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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-03-25 · N° 13. (25.3.1886) · p. Seite 103

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 13. (25.3.1886)
Date
1886-03-25
Page
Seite 103 (sequence 5)
Language
German
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— 103 Jahren 1815—19 studirte er an der Universität Berlin Philologie, wirkte von 1820—22 als Prediger an der hiesigen deutschen Synagoge, 3 824—32 als Redacteur an der Spener'schen Zeitung und leitete gleichzeitig von 1825—29 als Dircctor die neugegründete jüdische Gemeindeschule. Im Jahre 1835 erhielt der verdiente Gelehrte einen ehrenvollen Ruf als Prediger der großen jüdischen Gemeinde in Prag, - kehrte indessen bald nach Berlin zurück und erhielt hier die Leitung des 1830 errichteten Lehrer - Seminars, welche Stellung mit dem Seminar selbst im März 1850 aufhörte. Seitdem lebte Zunz. ohne eine öffentliche Stellung wieder anzunehmen, hier als Privatgelehrter seinen litterarhistorischen und rabbinischen Studien und sein Verdienst ist es. die moderne wissenschaftliche Behandlung der sogenannten rabbinischen Litteratur begründet zu haben. Bahnbrechend ans diesem Gebiete wirkte bereits seine 1818 erschienene kleine Schrift: „Etwas über die rabbinische Litteratur", sein „Raschi", „Die Namen der Juden" u. s. w. Seine Hauptwerke sind: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" (1832), „Die synagogale Poesie des Mittelalters" (1855), „Die Ritus des synagogalen Gottesdienstes, geschichtlich entwickelt" (1859), die „Litteraturgeschlchte der synagogalen Poesie" (1865), sowie sein Sammelwerk „Zur Geschichte und Litteratur". Seine gesammelten Schriften sind 1875 bis 1870 in drei Bänden erschienen. Aerlirr, 22. März. Die Trauerfeier für Dr. Leopold Zunz fand gestern in der neuen Synagoge statt. Der Sarg war vor dem Allerheiligsten zwischen hellstrahlenden Kandelabern aufgebahrt; hohe Topfgewächse umgaben ihn und zahllose Kränze wurden zu seinen Füßen niedergelegt. Da las man auf den weißen oder schwarzen Atlasschteifen Widmungen wie: „Dem Meister der Wissenschaft des Judenthums der Vorstand der jüdischen Gemeinde", „Die Samsonschule zu Wolffenbüttel ihrem ehemaligen Schüler und Lehrer •Di-. Leopold Zunz, in Liebe und Verehrung", „der deutschisraelitische Gemeindebund seinem Ehrenmitgliede"; da wurden ferner Kränze niedergelegt vom Kuratorium der Zunz- Stiftung, von den ehemaligen Zöglingen des Zunz'schen Seminars, von den ehemaligen Schülern der Horwitz'schen Schule u. A. Hunderte von Leidtragenden füllten die weiten Räume der Synagoge. Nachdem der Synagogenchor den Psalm gesungen „Der Mensch, wie Gras sind seine Tage", hielt Herr Rabbiner vr. May bäum die stimmungsvolle, inhaltlich und formell wohlabgerundete Gedächtnißrede.*) Herr vr. Josl, der aus Breslau hergeeilt war, gab im Namen des deutschen Rabbiner-Verbandes der Trauer um den Verlust des edlen Mannes tiefgefühlten und beredten Ausdruck.**) Der Gesang: „Was vom Staube, geht heim zum Staube" beendete die Trauerfeier. Träger mit brennenden Kerzen schritten voran, als der Sarg zur Synagoge hinausgetragen wurde. Dem schwarz verhangenen Leichenwagen folgten etwa hundert ehemalige Schüler von Zunz zu Fuß; ihnen schlossen sich die Knaben der jüdischen Religionsschule an und eine lange Wagenreihe bildete das Ende des Zuges. Auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee wurde der Sarg in der mit schwarzem Tuch ausgeschlagenen und mit Blumen geschmückten Halle aufgebahrt. Wieder sang derSynagogenchor ein Eingangslied, dann nahm Rabbiner vr. Ungerleider das Wort, um dem Todten zu danken für den Segen, den erden Jahrhunderten hinterläßt. Mit einem Gebet für das Seelenheil des Heimgegangenen schloß der Geistliche. Stadtv. San.