verleiten ließ von den Vergnügungen der Erde", so konnte der Verklärte in ähnlicher Weise seine zehn Finger ruhmreich in die Höhe heben, die Finger, mit denen er seine Meisterwerke geschrieben unter Verzicht auf des Lebens Zerstreuungen und sogenannten Annehmlichkeiten. Und wie früh, wie wunderbar früh war Zunz schon Zunz! In dieser schmerzlichen, aber doch auch erhebenden Stunde, — schmerzlich wegen des unersetzlichen Verdienstes, erhebend, weil wir ja dankend den Blick zu Gott erheben, sprechend: 1^2X Dm2*6 PI12 p sw TtfK ym „Gepriesen der, der unserer Gesammtheit einen solchen Sohn gegeben" — in dieser Stunde gedenken wir der Zeit, da der Heimgegangene vor länger als sechszig Jahren die Seele eines Vereins war, der die schöne Aufgabe hatte, unsere Glaubensgenossen zu heben, zu fördern, zu festigen, sie immer mehr in das Gleis der Cultur zu heben, aus dem sie gewaltsam waren geschleudert worden. Wie groß war da die Begabung vieler damals Mitstrebenden und Mitarbeitenden, die heute schon seit einem Menschenalter im Staube schlafen. So war der Eine ein berühmter Rechtslehrer in deutschen Landen geworden, der Andere ein Dichter, der die Welt erfüllt hat mit seinem Ruhme. Aber was sie Beide nicht vermocht, das war: den in jugendlicher Begeisterung gefaßten Plan mit der Liebe und Treue festzuhalten, die Alles überwindet, Versuchung, Spott, scheinbares Mißlingen, Ruhmgier und Eitelkeit. Nur Einer blieb Er selbst, Leopold Zunz. „Er blieb treu der großen Grille seines Lebens" sagt von ihm mit bewunderndem Neid der lorbeergekrönte Dichter, der, weil er selbst es mangeln ließ an Festigkeit und Treue, mit sich zerfallen und unglücklich war. Wahrlich, da wird neu die alte Erzählung, die wir im Talmud lesen: 1D323 n92“)K „Vier Männer gingen hinein in den paradiesischen Irrgarten der Forschung." N21 ptn E p „Ben Asai blickte hin und holte sich frühzeitigen Tod", N221 p£.n 8211 p „Ben Soma blickte hin und nahm Schaden", ptp “iriK rWtßW „Acher, das ist jener Elisa Ben Abujah, der von seinem Abfall „Acher". ein „Anderer" hieß, „Acher zerstörte die Pflanzungen", 21^w2 K3T1 Dlbü2 D323 X2'p2 n ,,"ur R. Akiba ging hinein in Seelenfrieden und brachte seinen Seelenfrieden wieder mit hinaus". Ja, nur Einer büßte durch die Forschung nicht ein die Ueberzeugungstreue, die Liebe zu der Wissenschaft, die er sich in der Jugend erkoren, die kindliche Reinheit seines Wesens und Charakters, Leopold Zunz. Ja, großer Verklärter, in Frieden zieht Deine Seele ein in Gottes Reich. Rein, wie Du sie von Gott empfangen und nur bereichert mit den edlen Schätzen, die Du ihr auf Deiner irdischen Wallfahrt erworben hast, hast Du sie zurückgegeben Deinem Schöpfer. Wenn wir trauern, so trauern wir nicht um Dich, sondern um u n S, die wir Dich verlieren mit dem bangen Gefühl: Wir sind nicht Deinesgleichen, mrrcn nan mnta21-O222V ym 2D eav y^m „Heil Dir. Du festtägig geschmückter Zunz, in Reinheit des Sinnes hast Du begonnen, in Reinheit des Sinnes hast Du vollendet!" Himmelsstimme ruft zu Deinem Empfang: TI "|H2 WQ „Komm hinein von Gott Gesegneter!" Amen. Ein Wort über israelitische Centralbehörden. Von vr. M. Silberstein, Bezirksrabbiner in Wiesbaden. Es ist unzweifelhaft ein Verdienst unseres würdigen Collegen aus dem Großherzogthume Baden, daß er die Frage über die Einrichtung von Centralbehörden für die israelitischen Gemeinden in Preußen zur Discussion gestellt und dafür Sorge trägt, daß sie nicht von der Tagesordnung verschwinde. Auffallend muß es aber erscheinen, daß sich nicht auch andere Stimmen in diesem Sprechsaale erheben, um die Licht- und Schattenseiten einer solchen Institution eingehend zu erörtern, das pro und contra sorgfältig zu erwägen, wie dies von den bewährten Federn, die sich dieser Zeitschrift widmen, wohl erwartet werden dürfte — Denn selbst, wenn man bei den gegenwärtig in Preußen herrschenden Zuständen diese Frage für eine bloße Kathederfrage ansehen zu dürfen glaubt, ist es doch immerhin einer eingehenden Erwägung würdig, ob dies System für die Interessen des Judenthums und der jüdischen Gemeinden als wünschenswerth zu erachten sei, da in unserer raschlebigen Zeit mit ihrem steten Wechsel und Wandel der Meinungen und Anschauungen in den maßgebenden Regierungskreisen morgen ausführbar erscheinen kann, was gestern noch in weite, nebelhafte Ferne gerückt schien. Darf aber vom Standpunkte des Judenthums und der jüdischen Gemeinden aus eine solche Institution als wünschenswerth bezeichnet werden? Geleugnet kann nicht werden, daß eine Centralbehörde für die würdige Repräsentation der Juden eines Landes von hoher Wichtigkeit, ja von unvergleichlichem Werthe ist. Noch heute gedenkt Schreiber dieses mit freudiger, stolzer Genugtyuung jenes feierlichen, erhebenden Moments, als der nunmehr verstorbene Cultusminister, Herr v. Golther, s. A., in seiner Rede, die er bei der Eröffnung der vom Könige von Württemberg im Jahre 1869 berufenen Versammlung israelitischer Delegirten hielt, seiner Befriedigung Ausdruck gab, daß die israelitische Kirche Württembergs ebenbürtig neben den beiden großen christlichen Kirchen des Landes ihren Platz einnehmen. Wie wohlthätig hat diese Stellung der „israelitischen Kirche" allein nur auf die Stellung der Diener derselben, insbesondere der Geistlichen eingewirkt, die hierdurch in socialer wie in jeder andern Beziehung ihren christlichen Collegen völlig gleich,gestellt worden sind; wie mußte das ihr Selbstgefühl heben, ihre Berufsfreudigkeit mehren! Ist es doch auch unbestreitbar dieser Organisation zu verdanken, daß der Antisemitismus in solchen Ländern in der Regel kaum nennenswerthe Erfolge aufzuweisen hat und Erscheinungen, wie sie in den alten Provinzen Preußens zu beklagen waren, daselbst — von einem nichtdeutschen Lande abgesehen — fremd geblieben sind. Und blicken wir aus das innere Leben der Gemeinde, so sehen wir es unter der Leitung elner Centralbehörde jenem Willkürregiment entrückt, das um so widerwärtiger erscheint, wenn Ignoranz und Rohheit den Herrscherstab errungen haben. In festbestimmten Geleisen, nach genau fixirten Normen bewegt sich die Verwaltung, Jedem ist sein Wirkungskreis zugewiesen und Jeder ist sich der Verantwortung bewußt, die er der Centralbehörde gegenüber zu tragen hat; Niemandem ist ein Eingriff in die Rechtssphäre