Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 13. (25.3.1886)
- Date
- 1886-03-25
- Page
- Seite 108 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9585330-9585442--6150-9585452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
‘a!' Ja ’ — 108 geschichtlicher Ereignisse eine Zeit kommen könnte, wo selbst ein Peßachfest zurückstehen müßte hinter dem unsterblichen Purimfeste. Was ist der Zauber dieser Esterrolle, was ist die Weihe dieses Festes? Nun, wenige Worte in der Rolle zeigen uns seine Lust. Dem jüdischen Stamme in der Zerstreuung unter den Böllern großer Weltenreiche sollte dieses Fest ein Mahnruf zum Patriotismus sein, ein Mahnruf, unter sich selbst vorzüglich zwei Dinge hoch zu halten. ll'21'28'7 rvuflöl “limb V'8 „Die Gabenspendung des Einen an seinen Nächsten und Freund, die Wohlthätigkeit gegen den Nvthleidenden und Schmachtenden." Welche Stellung auch im religiösen Leben der Einzelne einnehme, eines sollten sie alle einsehen, daß Haman ein □‘’TliTn *72 TTiiC „ein Dränger aller Juden" ist, daß sie darum in der einen Gefahr auch eins sein müssen, und ihre Devise „Der Eine für den Andern" sein muß. Eine allgemeine Aussöhnung, eine friedliche lleberbrückung aller Gegensätze durch die Nächstenliebe! Zwei Klassen sollst Du beachten, Israelit. Den 2^ und den |V2K, den Freund und den Armen. So umarmst Du mit den liebevollen Händen Deine Brüder. Das ist die Religion des Purimfestes, das ist die erhabene Purimthora aller Ewigkeit, das ist Judenthum, wie es die Erde in Liebe erobert und die Länder und Völker verbindet. Und diese Thora ist die Lehre unseres Bundes, sie ist die Lehre, die Abraham von Osten nach Westen trug und ihren siegreichen Gang in der Völkergeschichte durch die Erdtheile gemacht hat, diese Lehre spiegelt schon in tausend herrlichen Farben an dem Culturhimmel unserer Zeit und diese Lehre wird, wenn Alles in der Religion uns unmöglich gemacht werden sollte, sie wird unsterblich bleiben. Diese Lehre nun in brüderlich geeinten Kreisen mit ganzerHingebu ng zu pflegen, siepraktisch biszur meisterhaften Uebungzu'bringen,ist Ordensziel. Wie das Purimfest, so bringt aber auch der Wochenabschnitt uns einen tiefen Einblick in die Mittel unseres Ordens. Der Abschnitt gehört zu jenen, die gewöhnlich nur noch Gelehrte mit Interesse lesen, die aber den Meisten wie todtes Gestein Vorkommen. Und doch sind sie glänzend Gold, geläutert Silber, ein Schatz herrlicher Ideen. Nun hören Sie. Da wird von der Einweihung, von der Installation der Priester gesprochen und von dem Ritual, das dabei zu beachten ist. Und nun hören Sie weiter. Da soll geweiht werden das rechte Ohr, die rechte Hand, der rechte Fuß. Sind das nicht typische Akte symbolischer Handlungen, recht verständlich für Euch, liebe Brüder? Nicht wahr, Sie sehen jetzt nicht mehr darin eine Ceremonie, die man achselzuckend belächelt, Sie sehen, wie der Levitenstamm durch die Thora Lehren in symbolischer Form erhält, wie ihm gesagt wird, hört nicht auf die Lehre der Weisheit, handelt recht und gebet den warmen Freundesdruck, die offene, spendende Hand, gehet den rechten Weg der Gesittung und der Gottesfurcht. Symbol in der Lehrform, Menschenliebe als Lehre bieten uns Purim und Wochenabschnitt. Wie dankbar müssen wir den Männern im fernen Westen, den deutschen Männeru sein, die solche Lehre und Symbolik erhalten und gepflegt, den deutschen Männern, die aus ihnen ein Zelt gebaut, in dem die Tausende arbeiten. Wie dankbar müssen wir aber gerade denen sein, denen die oberste Sorge für Alles dieses zugefallen ist, und vor Allem dem Manne, der diese Lehren nach Deutschland zurückgetragen, um sie dort zu pflanzen. O, was kann die Liebe nicht Alles. Sie kann mit einem Fuße von Fleisch und einem von Holz doch über Meere und Länder eilen, wie ein siegreicher Feldherr; (sie kennt und stellt das zerrissene deutsche Judenthum auf einen Fuß nrtK *721 ^72 wie es ein Hillel gethan, auf den Boden des epk. Und dabei entwickelt diese Liebe einen Bienenfleiß und baut Zellen, in denen der süße Honig wahren Friedens bereitet wird. Verdient diese Liebe ^nicht Lob und Dank? Geht