Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 13. (25.3.1886)
- Date
- 1886-03-25
- Page
- Seite 105 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 105 — und diese Anstalt geht sodann an den Staat über. Es ist dieser Zeitpunkt geeignet, einem längs gefühlten Uebelstande für die sehr beträchtliche Zahl der jüdischen Schüler abzuhelfen. Söhne vermögender Eltern treten im 9. Lebensjahre in diese Anstalt ein. Dann entbehren diese aber auch den Religionsunterricht. Es ist das Gymnasium doch nicht blos eine Anstalt für eine specielle Berufsbildung, in den Schülern ein möglichst vielseitiges Interesse für Wissenschaft und wissenschaftliches Streben zu erregen und ihnen diejenige Summe von Kenntnissen mitzutheilen, den Grad geistiger Kraft in ihnen zu erzeugen, der sie befähigt, das Studium oder den Beruf, dem sie sich später widmen, mit rechtem Gewinn zu treiben, seine Aufgabe stellt sich weit höher: es soll der Schüler für alles Wlssenswerthe empfänglich gemacht, für alles Wahre, Schöne und Große begeistert, es soll ein entschiedenes, auf sittliche Motive gegründetes Wollen in ihm erzeugt werden. Zur Erreichung dieses Ideals auch bei unseren Schülern ist der Religionsunterricht ein unentbehrlicher Faktor. „Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Theil als Fundament, zum Theil als Werkzeug der Erziehung von wahrhaft weisen Menschen genützt werden." Die jüdische Gemeinde Hierselbst hat zwar dafür Sorge getragen, daß den Schülern Gelegenheit geboten ist, das Hebräische zu erlernen, damit sie nicht dem Gottesdienste entfremdet werden und ist zu wünschen, ja nothwendig, daß diese Einrichtung auch bleibt, wenn der Religionsunterricht am Gymnasium selbst ertheilt wird; durch die Pflege der Thora wird für die Israeliten in allen Ländern der Faden der Einigung nie zerreißen. Ich spreche bei diesem nur von der gebotenen Gelegenheit, denn dieser facultative Unterricht wird nur zum kleinen Theile von den Gymnasiasten besucht. Gleichgültige Eltern vergessen, daß ihnen das jüdische Religionsgesetz gebietet, ihren Kindern die Erkenntniß Gottes durch Unterricht beizubringen W33 nx DrHttbl. Deshalb wäre für diese, sowie für fremde Schüler insbesondere die Verbindung des jüdischen Religionsunterrichtes mit dem Gymnasium geboten. Da der Schüler mit seinem Denken und Thun nur der Schule angehört, von welcher er sich abhängig fühlt, so ist diese Verbindung das einzige Präservativ gegen solche Gleichgültigen anzukämpfen, diesen Unterricht auch mit einem Erfolge zu geben, daß er Verstand und Gefühl des Kindes im Einklänge erhält, den höheren Geist weckt, welcher alles Sichtbare, sowie alle Verhältnisse des Lebens erst in ihrem wahren Lichte und ihrer Beziehung zur Bildung des sittlich religiösen Menschen betrachten lehrt. Uermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Daß in allen Synagogen Deutschlands und darüber hinaus zum ehrenden Andenken an Leopold Zunz eine Gedächtnißfeier abgehalten werden wird, ist wohl als selbstverständlich anzunehmen. Wir werden z. Z. summarisch darüber berichten. Aromverg, 15. Die Strafkammer des hiesigen königlichen Landgerichts verurtheilte heute fünf Mitglieder des Vorstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde (von denen eines bereits aus dem Vorstande geschieden und nach Berlin verzogen ist) zu je einer Geldstrafe von 60 Mark, weil zur Anstellung eines Ausländers als Cultusbeamten s. Z. die Genehmigung der königlichen Regierung nicht eingeholt worden war. — Stuttgart Eine sehr zweckmäßige Stiftung haben die verst. EliasP flau m'schen Eheleute hier gemacht. Jährlich am 11. Juli, dem Todestage der Frau Pflaum, vertheilt die K. Israel. Oberkirchenbehörde das Erträgniß der Stiftung an solche israel. Kirchengemcinden Württembergs, welche die nöthigen Mittel zur Erhaltung ihres Cultus und Religionsunterrichts nicht aufbringen können. Kannove^» den 15. März 1886. Vor einiger Zeit starb hier der