Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 13. (25.3.1886)
- Date
- 1886-03-25
- Page
- Seite 101 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 101 — die Wege ab, auf denen sie erstrebt werden müssen. Es waren Arbeiten, die zu ihrer Bewältigung eine ganze Reihe bedeutender Fachgelehrten erforderten. Dennoch ging er ganz allein an die Lösung der Aufgabe und nach 12 Jahren angestrengtester Arbeit erschien sein unsterbliches Werk „Die gottesdienstl. Vorträge der Juden", ein Buch, welches über das dunkle Chaos eines zweitausendjährigen Schriftthums ungeahntes Licht verbreitet. Ein zeitgenössischer Forscher schildert uns den Eindruck, den dieses Buch damals auf die Leser machte, in folgenden Worten: „Zunz hatte das Schöpferwort gesprochen.wir waren entzückt, wir fühlten uns geistig gehoben als Menschen und Juden. Die Brücke von den biblischen Schriften bis auf die Gegenwart war gebaut; die Strebepfeiler, welche sie trugen, waren zwar nicht alle von gleichem Ebenmaaß, aber der Weg war gebahnt". Es wird für den künftigen Geschichtsschreiber, der den ungeahnten Aufschwung der jüd. Wissenschaft in unserem Jahrhunderte schildern wird, feine leichte Aufgabe sein, die staunenswerthe Thatsache zu erkläre«, daß die jüdische Wissenschaft in ihrem ersten Vertreter gleich in voller Meisterschaft auftrat, daß sie zu Leistungen, die auf anderen Gebieten Jahrzehnte beanspruchen, kaum eben soviele Jahre brauchte. Und er wird sie nur erklären können durch die Annahme, daß der Begründer der jüd. Wissenschaft einer jener Männer war, die der Ewige zum Heile eines Volkes erstehen läßt, ein Mann, von dem das Wort unseres Propheten gilt: „Seht meinen Knecht, den ich unterstütze, meinen Erkorenen, an dem meine Seele Wohlgefallen hat: ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, damit er das Recht den Völkern darlege". Jene wunderbare Begabung, vermöge welcher er den ungeheuren chaotischen Stoff so meisterlich beherrschte und aus dem ungefügigen Material Wunderwerke geschichtlicher Darstellung aufführte; jener Tiefblicke mit dem er in seinen biographischen Schilderungen großer Männer alle bewegenden Kräfte der Zeitgeschichte durchschaute und sie um seine Helden gruppirte, so daß diese als von jenen getragen und jene als von diesen beeinflußt erschienen, — nicht Erziehung und nicht Studium vermögen sie zu erklären: Der Geist von dem Ewigen war es, jener Geist der Erkenntniß und der Gottesfurcht, der in ihm Solches geweckt. Seine tief innerste Ueberzeugung von der Heilssendung seines Stammes ließ ihn überall, auch in der gewaltsam abgesperrten Judengasse des Mittelalters, die verborgenen Wege herausfinden, auf denen der Geist des Judenthums und der Geist der Völker sich berührten und dadurch neue höbere Entwickelungen anbahnten. Ihm war das Judenthum nicht wie so manchen Gelehrten eine Leiche, die er zu wissenschaftlichen Zwecken secierte, nein, ihm lebte es, und auf dieses wundersame Leben in Religion und Wissenschaft lenkte er die Aufmerksamkeit der Forscher und Staatsmänner, auf daß sie diese bisher unbenutzte Kraft zur Förderung der Gesammtheit heranziehen und der jüdischen Wissenschaft und dem jüdischen Leben die Gleichberechtigung im Reiche des menschlichen Geistes und der menschlichen Gesittung gewähren möchten. II. Denn der Ewige hatte seinen Geist auf ihn gelegt, „damit er, wie unser Texlwort sagt, das Recht den Völkern darlege". Darum lautete auch sein Wahlspruch: „Echte Wissenschaft ist Thaten erzeugend". Und wahrlich, seine Wissenschaft wirkte schöpferisch und umgestaltend nach Innen wie nach Außen. Im Innern gab sich ihr Einfluß kund: in der zeitgemäßen Reform des Gottesdienstes, in der Wiedererweckung des Gotteswortes, in der Verbesserung des Religionsunterrichtes, in der Gründung höherer Schulen zur Ausbildung wissenschaftlich ausgerüsteter Rabbiner und Lehrer. Aber auch nach Außen hin waren sie von wohlthätigem Einfluß. Wenn die jüd. Wissenschaft sich allmählich einen Ehrenplatz in der Weltlitteratur eroberte, so ist das ihrem Begründer