Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 13. (25.3.1886)
- Date
- 1886-03-25
- Page
- Seite 104 (sequence 6)
- Language
- German
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104 — viele andere Vereine, die wir nicht nennen wollen; und —, — „dies nicht sind, werden noch", sagte man in der Krachperiode. Wenn wir einmal unsere 5000 Ehrenmitglieder hätten — und die könnten wir haben und müßten wir haben, wenn die Betheiligten allerwege ihre Schuldigkeit thäten und die Sonderbündeleien aufhörten. — oder wenn alle Gemeinden und jüdischen Vereine*) Beiträge zur Achawa auf ihren Etat nähmen; oder wenn alle Lehrer und Rabbiner so einträten, wie einige es in hervorragender Weise thuen, dann könnten wir große Pensionen und Unterstützungen geben, die vollauf hinreichten für die Sicherstellung unserer Pflegebefohlenen! Oder sollte wirklich für jüdische Wohlthätigkeit allüberall sich Bereitwilligkeit finden; nur nicht für die erste und gerechteste Forderung, für die dürftigen Beamten? Gestatten Sie mir, noch auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der bei Beurtheilung der Achawa noch nicht hervorgehoben wurde. Diejenigen, die immer und immer wieder von einer Pensionskasse, Lebensversicherung und dergl. sprechen, dürften doch nicht vergessen, daß eben die Achawa von vornherein die Aufgabe hatte, nach verschiedenen Richtungen hin thätig zu werden. Erörtern wir dies an der Hand unseres Berichts. Wir haben für 1885 zusammen 8910, sagen wir rund 9000 Mark verausgabt. Wäre unser Verein nur Pensionrkasse, so hätten wir allerdings nur 20 Pensionäre; es käme also auf einen Pensionär 350 Mark. Das ist wohl nicht viel; bleibt aber doch nicht weit hinter dem zurück, was der Staat durchschnittlich zahlt. Wo bleiben dann aber unsere Wittwen und Waisen? Wäre unsere Kasse blos Wittwenkasse. — wir hatten im vergangenen Jahre 31 Wittwen zu berücksichtigen, — so würde eine solche Beinahe 3u0 Mark erhalten. Wo bleiben aber da die Pensionäre? Und die Doppelwaisen? Wenn die überwiegende Mehrheit der jüdischen Lehrer in der Lage wäre, in eine Lebensversicherung einzutreten, die großen Prämien auch nur zum dritten Theile zu erschwingen, — was sie nicht können! — was nützte es ihnen in ihrem eigenen Leben, wenn sie viele Jahre hindurch dienstunfähig und hilflos wären? Und wenn ein vorübergehendes Mißgeschick Roth in die Familie bringt, was nützt da die Aussicht auf eine große Versicherungssumme? Und ist eine alljährlich sich wiederholende Summe von einigen hu n dertMark nicht zweckmäßiger für eine Wittwe, als eine einmalige größere Summe, als selbst so viele Tausende, wenn die Frau nicht weiß, was sie eigentlich damit beginnen soll? Daß die Achawa überall in allen Fällen, im Leben und im Tode, helfend eintritt, das ist ihre Aufgabe und ihr Vorzug. Bis hierher hat die Gnade Gottes uns gehotfen und sichtbarlich über unser Werk gewaltet. Es wird uns auch ferner beistehen, daß wir das Ziel ganz und voll erreichen. Er wird die Herzen der jüdischen Männer und Frauen unserer Sache geneigt machen. LI. L. Aus Würingen. (Or.-Corr.) Große Freude hat in der Lehrerwelt unserer Provinz die Nachricht Ihrer letzten Nummer erregt, daß Dr. Goldschmidt - Weilburg in Erfurt zum Rabbiner gewählt sei. Die Lchrer versprechen sich alle die reichsten Anregungen für die Religionsschule und das Vereinsleben von diesem in seinen bisherigen Publicationen stets so tiefen wissenschaftlichen Grund legenden Pädagogen. Sogar die nichtjüdische Elementarlehrerwelt begrüßt mit Freuden diese Wahl, da sie den Herrn Dr. G. durch *) Wohl ist cs Ehrenpflicht jeder Gemeinde und aller wohlthätigen Vereine, der „Achawa" den geringen Jahresbeitrag (von 6 M.) zukonnnen zu lassen, um so zur Altersversorgung der jüd. Beamten und Unterstützung der Wittwen und Waisen derselben beizutragen. (Wir machen besonders die Bnai - Berith - Logen darauf aufmerksam.) Die meisten Gemeinden glauben jedoch, daß sie dieser Ehrenpflicht durch den Jahresbeitrag an den Deutsch - Jsr. Gemeindebund und dessen öftere Sammlungen vollauf genügen. Der D. - I. G. - B. sollte im Interesse der „Achawa" von diesen öfteren Anzapfungen der