-Rath vr. Neumann sprach dann im Namen des Kuratoriums der Zunz-Stiftung. vr. Rosenstock, Direktor der Samsonschule in Wolfenbüttel, überbrachte dem Todten *) Wir sind in der Lage gewesen, sie ihrem Wortlaute nach bereits in unserer heutigen Nr. unsere gesch. Lesern darzubieten. (Red.) **) Des Purimfestes wegen konnten die auswärtigen Rabbiner an ta1 ^a^.re Allverehrten nicht erscheinen; sie. wissen eS alle Herrn ^an*' daß er als Dollmetsch ihrer Gefühle an Zunz Bahre das Wort nahm. Wir werden in nächster Nr. die warmempfundene Ansprache Joöls bringen. (Red.) den Abschiedsgruß seiner geistigen Mutter. Endlich sprach noch der Direktor der jüdischen Religionsschule vr. Kirschstein, und Herr M. Fränkel legte zum Schluß einen Kranz im Namen der ehemaligen Schüler der Horwitz'schen Schule, an der Zunz unterrichtet hat, am Sarge nieder Dann erfolgte nach abermaligem Gesang und unter den üblichen Gebeten die Beisetzung in der nahe gelegenen Gruft. Zunz ruht neben seiner im Jahre 1874 gestorbenen Gattin und zwischen den Rabbinern vr. Abraham Geiger und vr. Joseph Aub. Er, uns Allen ein Segen, ruhe sanft! Areska«, d. 21. März. (Or.-Corr.) Im jüdisch-theologischen Seminar fand gcftern im Anschluß an den Sabbatgottesdienst eitle Trauerfeierlichkeit für den verewigten Leopold Zunz statt. In warmen Worten gedachte vr. Seligmann, dem die Aufgabe zugefallen war, den Verstorbenen zu würdigen, der unsterblichen Verdienste, die sich Zunz um das Judenthum erworben. Insbesondere hob der Redner hervor, daß in einer Zeit, wo der Abfall vom Judenthuin in erschreckender Weise sich mehrte, Zunz es war. welcher mit gleichgesinnten Freunden den Verein für Kultur und Wissenschaft des Judenthums ins Leben rief, um durch die Pflege jüdischer Wissenschaft das Judenthum zu vergeistigen und ihm neue Lebenskraft zuzuführen. Den Tendenzen dieses Vereines blieb er sein Leben lang getreu, wie denn seine geradezu klassischen Meisterwerke, Früchte jahrelanger Studien und tiefen Scharfsinnes, eben diesen Bestrebungen ihr Entstehen verdanken. Sein Name wird unvergänglich strahlen in der jüd. Geschichte als der des „Schöpfers" jüdischer Wissenschaft. Hberingelheim, den 5. März. (Or.-Corr. — Schluß.) Was hindert noch mehr die kräftigste Entfaltung des Vereines? Auch das haben wir schon bei der Gründung gesagt und können es nicht genug wiederholen: Der leidige Partikularismus in der verschiedensten Gestalt. Wir Juden, das einige Volk, das Volk des Glaubens an den einigen und einzigen Gott, sind doch wieder die schlimmsten Partikularisten, und die schärfsten Trennunsgelüste kommen gerade unter uns vor. Da sind erstens die wenigen, vom Staate angestellten Lehrer, deren Zukunft nach dieser Richtung leidlich gesichert erscheint, welche sagen: Für uns ist gesorgt; was gehen uns die Anderen an? Für diese Menschen haben wir keine parlamentarische Bezeichnung. — Es sind dann die Lehrer und Cantoren in den Großgemeinden, die es mit ihrer „sozialen Stellung" nicht vereiubarlich halten, Gemeinschaft mit den Lehrern „vom Lande" zu bekennen — auch wenn sie selber Mitglieder der Achawa sind. Es sind viele unter den Rabbinern, welche wenig Sinn haben für das Allgemeine oder zu bequem sind zum energischen Eintreten.*) Es sind vor Allem aber diejenigen, welche gern für jeden Bezirk, für jede Provinz ein separates Vereinchen haben möchten. Da haben sich vor 2—3 Jahren etwa verschiedene Conferenzen in verschiedenen Gegenden Deutschlands gebildet, welche natürlich sich abgrenzen mußten, wollten sie ihre theoretische Thätigkeit wirksam entfalten. Aber wo ein halbes Dutzend Lehrer in einer Conferenz zusammentraf, bildeten sie alsbald auch einen separaten Unterstützungs- und Pensiousverein und fingen an zu sammeln. Wo sind sie denn geblieben, diese mit Pauken und Trompete angekündigten Unterstützungsvereine? Was haben sie zu Stande gebracht? Wir haben eS von Anfang an gesagt und die Erfahrung hat es heute schon bestätigt: Die Fluktuation des jüdischen Lehrerstandes widerstrebt einem Provinzialverein und die kleine Zahl der Mitglieder läßt eine Durchschnitsberechnung nicht zu. Einige außergewöhnliche Todesfälle — und das ganze Gebäude liegt beisammen. Das hat die Rabbiner-Wittwenkasse schon vor 2V Jahren zur Genüge gezeigt und noch *) Wir müssen hier viele unserer Collegen in Schutz nehmen. Ganz abgesehen davon, daß sie von gar zu vielen Seiten um Collecten und Sammlungen von Beiträgen angegangen werden, so begreift man wohl ihre Zurückhaltung gerade in Bezug auf diejenige Kasse, die ihnen selbst und den Ihrigen einst Unterstützung bringen soll. (Red.)

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