Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 13. (25.3.1886)
- Date
- 1886-03-25
- Page
- Seite 102 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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102 nominell hatte, einen Theil der Ehrenschuld Israels gegen ihn abzutragen — sie vor Allen möge sein geistiges Erbe wahren! „Wenn Emancipation und Wissenschaft kein leerer Schall sein sollen, sondern die Lebensquelle, die wir nach langer Irrfahrt in den Wüsten gefunden, so muß sie Institutionen befruchten: Hochstehende Lehranstalten, allgemeinen Religionsunterricht, würdigen Go ttesdicnst, zweckmäßige S yn a g ogcn-Vorträg e". In diesen Worten liegt sein Testament; möge die Gemeinde es beherzigen! dann wird sie wie für Arme, Kranke. Sieche und Gebrochene, so auch für die blühende Kraft und die geistige Gesundheit ihrer Gemeinde-Glieder Sorge tragen und so das Andenken Leopold Zunz' zum Segen werden lassen den kommenden Geschlechtern. Amen! Ein Postulat der Religionsschule an die Rabbinerseminare. Bon Bezirksrabbiner Dr. Goldschmid 1 - Weildurg. (Schluß.) Aber wir haben ja Lehrer-Seminare? — Wer die Aufgabe der Lehrer-Seminare kennt, wird diesem Einwurf kein Gewicht beimessen. Die Lehrer-Seminare haben praktische Lehrer zu bilden, diesen den für die Schule nöthigen Wissensstoff in zureichender Fülle zu übermitteln, sie in der Kunst des Unterrichtens praktisch zu üben und zur Einsicht in die Praxis theoretisch zu befähigen. Die Lehrer - Seminare haben an dieser Aufgabe ihre volle Last und keinen Raum für philosophische Production. Die Lehrer- Seminare setzen darum eine Wissenschaft der Pädagogik voraus, wie dies auch beiden staatlichen Lehrer-Seminaren der Fall ist. Wenn bei diesen es Seminar - Direetoren gegegeben hat, die auf die Wissenschaft der Pädagogik befruchtend und treibend von dem größten Einstuß waren, so war der Boden dieses Einflusses nicht das ihnen unterstehende Seminar. sondern — die Wissenschaft und das Cultusministerium. Ohne diesen umfassenden einheitlichen Boden wäre Pestalozzi ein im eigenen Feuer sich verzehrender, vereinzelter Schullehrer geblieben, und was die Seminar- Direetoren Dinter, Harnisch, Diesterweg rc. und deren Bedeutung für die Pädagogik betrifft, so waren die Seminare nicht der Acker, auf dem sie ihre pädagogisch-wissenschaftliche Ernte hatten, sondern in den sie die Saaten ihrer auf wissenschaftlichem Boden gereiften Ernten hineinstreuten. Seminarien sind, was sie dem Wortsinne nach bedeuten, Pflanzstätten, die Ernten gehören dem praktischen Leben. An ihren Früchten sollen sich die in ihnen ausgestreuten Keime, die theoretischen Grundsätze, alr gesund und lebentreibend bewähren. Die Lehrer-Seminare setzen eine pädagogische Wissenschaft voraus, der sie freilich, was sie ihr entnehmen, mit reichen Zinsen wieder ersetzen — aber eine Quelle der Wissenschaft sind sie nicht, wenigstens kann von ihnen dies zu sein nicht gefordert werden: sie sind Bäume des Lebens, die Forderung, sie sollten Bäume der Erkennt - niß sein, könnte ihren Tod bedeuten. Der Baum der Erkenntniß, von denen die staatlichen Seminare die Früchte brechen, sind die Universitäten und die concrete Universitas der geistigen Arbeit. Das Judenthum besitzt eine solche Universitas in der Vergangenheit; in der Gegenwart ist es ein Conglomerat von Bruchstücken. Ein Gebiet nur giebt es, wo das Judenthum auf festem, einheitlichem Boden steht: das Gebiet der — im engeren Sinne —> jüdischen Wissenschaft, der von dem großen Zunz angeregten, aber erst durch die Rabbiner-Seminare zu der herrlichen Blüthe gelangten Forschungen zur Erkenntniß des jüdischen Alterthums. Das Rabbiner-Seminar, das in der Erkenntniß des jüdischen Alterthums eine wissenschaftliche Welt begründet hat, ist auch der einzig mögliche