zu danken; und wenn dem Juden endlich sein Recht im Staatsleben eingeräumt wurde, so ist auch dies zu einem nicht geringen Theile auf die geräuschlose Arbeit des Gelehrten zurückzuführen, der beit Wahn und die Unwissenheit — diese hartnäckigsten Gegner der Freiheit und des Rechtes — siegreich bekämpfte. In jener geharnischten Vorrede zu seinem Meisterwerke, worin der edle Charakter des Verfassers am klarsten zu Tage tritt, bezeichnet er ausdrücklich als das Hauptziel seiner wissenschaftlichen Untersuchungen: „Die Anerkennung des Rechts und der Wissenschaft". Darum waren seine Augen allezeit auf das Leben der Gegenwart gerichtet; und wo auch immer der Mißverstand sich gegen den Fortschritt der Freiheit und des Rechtes stemmte, da griff er in den unermeßlichen Schatz seines Wissens um die Gegner zu widerlegen. Als den Juden in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts die Einführung der deutschen Predigt als einer nichtjüdischen Einrichtung durch Regierungsedikt untersagt wurde, da ging er an die Abfassung seines Meisterwerkes, worin für alle Ewigkeit unwiderleglich nachgewiesen ist, daß man die Institution der Predigt dem Judenthum zu verdanken hat, welches sie seit jeher besessen. Und als man um dieselbe Zeit auf den lächerlichen Gedanken kam, den Juden die Führung deutscher Namen zu verbieten, da setzte er sich hin und schrieb jene mustcrgiltige Abhandlung: „Namen der Juden", worin er den Beweis erbrachte, daß die Juden bereits vor vielen Jahrhunderten jene Namen führten, die man damals für nichtjüdische annahm. Und so verdanken noch viele andere Schriften unseres Meisters dieser seiner Wachsamkeit ihre Entstehung, denn er lebte nicht in der Vergangenheit, obgleich er sie beherrschte wie kein Anderer, er lebte in der Gegenwart, auf deren Gestaltung er mächtig einzuwirken suchte. M. A.! Brauche ich es erst noch besonders hervorzuheben, daß der allverehrte Meister auch in den Tugenden edlen Menschenthums als Meister und Vorbild glänzte? Wer kennt nicht seine überaus strenge Wahrhaftigkeit, die sich sogar gegen den harmlosen Schein gesellschaftlicher Umgangsformen kehrte? Wen entzückte nicht seine Liebe zur Unabhängigkeit, die ihn schon in seiner Jugend zur freiwilligen Niederlegung seines Predigt-Amtes veranlaßte? Wer von all den Freunden, die in früheren Jahren in seinem Hause verkehrten, bewunderte nicht seine große Bedürfnißlosigkeit? Ueber alle Maßen erquickend aber war seine große Herzensgüte, besonders gegen die jüngeren aufbrestenden Gelehrten, die er in ihren Studien mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit unterstützte und förderte. So lebte er in unserer Mitte, ein Gegenstand allgemeiner Bewunderung und Verehrung. Und kein Freund der jüd. Wissenschaft berührte unsere Stadt, ohne nach jener bescheidenen Wohnung zu pilgern, wo der Meister einen Jeden freundlich empfing — und für Lebenszeit prägte sich Jedem sein Bild ein, der auch nur einmal das schneeige Haupt gesehen und in die treuherzigen Augen geblickt hatte. Und dadurch wurde er unserer Gesammtheit auch dann noch zum Segen, als er nichts mehr für sie zu leisten vermochte. „Denn wenn die Vorsehung es mit einem Volke gut meint", sagt einer unserer Gelehrten, „dann läßt sie seine guten und großen Menschen zu hohen Jahren kommen. Sie sind ein Segen des Volkes nicht nur durch das, was sie im Alter noch Großes und Gutes leisten, sondern auch durch das, was sie von der Jugend empfangen. Sie empfangen, was dem gleichaltrig Mitstrebenden nur selten gewährt wird: neidlose Hingebung, dankbare Pietät. Der Sinn für Pietät aber, der in einem Volke erzeugt wird, ist eine moralische Kraft, welche über viele ökonomische Werthe weit erhaben ist". Und da nun der Meister für immer von uns scheidet, rufen wir ihm mit jenem Prophetenschüler nach: „Mein Vater, mein Vater, Wagen Israels und sein Reiter!" Möge sein Geist allezeit fortleben in Israel! Unsere Gemeinde zumal, auf welche die Augen Israels gerichtet sind — unsere Gemeinde, die es schon bei Lebzeiten des Meisters über-