und lernt von dieser Biene, ich meine, lernet von jenem Bien, und rufet freudig aus: Du Allvater, wir sind eins inW? t!PK weil Du Einer bist. Darum erheben Sie sich und rufen Sie hinüber über den Ocean ein brausend donnernd Hoch! Mittheilungen aus dem V. O. B. B. Berlin Das von der Großloge am 18. Januar gewählte Comitö (Vorsitzender Herr L. Simmel) hat nunmehr beschlossen, das ihm z. Z. gewordene Mandat, die B'nai-Brith-Sterbckasse betreffend, zur Ausführung zu bringen. — Die Logen werden sehr häufig von Privatinstitutsbesitzern sowohl wie von Vereinen um Beiträge zu allerhand Wohlthätigkcits- und sogar zu Pensionskassenzwecken angegangen. Es ist selbstverständlich hierbei die größte Vorsicht geboten, damit die materiellen Kräfte der Logen sich nicht zu sehr zersplittern und diese, wenn es sich um Realisirung gemeinsamer größerer Logenzwecke handelt, geschwächt erscheinen. Aus demselben Grunde, zur Vermeidung jeder geschäftlichen oder sonstigen Ausbeutung, soll auch das Mitgliederverzeichniß der Logen nicht zu Jedermanns Einsicht ausliegcn. Dresden. In würdiger Weise, den Tendenzen des Bundes entsprechend, feierte die Fraternitas - Loge das Purimfest mit einer ebenso reichen, wie praktischen Beschenkung einiger Knaben und Mädchen aus würdigen Familien. Es sind dies theils Confirmanden, thcils solche Knaben, die zn Ostern in's praktische Leben übertreten. Kerichle und Correspondenzen. Deutschland. Aus Süddeutschkand. (Or.-Eorr.) Das in Stuttgart erscheinende „Südd. Sonntagsbl." hat begonnen, die in den Nummern 8, 9 und 10 Ihrer Wochenschrift enthaltene vorzügliche Abfertigung des Prof. Stade zu reproduciren, und der wackere Redacteur des Sonntagsblattes, Herr Dr. Johannes Gihr, leitet den Abdruck unter dem Titel: „Juden und Christen" mit folgenden Worten ein: „In seiner Geschichte des Volkes Israel hat sich Prof. Dr. Stade in die Reihen derjenigen gestellt, welche unter dem Gesammtnamen Antisemiten bezeichnet werden. Durch seine — ob gerechtfertigte oder nicht — Voreingenommenheit gegen die Israeliten, auf welche sich seine Geschichtsauffassung aufbaut, hat er das Recht, ein objectiver Geschichtsschreiber zu sein, ebenso gut verwirkt, wie der in neuerer Zeit vielbesprochene Janssen. Wie bei diesem, ist auch bei ihm von einer quellenmäßigen Darstellung keine Rede mehr. Ueberall waltet die Tendenz vor, aber keine gute, menschenwürdige, christliche, sondern eine böse, zu Haß und Verachtung aufstachelnde. Auch die Rabbinerversammlung, die zu Berlin im Jahre 1884 abgehalten wurde, hatte unter den Verunglimpfungen des Dr. Stade zu leiden. Eine gebührende Antwort hat nicht lange auf sich warten lassen. Der rühmlichst bekannte Dr. Krön er in Brandenburg a. d. H. hat in der Israelitischen Wochenschrift" (Magdeburg) ein offenes Sendschreiben an den Herrn Professor erlassen, das den doppelten Werth hat: einmal der Wahrheit die Ehre zu geben und dann, der konfessionellen Duldung und allgemeinen Menschenliebe das Wort zu reden." Schon der erste Theil der Abfertigung, welcher in Nr. 12 des Sonntagsbl. abgedruckt ist, erregt auch hier, wie sicherlich überall, in weiten christlichen Kreisen großes Aufsehen, findet sympathische Aufnahme und spannt die Erwartung hinsichtlich der weiteren Reproductionen. Wird da Herr Prof. Stade schweigen dürfen? (Wir haben demselben die offenen Kundgebungen und Fragen des Dr. Kroner direct zugesandt, bis heute aber hat er seine Vertheidigung noch nicht versucht. Red.) Frankreich. AiX-en-^rovence, den 9. Februar. (DieEinweihung einer Orgel.) Das war ein großes Fest gestern und vorgestern in unserem neu restaurirten Tempel: wirhabendie von der Gemeinde neu angeschaffte Orgel eingeweiht. Unsere Ohren wurden entzückt, unsere Herzen gerührt beim Anhören des neuen Liebhaber-Chores, den» Angehörige derj besten Familien bildeten — Bedarrides, Montel, Pereyre, Crsmieu rc. Eine Familien-Trauer hatte den Herrn Julius Crsmieu verhindert, den Triumph-Tag dieses Chors zu genießen, den er gebildet und dlrigict hatte. Wir hatten die Freude, einige der Melodien zn hören, welche dieser ausgezeichnete Manstro für die Veuaissin'sche