Schöpfer einer solchen wissenschaftlichen, organisch belebten und gegliederten Welt für die Pädagogik der isr. Religiosschule. Wenn die Rabbiner-Seminare dieser Aufgabe sich mit demselben Eifer hingeben, wie der Erkenntniß des jüd. Alterthums, dann werden sie die wahren Central-Punkte für das ganze Jude nt hum der Gegenwart bilden. Denn die sogenannte „Wissenschaft des Judenthums" ist der nichtwissenschaftlichen Welt herzlich gleichgiltig. Beweis: wie schwer erhalten sich Vereine für jüdische Litteratur und Wissenschaft! Was ist dem jüdischen Laien Hecuba — wollte sagen: das jüdische Alterthum? Er gehört der Gegenwart an, und nur die Stimme der Gegenwart dringt ihm an'S Ohr. — Die Fragen der Erziehung uiib Bildung sind aber bis auf ihr fernstes, selbst nur mikrophonisch vernehmbares Echo — ©tt min eil der Gegenwart, es mag die wissenschaftliche, die technische, die ethische oder religiöse Erziehung betreffen. Für diese Stimmen hat der Jude nicht nur ein Ohr, sondern auch ein Herz. Wer soll, wer kann den Ruf der Judenheit unserer Zeit: ir22'? IPP‘7 „Schaffet eine Einheit für unser Herz" in diesen seinen heiligsten Regungen, beherzigen und befriedigen?Nur dieRabbiner-Seminare und Hochschulen. — O welcher hehre, erhabene Beruf dieser Lehranstalten, in solcher Weise nicht nur die Seele des jüdischen Synagogal-Lebens, sondern auch ganz und voll des jüdischen Schullebens zu sein, und nicht nur als idealer, sondern auch als conereter Mittelpunkt dazustehen, von dem aus nach allen Punkten der Peripherie und überall hin innerhalb derselben sich Strahlen des concretesten, wärmsten Interesses für das Herz des jüd. Lebens, für die religiöse Erziehung unserer Kinder ausbreiten! Die Rabbiner- Seminare und Hochschulen der jüd. Wissenschaft sind einzig und allein in der Lage, diese erhabene Aufgabe zu erfüllen! Im Judenthum der Gegenwart haben wir, wie in der Pest nach den vcrhängnißvollen Streitigkeiten des alten Korach den Einen Hohenpriester Ahron nölhig, der — ft2 "TWn DTlön p21 D”nn „sich zwischen die Erstorbenen und Lebenden, — die Indifferenten und Begeisterten, die für's Judenthum erkalteten, erwachsenen Großen und den für dasselbe zu erwärmenden, auflebenden Kleinen — stellte;" wir haben viele Priester, aber keinen Hohenpriester: das Rabbiner-Seminar, die Pflanzschule der Priester, könnte dieser Hohepriester sein, wenn es neben seinen Lehrstühlen für die theoretische Wissenschaft des Judenthums auch einem Lehrstuhle für die allerpraktischste, in das Herz und das Leben des Judenthums und der Judenheit tief eingreifende, Wissenschaft der religiösen Erziehung, einem Lehrstuhle für die Pädagogik der jüdischen Religionsschule, nicht nur einen Platz gönnt, sondern einen Ehrenplatz bereitet. Das ist das dringende Postulat unserer Religionsschule an unsere Rabbiner-Seminare und Hochschulen der jüd. Wissenschaft. Berichte und Correspondenzerr. Deutschland. Iterkin, 18. März. Etwa 8 Jahre nach dem Tode Moses Mendelssohn's geboren, entschlief gestern Abend 6 Uhr. wenige Wochen nach dem 100. Todestage Mendelssohn's, in seinem 92. Lebensjahre der Nestor der jüdischen Gelehrtenwelt, der Schöpfer der jüdischen Wissenschaft, Leopold Zunz, sanft nach kurzem Krankenlager. Wir begnügen uns, für heute nur die Hauptmomente seines Lebensganges und seine Hauptwerke hier anzugeben. Zunz war am 10. August 1794 in Detmold geboren, kam als Kind mit seinen Eltern nach Hamburg und nach dem Tode seines Vaters, durch den er den ersten Unterricht erhielt, 1803 nach Wolfenbüttel in die Samson'sche Freischule, welche im Juni d. I. ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Seit 1810 wirkte Zunz an dieser Schule als Elementarlehrer und besuchte zu gleicher Zeit zu seiner weiteren Ausbildung das Wolfenbütteler Gymnasium. In den