Antiquitätenhändler Seeligmann S eelig im 74. Lebensjahre. Obgleich er in politischer Beziehung nie hervortrat, war er doch dem angestammten Königshause treu und ergeben. In Folge dessen haben die Königin Marie, die Prinzeß Mary und der Herzog von Cumberland ihrem Dank für diese Treue durch ein Schreiben an den Sohn des Verstorbenen Ausdruck gegeben und den hiesigen Hofgärtner beauftragt, Namens der Königin und des Herzogs einen Kranz auf das Grab des Verstorbenen zu legen. Gleichzeitig sprachen sie ihr Bedauern aus, daß sie von dem Tode nicht so rechtzeitige Kunde bekommen hätten, um noch zur Beerdigung die Kränze telegraphisch bestellen zu können. Pforzheim, 15. März. Gestern früh wurde eine angesehene hiesige jüdische Familie in schweres Leid versetzt. Der 18jährige Sohn des Fabrikanten K. hat sich in der Fabrik mit Cyankali vergiftet, wie man hört, weil der Vater sein zu spätes Nachhausekommen ernstlich rügte. Der junge Mann war sonst ein braver, rechtschaffener Mensch, hatte aber Neigung zur Melancholie und scheint die Ermahnungen seines Vaters, die angesichts des Gesundheitszustandes seines Sohnes wahlberechtigt waren, zu sehr zu Herzen genommen zu haben. Sofort angewandte ärztliche Hilfe blieb ohne Erfolg. Der traurige Fall erregt hier allgemeines Mitleid. Nest. Vor Kurzem bildete sich hier ein littcrarischer Klub, welcher statutenmäßig die Juden ausschloß. Als der Klub die Herren Vadmay und Jmrei zu Ehrenmitgliedern ernannte, refüsirten diese Herren mit der Motivirung: „die Mitgliedschaft eines Vereins mit antisemitischen Tendenzen sei nach ihrer Anschauung keine Ehre, sondern eine Schande". Naris. Herr Haim Guedallah, der ein so lebhaftes Interesse für das Geschick seiner unglücklichen oder verfolgten Glaubensgenossen hegt, hatte sich an den Präsidenten de< spanischen Cabinets, Herrn Sagasta, gewandt, um ihm die kritische Lage der Juden von Marocco darzustellen. Herr Sagasta hat ihm unmittelbar darauf geantwortet, daß dem spanischen Gesandten in Tanger besondere Instruktionen zugegangen sind, mit dem Aufträge, der Regierung des Sultans lebhafte Vorstellungen zu machen. (Arch. Jsr.) Naris Herr Armand Bloch ist zum Rabbiner in Tlemcen in Algier ernannt worden. Derselbe, ein Bruder des Rabbiners zu Remiremont, ist erst vor Kurzem von unserem Seminar entlassen worden. 'Noten. Der amtliche „Dnewnik Warszawski" konstatirt, daß im verflossenen Jahre 20,150 Juden aus Russisch-Polen nach Amerika ausgewandert sind. In Turek (Gouv. Kalisch) wird nächstens von dem Herrn I. S. Lubliner mit Bewilligung der Curators dieses Lehrbezirkes eine dreiklassige Schule für jüd. Knaben ins Leben gerufen. Hier sollen die Kinder in allen hebr. Gegenständen, Thora, Talmud, hebr. Grammatik, jüd. Religion und Geschichte, sowie auch in den profanen russischen Gymnasialfüchern unterrichtet werden. Da die Chedarim wegen ihrer bekannten Schattenseiten von der Regierung geschlossen werden, so hat der gelehrte Herr Lubliner, der in unserer Gemeinde schon viel Gutes und Rühmenswerthes auf dem Gebiete der Armenpflege rc. geleistet hat, es nicht unterlassen, auch für die Heranwachsende unwissende Jugend ein Institut in seinem eigenen Hause zu gründen, wo Thora und Wissenschaft vereint gepflegt werden wird. — Da diese Anstalt meines Wissens die erste derartige in Polen ist, so möge sie in mehreren Gemeinden Polens Nachahmung finden! Kyrie«. In Urfah, bei Aleppo, existirt ein altes Haus, in welchem nach arabischer Tradition, der Patriarch Abraham geboren sein soll. Sowohl bei den Arabern als bei den Juden ist dies Haus Gegenstand der größten Verehrung. Das Haus ist aber baufällig und der Besitzer, ein Araber, ist zu arm, um es restauriren zu lassen. Auch die jüd. Gemeinde ist nicht reich genug, es anzukaufen. (Es ist auch gar kein Grund dazu vorhanden. Gesetzt auch, Abraham sei in Ur-Kasdim geboren und Urfah und Ur seien gleichbedeutend, so ist doch Syrien nicht das Land der Chaldäer.)