Gemeinden ablassen und sich an den reichen Zuführungen der Lebensvcrüchernngsgesellschaft „Victoria" Genüge sein lassen. einen Artikel in der „Neuen Pädagogischen Zeitung", Organ des sächsischen Lehrervereins, neulich als einen ebenso praktischen wie theoretisch klar blickenden Pädagogen kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Herr Dr. G. wird diese Erwartungen der Lehrer gewiß auch als eine werthvolle Beilage zu seiner Wahl betrachten. — (Anm. d. Red. So weit ist die Sache noch nicht. ES steht noch, wie wir von Erfurt aus hören, die Entscheidung des Vorstandes aus. Es hat sich, von auswärts angeregt, eine orthodoxe Agitation gegen Dr. Goldschmidt daselbst erhoben, an deren Spitze, wie wir hören, ein sehr orthodoxer Rabbiner im Posen'schen steht. Wir glauben: Die ErfurterGemeinde könnte sich nur zu Acquisition einer theologischen und pädagogischen Kraft wie die des Dr. G. gratuliren. Die Erfurter Gemeinde, die vor wenigen Jahren die herrliche, von ihrem damaligen Rabb. Dr. Kroner (jetzt Seminardirector in Hannover) eingeweihte Synagoge mit Orgelgottesdienst eingerichtet und damit vor aller Welt bekundet hat, daß sie in ihrer Mehrzahl nicht auf einem fanatisch-orthodoxen Standpunkte steht, ist wahrlich mündig und im Besitze eines eigenen reifen UrtheilS über das, was ihr noth thut, als daß sie sich von außen her, von einem notorischen Orgelfeinde, sollte vorschreiben lassen, wer für .ihre Orgelsynagoge der geeignete Prediger sei. Gegen Einmischungen von Außen müßte jede zielbewußte Gemeinde von vornehcrein sich abwehrend verhalten.) Kannsver. (Or.-Corr.) Sie gestatten mir wohl, geehrter Herr Redacteur, auf eine Unzuträglichkeit in der Ausübung von Gemillus Chassadim aufmerksam zu machen, die sich im Laufe der letzten Jahre eingeschlichen hat und die nach meinem bescheidenen Dafürhalten der Remedur bedarf. Es erscheint wohl selten eine Nummer jüd. Zeitschriften, ohne daß im Jnseratentheil derselben sich ein Aufruf, ein Appell an die öffentliche Wohlthätigkeit befindet. Nun zweifle ich nicht im Geringsten daran, daß Diejenigen, für welche man die Wohlthätigkeit des großen Publikums in Anspruch nimmt, recht bedürftig und meistens auch der Unterstützung recht würdig sind. Eine andere Frage ist es aber, ob alle Gemeinden, welche für ihre Notyleidenden oder momentan Bedrängten, die öffentliche Wohlthätigkeit anrufen, die Pflichten, welche ihnen diesbezüglich doch in erster Linie zukommen, ernst genug nehmen. So erschien vor Kurzem auch ein Aufruf in einem andern jüd. Bl. seitens einer Gemeinde welche sich für zu „klein" bezeichnet, um in dem bekannt gegebenen Nothfalle genügend eintreten zu können. Nun, für „klein" kann diese Gemeinde gelten, wenn man in Betracht zieht, daß sie wenig über 20 Familien zählt, aber größer muß sie uns erscheinen, wenn bestimmt versichert wird, daß unter dieser angegebenen Anzahl von Gemeindemitgliedern sicher ein halbes Dutzend schwer reiche, außerdem nur wohlhabende (mit Ausnahme des einen im Aufrufe bezeichncten Falles) sich befinden. Solche Gemeinden müßten es doch als ein officium nobile betrachten, ihren Bedrängten ganz allein ausreichend beizuspringen. Sie sollten das Hillel'sche Wort }Ö WVISn in dem Sinne beherzigen, daß sie die Wohlthätigkeits-Anforderungen nicht die Grenzen der Gemeinde überschreiten ließen und nicht denken, nnK blpÖÖ 7IÖS*' rrr% Wenn die öffentliche Wohlthätigkeit unausgesetzt in Anspruch genommen wird, so wird sie dann erlahmen, wenn sie sich am Nachdrücklichsten bewähren sollte. Eine solche Erscheinung erweist der Rechenschaftsbericht des Herrn Dr. Rulf in Memel. Die Gaben, welche zur Unterstützung der ausgewiesenen Polen und Russen eingegangen sind, haben nicht den Anforderungen genügt, die bei der Größe des Elends zu befriedigen waren. Möge darum jeder Einzelne und jede Gemeinde das eben Ansgeführte, das in dem Satze gipfelt: erst die eigenen Kräfte gebührend angestrengt, bevor man Fremde in Anspruch nimmt! — wohl bedenken! B. Siegönrg. (Or.-Corr.) Mit Beginn des neuen Schuljahres wird das hiesige Progymnasium durch Einfügung der Ober-Prima in ein vollständiges Gymnasium umgewandelt. I V I ];j: 4